Poker in der Karibik – Die Kuba-Krise

Von: Rainer Vollmar
11 November 2012
Geposted in: The Hand
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Gut 50 Jahre ist es mittlerweile her, dass die beiden damaligen Großmächte USA und Sowjetunion sich selbst und die Weltbevölkerung an den Rand des Abgrunds brachten. Während der Kuba-Krise im Oktober 1962 wurde geblufft, geraist und gepokert, was das Zeug hielt.

Die historische Ausgangslage

Nach dem zweiten Weltkrieg etablieren sich mit den USA und der Sowjetunion zwei Weltmächte, wie sie unterschiedlicher nicht sein konnten.

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John F. Kennedy - aggressive Pokerpartie.
 

Hier der demokratische Staat im Westen, der auf seinem Territorium noch nie Opfer eines kriegerischen Angriffs geworden war, und dort der kommunistische Staat im Osten, den der Hitlersche Irrsinnstraum von der Weltherrschaft viele Millionen Menschenleben gekostet hatte.

Anfang der 50er Jahre begannen beide Nationen nicht nur, sich mit der Stationierung von Nuklearwaffen gegenseitig abzuschrecken und bei einem gegnerischen Raise mit dem All-In zu drohen.

Darüber hinaus wählte die sowjetische Führung unter Nikita Chruschtschow Anfang der 60er Jahre den klugen Schachzug, mit dem Karibikstaat Kuba ein Bündnis einzugehen.

Unter der Herrschaft Fidel Castros war dort ebenfalls ein kommunistisches Regime errichtet worden, das den Sowjets den perfekten Stützpunkt im amerikanischen Raum bot.

Die USA reagierten mit einem Erdöl-Embargo für Kuba und konterten die Zusicherung von wirtschaftlicher und militärischer Unterstützung durch die sowjetische Führung mit der Invasion in der Schweinebucht im April 1961. Gleichzeitig wurde seitens der Amerikaner ein Programm gestartet, das Kuba unterwandern und sabotieren sollte.

Die Eskalation

Wie in einer aggressiven Pokerrunde, bei der vor dem Flop schon einmal mit dürftigen Händen eine 6-Bet gebracht wird, schaukelte sich der Konflikt immer weiter hoch.

Während die USA als Gegenmaßnahme Anfang 1962 in der Türkei Atomwaffen stationierten, transportierten die Sowjets fleißig Raketen nach Kuba. Aufklärungsflugzeuge der Amerikaner fotografierten russische Techniker, wie diese Startrampen von Mittelstreckenwaffen installierten.

Mitten im amerikanischen Präsidentschafts-Wahlkampf musste sich John F. Kennedy plötzlich mit einem unliebsamen und teuflisch gefährlichen Nebenschauplatz beschäftigen.

Mit seinen Vertrauten spielte er verschiedene Szenarien durch: Die Hinnahme der Raketen, eine Invasion oder ein Luftangriff.

Nikita Chruschtschow
Nikita Chruschtschow - beträchtliche diplomatische Erfolge.
 

Bevor sich Kennedy für Fold, Raise oder All-In entschied, ordnete er weitere Aufklärungsflüge an. Dabei wurden weitere Raketenstützpunkte entdeckt, die eine unmittelbare Bedrohung für das Territorium der USA darstellten.

Bei einem Besuch des sowjetischen Außenministers Andrej Gromyko verschwieg Kennedy das Problem Kuba, weil er sich nicht in die Karten schauen lassen wollte.

Derweil brodelte es in den USA.

Die meisten führenden Militärs bezogen intern klar Stellung: Eine Seeblockade reiche nicht aus, stattdessen könne die amerikanische Reaktion nur aus Luftangriffen mit einer anschließenden Invasion bestehen.

Kennedy jedoch verzichtete auf das von vielen Seiten geforderte All-In. Er entschied sich für eine Seeblockade und forderte den russischen Staatschef Chruschtschow gleichzeitig in einer Fernsehansprache zum Rückzug aus Kuba auf.

Währenddessen ging die Stationierung russischer Nuklearwaffen auf Kuba munter weiter, Castro forderte von Chruschtschow gar, einen Erstschlag gegen die USA auszuführen, wurde von Chruschtschow aber auf die Konsequenzen hingewiesen und abgeschmettert.

Die Ereignisse überschlugen sich, bis sich ein amerikanischer Aufklärer im russischen Luftraum verirrt und ein anderes Flugzeug der USA über Kuba abgeschossen wird, ehe nicht die Aggression, sondern die Diplomatie schließlich siegt.

Kurz nach der maximalen Eskalation der Krise einigten sich die Parteien auf den Abzug der sowjetischen Raketen aus Kuba und den Verzicht der USA auf eine Invasion. Nicht für die Weltöffentlichkeit bestimmt war Kennedys Zusage, die amerikanischen Raketen in der Türkei zu entfernen.

Letztlich behielt auf russischer Seite die Vernunft die Oberhand – Chruschtschow entschied, auf das brandgefährliche All-In eines atomaren Erstschlags (wie von Castro gefordert) zu verzichten und einzulenken.

Bewertung der historischen Ereignisse

Kuba
Russische Raketenstellungen - teuflisch gefährlicher Nebenkriegsschauplatz.
 

Nie war die weltweite Bedrohung durch einen Atomkrieg größer als in diesen Tagen Ende Oktober 1962.

Am Ende war ausschlaggebend, dass beide Protagonisten – John F. Kennedy und Nikita Chruschtschow – sich ihrer Verantwortung bewusst waren, keine vorschnellen Entscheidungen trafen und die Ratschläge der jeweiligen Militärs, die beiderseits auf All-In, also Angriff hinausliefen, in den Wind schlugen.

Als Konsequenz wurde in beiden Ländern die Verfügungsgewalt über die Atomwaffen dem Militär entzogen, sie ging vollständig in den Verantwortungsbereich des Staatschefs über. Für die Welt war es die Rettung, dass die beiden damaligen Staatsoberhäupter sich bewusst waren, Alternativen zum nuklearen All-in zu haben.

Dabei errang die Sowjetunion den nicht unbeträchtlichen diplomatischen Erfolg, dass die USA ihre Atomraketen aus der Türkei und Italien abzog und so dem Rivalen mehr Sicherheit zubilligte.

Auf der anderen Seite bannte Kennedy die beträchtliche Gefahr, die von sowjetischen Atomwaffen auf Kuba ausgegangen wäre.

Der Kalte Krieg aber wurde noch Jahrzehnte lang weitergeführt. Für ihn galt stets die alte Schachweisheit, dass die Drohung stärker als die Ausführung ist.


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