Mieses Spiel unterm Berliner Fernsehturm

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Falsche Versprechungen, Betrugsvorwürfe, Beurlaubungen - im neu eröffneten Westspiel-Casino unterm Berliner Fernsehturm geht es momentan zu wie im Spät-Rom der Antike. Mittlerweile hat sich nicht nur der Berliner Senat, sondern auch das Landeskriminalamt in die Angelegenheit eingeschaltet. Mit einer Klärung wird nun zum 1. 1. 2011 gerechnet. Wirkliche Gewinner dürfte es in der Affäre am Ende aber nicht mehr geben.

Verkürze die Entfernung zwischen Absender und Adressaten und die Wahrscheinlichkeit steigt, dass deine Nachricht gehört wird. Nach diesem Motto verfuhren am vergangenen Mittwoch die Angestellten des Westspiel Casinos in Berlin. Nach einer ersten Demonstration vor der Haustür unterm Fernsehturm hatte man sich dieses Mal bei Schnee und Wind vor dem Gebäude der Landesvertretung von Nordrhein-Westfalen in der Hauptstadt postiert. Genau dort residiert auch die entsprechende Landesbank und eben dieser gehört wiederum die Westspielgruppe, sowie deren Tochter die „Neue Deutsche Spielcasino GmbH" (NDSC). Man war also ziemlich nah dran an jenem Ohr, welches die Message verstehen sollte.

Oder sollte man hier vielleicht besser nur vom hören sprechen. Denn von Verstehen kann eigentlich schon längst keine Rede mehr sein. Selbst Insider sehen nicht mehr vollständig durch in der Affäre um das Westspiel-Casino von Berlin.

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Weniger Mitarbeiter, dafür mehr Automaten.

Weil das ganze Verwirrspiel aber ein erhellendes Licht auf die Glücksspielgesetzgebung in Deutschland und deren konkret reale Erscheinungsformen wirft, stellen wir die Positionen hier noch einmal gegenüber.

Eine kurze Zusammenfassung der Situation:

Seit dem vielbeachteten Umzug des Westspiel-Casinos vom Dachgeschoss des Park Inn Hotels in das Sockelgebäude des Fernsehturms vor zwei Monaten wird dort kein klassisches Spiel mehr angeboten. Über 30 Mitarbeiter wurden vom Dienst freigestellt. Außerdem hat die Westspiel-Gruppe, zu der das Casino Berlin gehört, Betrugsvorwürfe gegen sechs leitende Angestellte erhoben. Der Berliner Senat droht dem Casino nun mit Entzug der Konzession aufgrund des fehlenden klassischen Spiels und das LKA ermittelt hinsichtlich der Betrugsvorwürfe.

Der Hintergrund:

Am 3. Oktober 2010 wurde das Casino Berlin nach einem Umzug vom Dachgeschoss des Park Inn Hotels in das Sockelgebäude des nahen Fernsehturms neu eröffnet. Vom „Schritt in ein neues Zeitalter" war dann allerdings wenig zu sehen, denn ab dem ersten Tag fehlten (bis heute) Poker, Blackjack und Roulette, als das komplette klassische Spiel. Den verwunderten Besuchern wurde das mit „technisch-rechtlichen Problemen" erklärt.

Bereits ab dem 1. Oktober waren 30 Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen von der Arbeit freigestellt worden. Zwar wurde das Grundgehalt weitergezahlt, auf Schichtzuschläge und Gehaltsergänzungen aus dem Troncaufkommen (Trinkgeld) musste jedoch verzichtet werden. Außerdem wurde von der Geschäftsleitung nicht klar gemacht, inwieweit die Arbeitsverhältnisse weiterhin Bestand haben werden.

Wenig später wird klar, was zur Eskalation der Situation geführt hat. Die Westspiel-Führung wollte die komplette Auswertung der Video-Überwachung des Live-Spiels - also Roulette, Blackjack und auch Poker - in ihre Zentrale nach Duisburg verlagern. Dagegen gab es von Seiten des Casinos Berlin Widerstand. Ein Richter hatte dem Einspruch der Geschäftsleitung später stattgegeben. Die ganze Angelegenheit ging also vor Gericht.

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Kein klassisches Spiel mehr in Berlin?

Am 9. November erfolgte dann die erste Demonstration der Berliner Belegschaft gegen die Beurlaubung. Dabei wurde auch klar gemacht, dass die Lizenzgeber des Casino Berlin,  nämlich Innensenator Körting und der Berliner Senat für das Angebot des so genannten „klassischen Spiel" in den von ihnen lizenzierten Casinos Sorge zu tragen hätten.

