November Nine Countdown 7: Phil Ivey

Phil Ivey
So wird das Main Event wahrscheinlich nicht enden.

Was gibt es noch zu sagen über den Mann, den drei Viertel der Pokerfans weltweit als Sieger des WSOP Main Events erwarten, obwohl er nur als Siebter in Chips an den Finaltisch geht? Ivey ist der Mann der Superlative: die meisten Finaltische, die meisten Titel, die höchsten Gewinne, die kürzesten Kommentare und … die Aura!

Jerome Graham war Mitte der 1990er ein gern gesehener Gast in den Pokercasinos von Atlantic City. Er war freundlich und zurückhaltend und spielte so ausdauernd, dass die anderen Stammgäste ihm den Spitznamen „No Home Jerome" gaben. Wen störte es da schon, dass er ein bisschen zu jung und sein Pass irgendwie nicht ganz echt aussah? Das Beste aus Sicht der Casinobetreiber aber war: Er verlor - zuverlässig und regelmäßig. Manchmal wurden ihm Strom und Heizung gesperrt.

Phil Ivey
Als Jerome noch relativ erfolglos.

Es dauerte etwa zwei Jahre, bis sich der Wind drehte. Der junge Spieler traf ein Mädchen, heiratete, lernte, verbesserte sein Spiel und erklärte dem Casinopersonal eines Abends, dass er gerade seinen 21. Geburtstag gefeiert habe und im Übrigen nicht Jerome heiße, sondern Phil. Das war 1997.

Drei Jahre später fuhr Phil Ivey zum ersten Mal zur WSOP. In dem $2000 NLHE Event wurde er Fünfter, im $2500 PL Omaha schlug er am letzten Tisch Dave „Devilfish" Ulliott, Phil Hellmuth und im Heads-up schließlich „Amarillo Slim" Preston. Iveys erstes Bracelet. Sein Stern war aufgegangen, und er funkelt bis heute, heller als alle anderen.

Seit dem Ableben von Chip Reese gilt Ivey als bester Allround-Spieler der Welt. Er saß sechs Mal am Finaltisch eines WPT Events (ein Championship-Titel), am Wochenende steht sein 21. Finaltisch bei der WSOP an. In diesem Jahr gewann er seine Bracelets Nr. 6 und 7 (bei den ersten fünf war er noch nicht einmal 30 Jahre alt). Bisher ist noch kein NHLE-Bracelet dabei. Ivey ist Allround-Spieler. Er gewann Turniere in Seven Card Stud, Omaha, 2-7 Lowball, HORSE und SHOE. 18 offizielle Turniersiege und 100 Cashes stehen auf seinem Lebenslauf, er gewann die Monte Carlo Millions, die Legends of Poker, bei Poker after Dark, in Las Vegas, Los Angeles, in Verona, überall.

Phil Ivey gewinnt und muckt.

Im $4000/$8000 „Big Game" im Bellagio ist er ein regelmäßiger Gast. Als der Milliardär Andy Beal die besten Pokerspieler der Welt zu einem Heads-up-Marathon herausforderte und die Einsätze so hoch schraubte, rutschten selbst langjährige Profis wie Ted Forrest und Howard Lederer aus ihrer Comfort Zone. Beal hatte bereits 7,5 Mio. Dollar bei $20.000/$40.000(!) Stakes gewonnen, als Ivey einsprang und Beal in drei Tagen 16 Mio. abnahm. Nachzulesen ist die ganze Geschichte in The Banker, the Professor and the Suicide King (bisher nur auf Englisch erschienen).

Ivey ist 12. der Geldrangliste 2009, 2. der Geldrangliste WSOP 2009, 13. der ewigen Geldrangliste der WSOP und 3. der allgemeinen ewigen Geldrangliste. Wenn er das Main Event gewinnt, wird er all diese Listen anführen, den Spitzenplatz auf der ewigen Geldrangliste wird er auf jeden Fall von Daniel Negreanu übernehmen. Ein paar Stunden, nachdem er den Finaltisch des WSOP Main Events erreicht hatte, tauchte Ivey in Bobby's Room im Bellagio auf und kaufte sich ins „Big Game" ein. Nach acht Tagen Dauerpoker.

