Leck mich am A-Game

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16 April 2013, Von: Rainer Vollmar
Geposted in: PokerZeit Blog
Leck mich am A-Game

Eigentlich ist Pokerzeit ja ne gute Seite zu unserem Lieblingssport. Man findet tagesaktuelle Informationen, die jeweils beste Kritik zu Raabs Pokergepatze und gelegentlich sogar einen interessanten Strategieartikel.

Manchmal bin ich aber mit den Inhalten ganz und gar nicht einverstanden.

Der letzte Artikel von Jared Tendler ist so ein Fall.

Darin geht es um das sogenannte A-Game, das immer abzurufen laut Tendler schlicht unmöglich ist. Wow, welche Erkenntnis! Doch damit nicht genug, Tendler liefert eigentlich nur Binsenweisheiten, die sich bei näherer Betrachtung als purer Blödsinn erweisen.

Hier ein Beispiel: „Ihr Spiel ist nicht statisch. Es wird permanent besser, auch wenn die Nuancen manchmal so fein sein können, dass man sie kaum erkennt. Sobald Sie Ihre optimale Leistung abrufen, gibt es eine neue Messlatte.“

Hä? Was erzählt Tendler da? Wie jeder Pokerstrategy-Eleve, der gerade den 18. Geburtstag hinter sich hat, sülzt er hier im Scientology-Stil von der ewigen Möglichkeit, sich selbst zu verbessern, besser fokussiert sein zu müssen, seinen Tagesablauf in X Prozent Spielen und X Prozent Theorie aufzuteilen usw. usf., bis die gesamte Litanei der Vergeblichkeit zu Ende gebetet ist.

Schon dass jedermanns Spiel tatsächlich permanent besser wird, wage ich anhand meiner Studien am lebenden Objekt zu bezweifeln, aber im Endeffekt spielt das ohnehin nur eine untergeordnete Rolle.

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Jared Tendler - A-Game bis zum Abwinken.

Denn, beim Poker geht es nicht darum, besser zu werden, sondern besser als die Gegner zu sein. Das ist eine relative Angelegenheit, und das viel zitierte A-Game hilft den meisten wenig, wenn sie sich mit Phil Ivey und Tom Dwan am Tisch befinden.

Im englischen Original zieht Tendler dann die feinen Trennlinien zwischen A-Game, B-Game und C-Game (der deutsche Übersetzer hat das freundlicherweise ausgemerzt), wonach einem endgültig schwindlig wird.

Wo hört A-Game auf, wo fängt B-Game an usw. und WER bitte kann das überhaupt bei sich selbst beurteilen.

Entschuldigung Herr Tendler, aber ich kann von mir nur sagen, dass ich eine bestimmte Hand womöglich scheiße gespielt habe, den ganzen Abend auf Tilt war, weil meine Freundin mit mir Schluss gemacht hat, und ich mich an bestimmte Tische nicht setze, weil ich weder Bankroll noch Spielstärke dafür habe.

Solche Sachen, aber bestimmt nicht, ob ich mein A-Game, B-Game oder J-Game abgerufen habe, und es interessiert mich auch nicht.

Setze ich mich an einen Pokertisch, versuche ich getreu dem Motto, wenn man keinen Fisch daran entdeckt, mich selbst dafür zu halten, ein Ensemble mit zumeist schlechteren Spielern zu finden und diesen ihr Geld abzunehmen. Auch dafür brauche ich kein A-Game oder sonst was, sondern mehr Wissen, mehr Können oder im Notfall eine bessere Tagesform.

Und direkt gewonnen, ist damit, wie wir alle wissen, auch noch nichts. Schließlich hat beim Poker mal der eine Glück und mal der andere, und erst langfristig setzt sich der Bessere durch und schneidet profitabel ab.    

Für Herrn Tendler aber ist alles ganz einfach. Sein Text endet mit dem grandiosen Satz: „Je öfter Sie Ihre beste Leistung bringen, desto einfacher ist es, Ihr Spiel auf eine höhere Stufe zu befördern.“

Seit ich in einem englischen Pokerbuch über die Überschrift „Don’t use a sledgehammer, when a smaller sledgehammer does work too“ stolperte, habe ich – Dialektik hin oder her – keinen größeren Unsinn gelesen. 


 

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