Mittlerweile hat sich der Senat auch eingeschaltet und bestimmt, dass das Casino Berlin spätestens zum 1. Januar 2011 wieder klassisches Spiel anbieten muss oder ihnen ansonsten die Konzession entzogen wird. Durch den Abzug der Roulette-Tische entgehen der Finanzverwaltung ganz nebenbei täglich Einnahmen von 5000 Euro.

Es wird nun allgemein erwartet, dass das Casino Berlin ab Beginn des nächsten Jahres wieder klassisches Spiel anbieten wird, um seine Konzession als staatlich lizenzierte Spielbank zu behalten. In welchem Umfang dieses dann zur Verfügung steht, ist allerdings noch unklar.

Wie die Situation momentan aussieht, dazu äußerte sich am Mittwoch Christian Thiel, Croupier und Betriebsratsmitglied: „Zwar hat sich die verantwortliche Senatsverwaltung eingeschaltet, aber die Betriebsvereinbarung zur Videoüberwachung des Spielbetriebs ist und bleibt umstritten. Trotz Modifikationsbereitschaft des Betriebsrats, die von der Senatsverwaltung sehr positiv aufgenommen wurde, scheint die Geschäftsleitung nicht bereit, sich zu bewegen. Allerdings verlangt die Verwaltung von der Westspiel-Geschäftsleitung, dass es bis zum 10.12.2010 zu einer Regelung kommen muss."

Das heißt nichts Anderes, als das hinter verschlossenen Türen immer noch heftig gestritten wird. Nachfolgend sind die einzelnen Positionen noch einmal aufgeführt:

Argumente Westspiel Berlin Geschäftsleitung:

Laut der Duisburger Geschäftszentrale von Westspiel werde solange kein klassisches Spiel angeboten, solange eine Videoüberwachung der Tische nicht realisierbar ist. Dabei geht es der Geschäftsführung um Herrn Mahlmann offenbar aber vor allem darum, dass das aufgenommene Material in Duisburg ausgewertet wird. Die Videoüberwachung dient nicht nur der Überwachung des Spielbetriebs sondern natürlich auch der Überwachung der eigenen Mitarbeiter. Gerade Casino-Croupiers und natürlich auch die örtliche Direktion hantieren täglich mit großen Geldsummen.  Die Betrugsmöglichkeiten sind zahlreich. Und offenbar auch die Manipulationsmöglichkeiten des Videomaterials.

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Videoüberwachung - einfach zu manipulieren?

Und da scheint der Hase tatsächlich im Pfeffer zu liegen: die Westspiel-Gruppe hat nämlich bereits vor dem Umzug massive Vorwürfe gegen sechs leitende Angestellte des Casinos Berlin erhoben. Der Vorwurf lautet, dass sich einige Mitarbeiter vor dem Umzug des Casinos an den Tronc-Dosen bereichert hätten. Der Tronc sind die Trinkgeldkassen beim klassischen Spiel, deren Inhalt üblicherweise nach einem bestimmten Schlüssel unter den Mitarbeitern verteilt wird. Diese Dosen sind verschlossen und lassen sich nur von autorisiertem Personal öffnen.

Der Vorwurf der Westspiel-Gruppe lautet, dass einige der Dosen auch ohne Schlüssel zu öffnen gewesen seien und sieht darin einen potentiellen Betrug. Derzeit ist das LKA eingeschaltet und untersucht die Tronc-Dosen.

Die betroffenen Mitarbeiter sehen in der Schuldzuweisung den Versuch, die komplette Führungsetage des Casinos Berlin auszutauschen.

Dass so was allein durch einen Angriff auf die Integrität der leitenden Mitarbeiter funktionieren kann, bewies ein Vorfall im Westspiel-Casino Aachen 1996. Damals wurden acht Croupiers entlassen, die angeblich Millionenbeträge ergaunert hatten. Die Gerichte konnten die Schuld der Angeklagten später nicht beweisen. Eingestellt wurde sie danach allerdings nicht wieder. Es wurden weder Abfindungen bezahlt noch mussten irgendwelche unliebigen Diskussionen mit Betriebsrat oder Tarifkommissionen geführt werden.

Auch für Berlin wurden bereits am 18. November sieben Nachfolger auf der Führungsebene bekannt gegeben. Denn selbst wenn das LKA keinen Betrug oder Betrugsversuch nachweisen kann, werden die betroffenen Mitarbeiter voraussichtlich nicht von der Westspiel-Gruppe rehabilitiert.

