Mein schleichender Abschied vom Pokerspiel

Share:
16. Mai 2017, Von: Rainer Gottlieb
Geposted in: PokerZeit Blog
Mein schleichender Abschied vom Pokerspiel

Ich spiele seit etwa 30 Jahren Poker. Dabei habe ich die Entwicklung des Spiels von einer exotischen, vielleicht zweifelhaften Beschäftigung zu einem weltweit höchst populären Phänomen erlebt.

Chips BOM IMG 0044
Hasadeur oder kalkulierter Spieler?

Relativ früh habe ich feststellen können, dass man das Spiel auf unterschiedliche Art spielen kann. Diese Aussage bezieht sich nicht auf die zahllosen Varianten, von denen offenbar nur noch No Limit Hold’em und Pot-Limit Omaha verfügbar sind, sondern auf die Weise, wie jemand das Spiel versteht. Der alte Streitpunkt, ob es sich um ein Geschicklichkeits- oder Glücksspiel handelt, offenbart sich zuallererst darin, wie jemand Poker praktiziert: als kalkulierender aufmerksamer Teilnehmer oder als Hasardeur, der die verfügbaren Informationen ignoriert. 

Ich habe in vielen Spielbanken und Casinos der Welt gespielt. Auch in vielen Homegames und (selten) in illegalen Zirkeln. Es gab Zeiten, da konnte ich die nächste Partie kaum erwarten. Das lag zuallererst an der vergleichsweise „seltenen“ Verfügbarkeit von Pokerpartien. Meist nur am Wochenende gab es die Chance, an lukrativen Runden teilzunehmen. Dazu war es oft nötig, über längere Strecken anzureisen.

Poker ist überall und stets verfügbar

biggest poker online pot 2014
Online: Öde?

Von seltener Verfügbarkeit kann heute nicht mehr die Rede sein. Dabei denke ich nicht an Onlinepoker. Onlinespiel habe ich nie sehr intensiv praktiziert. Meine Accounts bei den einschlägigen Anbietern liegen seit vielen Jahren still. Onlinepoker hat mir nie gefallen, im Gegenteil, es ödet mich einfach nur an.

Livepoker ist ebenfalls nahezu ständig verfügbar. Fast jedes deutsche Casino hat es im Angebot. In meiner Heimatstadt Berlin kann ich offiziell an drei Standorten täglich spielen. Es gibt immer Möglichkeiten für Cashgame, das Turnierangebot ist umfangreich mit täglichen Angeboten.
Hat sich daraus eine Art Sättigungsgefühl entwickelt?

Vermutlich, denn es zieht mich schon seit Längerem nicht mehr an die Spielstätten. Von zwei bis drei Sessions pro Woche bin ich bei einer Session ca. alle sechs Wochen.

Alles erlebt

Es macht keinen Spaß mehr. Beim Cashgame habe ich alle Standartsituationen x-fach erlebt und erlitten. Das macht Cashgame - zumindest No Limit Hold’em - auf die Dauer sehr langweilig. Dabei reifte allerdings auch die Erkenntnis, dass die meisten Spieler ihre Kenntnisse massiv verbessert haben, oder ich vielleicht mit meinen Kenntnissen nicht mehr auf dem erforderlichen Niveau bin.

Spielbank Berlin a
Auch in Berlin: Zu viele Re-Entries

Meine Abneigung gegen die modernen Ausprägungen von Turnierpoker sind hinlänglich bekannt. Die unerträgliche Dominanz von Re-Entry-Turnieren verdirbt mir die Freude an Turnieren. Unlimited Re-Entries für den kompletten ersten Starttag eines mehrtägigen Turniers werden nicht nur in Berlin immer noch als das Non-Plus-Ultra modernen Turnierpokers dargestellt. Leider habe ich mit meinen „Klageliedern“ gegen diese Auswüchse nichts bewirkt. Die Pokergäste akzeptieren oder wollen sogar diese Form, deren einziger Effekt die zeitliche Dehnung eines Turniers ist. Na gut, die Preispools schwellen an, zugegeben. Aber irgendwann kommt auch eine Absurdität wie ein Ultra-Deepstackturnier mit 60 Minuten Blindzeiten und unlimited Re-Entries für die ersten zehn Level in die Situation, dass die Spieler nur noch die Option „push or fold“ haben. Es dauert nur länger, bis dieser prinzipiell turniertypische Zustand eintritt.

Verdammt schwierig, seinen Lebensunterhalt mit Poker zu bestreiten

Mein letztes Turnier war am 24. Februar, das letzte Cashgame am 19. März. Ich habe seitdem kaum den Wunsch verspürt, pokern zu gehen. Offenbar wirklich ein schleichender Abschied.
Meine Bilanz aus 30 Jahren, davon 21 Jahre mit dokumentierten Ergebnissen: viele, viele gespielte Stunden. Es ergibt sich ein Durchschnittsgewinn pro gespielter Stunde von 3,24 Euro. Ein klares Indiz, dass es verdammt schwierig wäre, mit Poker den Lebensunterhalt zu verdienen.

Share:

Bitte füllen Sie die erforderlichen Felder korrekt aus.

Es ist ein Fehler aufgetreten!

Sie müssen drei Minuten warten, bevor sie einen weiteren Kommentar abgeben können.

Noch keine Kommentare