Phil Ivey
Würden Sie das All-in bezahlen?

Ivey gewinnt live, er gewinnt online, er gewinnt Prop Bets. Ivey ist eine Maschine, ein Mythos. Wie viele Side Bets er abgeschlossen hat, ist nicht bekannt. Allein Andy Bloch müsste einem WSOP-Gewinner Ivey zwei Millionen Dollar zahlen. Er bot Ivey eine 20k Dollarwette mit 99:1 Odds an, als noch 2400 Spieler im Turnier waren. Ivey stimmte sofort zu. Seinem Sponsor Full Tilt dürfte der Titel ebenfalls ein hübsches Sümmchen wert sein.

Chipleader Darvin Moon erklärte, er werde seine Karten schon wegwerfen, „wenn Phil mich nur ansieht". Fast alle Spieler werden plötzlich still, wenn sie eine Hand gegen Ivey spielen „müssen". Bloß keinen Fehler machen jetzt. Liege ich vorn oder hat er mich schon am Haken? Hat er nichts oder die Nuts? Häufig sprechen Spieler davon, dass Phil Ivey eine besondere Aura umgibt, die ihn noch stärker, beinahe unangreifbar erscheinen lässt. So unangreifbar, dass er noch nicht einmal einen Spitznamen hat. Die Bezeichnung „Tiger Woods of Poker" ist eine Hommage und kein Spitzname.

Schon drei Mal stand Ivey kurz vor dem Erreichen des Final Tables. 2003 wurde er als Bubble Boy Zehnter, nachdem der mit einem Full House an dem späteren Sieger Chris Moneymaker gescheitert war.

Bleibt die Frage: Wer soll Ivey schlagen?

Die Antwort ist einfach: die Varianz, der Zufall und seine Gegner. Ivey wird das Turnier nicht gewinnen, obwohl er der beste Spieler ist. Über kurz oder lang wird ihn ein Suck-out erwischen oder er wird einen Fehler machen wie an Tag 7, als er die Gewinnerhand hielt und in den Muck warf, ohne seinen Flush zu bemerken (siehe oben). Außerdem ist es ja nicht so, dass Ivey kein Glück benötigt hätte, um so weit zu kommen. Mit Buben gegen Damen antreten und ein Set floppen ist ebenso keine Spielkunst wie mit 9-7 gegen Könige eine 9 auf dem Flop und eine weitere auf dem Turn zu finden.

Ivey gewinnt das Turnier nicht, weil das Podest, auf das er gestellt wird, zu hoch ist. Er hat acht Gegner, die nur darauf warten, als der Spieler in die Geschichte einzugehen, der Ivey vom Finaltisch genommen hat. Einer von ihnen wird irgendwann die Nuts halten. Ivey wird verlieren. Sorry, Leute, findet euch damit ab.

Phil Ivey

  • Online-Name: Phil Ivey (er ist eben Phil Ivey, daher auch kein Alternativvorschlag)
  • Siegchancen laut WSOP-Umfrage: 78,05%
  • Chips: 9.765.000
  • Seat: 3

Der November Nine Countdown

  1. November Nine Countdown 10: Apokerlypse Now
  2. November Nine Countdown 9: James Akenhead
  3. November Nine Countdown 8: Antoine Saout
  4. November Nine Countdown 7: Phil Ivey
  5. November Nine Countdown 6: Kevin Schaffel
  6. November Nine Countdown 5: Joseph Cada
  7. November Nine Countdown 4: Jeff Shulman
  8. November Nine Countdown 3: Steven Begleiter
  9. November Nine Countdown 2: Eric Buchman
  10. November Nine Countdown 1: Darvin Moon

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