Argumente Westspiel Berlin Angestellte:

Für Croupier Uwe Harbarth, der stellvertretender Betriebsrat des Casinos Berlin ist, steht deshalb längst fest: „Die Geschäftsführung testet an uns ein neues Firmenkonzept. Es geht darum, das relativ kostenaufwendige klassische Spiel still und heimlich verschwinden zu lassen. Dabei leisten gerade die Croupiers am Tisch bei jedem Spieler auch Suchtprävention, das kann ein Automat niemals leisten." Harbarth hofft, wie die übrige Belegschaft nun, dass die zuständige Senatsinnenverwaltung bis Weihnachten entscheidet und den Arbeitgeber dahingehend beauflagt, das klassische Spiel wieder vollumfänglich anzubieten. „Westspiel muss seinem ordnungspolitischen Auftrag gerecht werden. Die Betreibererlaubnis des Casino Berlin ist eben nicht nur Erlaubnis, sondern auch Verpflichtung."

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Roulette-Croupiers - "das kann ein Automat niemals leisten."

Argumente der Gewerkschaften:

Ähnlich sehen das auch die Gewerkschaften. Die Dienstleistungsgewerkschaft ver.di verurteilte das Verhalten der Geschäftsleitung „auf das Schärfste". Die Arbeitgeber machten unter fadenscheiniger Begründung wahr, was bei den laufenden Tarifverhandlungen bereits ausgesprochen worden sei. „Das klassische Spiel soll automatisiert werden", sagte der ver.di-Chef für Finanzdienstleistungen, Frank Wolf. „Das heißt weniger Mitarbeiter, dafür mehr Automaten." Laut Ver.di Glücksspiel-Experte Bernhard Stracke werde in Berlin unter dem Deckmantel der Spielbank eine klassische Zocker-Halle betrieben. Das sei ein klarer Verstoß gegen das Berliner Spielbankengesetz (SpBG)." Danach soll in den zwei in Berlin konzessionierten Häusern sollen sowohl Lebend- als auch Automatenspiel angeboten werden, um das natürliche Spielbedürfnis der Bevölkerung in geordnete Bahnen zu lenken und ein Ausweichen auf illegale Glücksspiele zu verhindern.

Fazit:

In der Affäre um die (temporäre) Eliminierung des klassischen Spiels im Westspiel Casino Berlin geht es letztlich um zwei entscheidende Positionen: zum einen ist das Ganze das Ergebnis eines internen Machtkampfes bei dem es um Betrug aber wohl auch um persönliche Animositäten geht. Dieser Kampf wird nur zum Teil auf legitimiertem Territorium ausgetragen. Wenn schon eine nicht bewiesene Anschuldigung zur Entlassung oder Kaltstellung einer ganzen Führungsriege reicht, dann entspricht das Ganze wohl kaum dem Anspruch auf Transparenz und Rechtssicherheit in einer staatlich kontrollierten Glücksspielinstitution. Eher muss davon ausgegangen werden, dass sich aufgrund fehlender Kontrollmechanismen gerade in den Westspiel-Casinos ein quasi-mafiöses Geflecht aus Betrug und illegaler Vorteilnahme etabliert hat.

Und auf der anderen Seite wird die Auseinandersetzung von der Geschäftsleitung in Duisburg nun dafür missbraucht, um den ordnungspolitischen Auftrag einer staatlich lizenzierten Spielbank zu untergraben.

huetchenspiel

Die letzte Entscheidung über den Ausgang der Auseinandersetzung obliegt nun dem Berliner Senat. Sollte er allerdings nicht genügend Druck auf die Westspiel-Gruppe ausüben, dann kommt es am Berliner Alexanderplatz ja vielleicht schon bald zu einer kleinen Renaissance:

Dann kann der Besucher ja vielleicht schon bald wieder einen Hunderter im Hütchenspiel riskieren. Die dafür zuständigen „Croupiers" würde das in jedem Fall freuen.

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Peter 2011-11-24 10:34:38

In Duisburg gibt es das klassische Spiel noch, da sollte das Lka ermitteln, weil dort gezinkt wird wie nur was. Selten erlebt dass ein Casino so dreist ist und beim Black Jack mehr kleine Karten als große Karten in die one2six packt. Das ist Betrug!

R. Wrede 2010-12-20 11:44:22

In Bremen auch Westspiel sind die gleichen Tendenzen zu erkennen,es wird
Zeit, daß diesem Unternehmen die Konzession entzogen wird.

Tk