Kritische Gedanken (2): Die heutige Turnierlandschaft

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23 November 2013, Von: PokerZeit.com
Geposted in: The Hand
Kritische Gedanken (2): Die heutige Turnierlandschaft

Natürlich gibt es noch die guten alten Freeze-Out-Turniere. Aber es gibt viele Modifikationen hinsichtlich der Buy-Ins und der Startstacks.

Seit einigen Jahren heißt das magische Wort: DEEPSTACK.

Vermutlich kennt jeder die Bedeutung. Der Startstack der Teilnehmer ist wirklich „deep“, er bewegt sich in einer Größenordnung von 150 bis 200, manchmal noch mehr (Anfangs)-BB. Viele Spieler schätzen das.

Die Argumentation ist immer, dass man mit einem größeren Stack „besser“ pokern könne, weil es mehr Möglichkeiten für „Moves“ gibt, weil man grenzwertigen Auseinandersetzungen ausweichen kann und - weil man so u.U. früh viele Chips machen kann.

Wie zeigt sich das in der Praxis? Zum einen darin, dass in den frühen Phasen des Turniers wesentlich aggressiver und riskanter gespielt wird.

3-Bets sind Standard, 4- und 5-Bets nicht selten. Zu Beginn, wenn das Stack-Blind-Verhältnis noch hoch ist, kann man logischerweise mehr riskieren.

Ein Deepstackturnier bewirkt also zunächst nichts anderes als eine Verzögerung der prinzipiell notwendigen Eliminierung von Spielern, vulgo: das Turnier dauert länger.

Trotzdem erreicht auch ein solches Turnier irgendwann den Punkt, an dem das Stack-Blind-Ratio keine spekulativen Calls mit Draws mehr zulässt und der Spieler den „push-or-fold-modus“ erreicht. Mit anderen Worten: irgendwann wird auch ein Deepstackturnier „normal“.

Eine ausgezeichnete Abhandlung zu dem Thema hat schon im Jahr 2010 der geschätzte Kollege Harald Gärttner in der Printausgabe Nr. 3/2010 (Seite 64 - 67) von „Pokerfirma“ geliefert.

Sein Text „Deep Stack vs. Deep Structure“ analysiert das Phänomen „Deepstack“ und dessen Vor- und Nachteile. 

Re-Entry-Turniere

Eine gewisse Modifikation des Rebuy-Ansatzes ist das Re-Entry-Turnier. in dieser Turnierform kann man nach einem Bust wieder „einsteigen“. Der wesentliche Unterschied zum Rebuy ist, dass dies nicht unmittelbar nach dem Ausscheiden geschehen muss.

Je nach Turnierbedingungen sind Re-Entries während einer gewissen Zahl von Blindlevels möglich, manchmal sogar den ganzen ersten Turniertag. Re-Entrys erfordern allerdings auch eine erneute Turniergebühr.

In der möglichen Verzögerung des Neustarts kann durchaus ein psychologischer Vorteil bestehen. Wer einen üblen Bad Beat erwischt hat und deswegen zunächst mal genervt, verärgert, vielleicht sogar sauer auf den Verursacher ist, der kann zunächst mal eine Pause einlegen, Dampf ablassen, einen Kaffee trinken.

Er könnte sogar ins Fitnessstudio nebenan gehen und sich durch intensive körperliche Betätigung abreagieren, duschen und geistig und moralisch erfrischt ein Re-Entry wagen.

In einem Rebuy-Turnier ginge das nicht, er müsste unmittelbar nach dem Bust zahlen und es dürfte keinerlei Spielunterbrechung geben.

Bernd Plätrich, Floorman und Turnierverantwortlicher im Pokerfloor Berlin, erzählt dazu eine kleine Anekdote. Sein Motto lautet „Immer für den Gast!“, allerdings musste er einmal einen Teilnehmer aus einem Rebuy-Turnier ausschließen, als dieser kein Bargeld zur Verfügung hatte, um sein Rebuy zu zahlen.

Eine Unterbrechung der Teilnahme um zum Geldautomaten zu gehen, war nicht zulässig. In einem Re-Entry-Turnier wäre dieses Problem nicht entstanden.

Bei geringeren Platzkapazitäten des Turnierveranstalters können durch Nachrücker und Wiedereinsteiger größere Preispools ermöglicht werden.

Deepstack/Re-Entry-Turniere

Persönlich bin ich der festen Überzeugung, dass die letzte Steigerung, nämlich die Kombination aus Re-Entry-/Late Registration und Deepstackturnieren eine Pervertierung des Turnierprinzips sind.

Erlaubt man bei der ohnehin verzögernden Wirkung von Deepstack-Turnierstrukturen auch noch die Möglichkeit, sich nach einem Bust wieder einzukaufen, so wächst der Zeitbedarf für das Turnier weiter. Natürlich, die Preispools werden größer, aber auch dabei muss sich ein Teilnehmer überlegen, ob er bereit ist, ein x-faches der eigentlich angekündigten Buy Ins zu riskieren. Ich bin versucht, folgende ketzerische Äußerung zu tätigen:

Ein Deepstackturnier mit unbegrenztem Re-Entry verschafft den Teilnehmern mit den dicken Brieftaschen deutliche Vorteile und bewegt sich am ersten Turniertag sehr stark in Richtung Cashgame. 

Ein Beispiel: vom 1. bis 3. November lief in den drei Berliner Pokerfloors (Potsdamer Platz, Hasenheide, Fernsehturm) das sogenannte Pokerfloor Allstars Turnier mit 55 Euro Buy In, garantierten 10.000 Euro Preispool, Late Registration, unbegrenzten Re-Entries und einem Startstack von 20.000 Chips.

Das Turnier selbst war sehr gut organisiert und wurde begeistert aufgenommen. Es kam ein enormes Preisgeld von 17.500 Euro aus insgesamt 350 Buy Ins und Re-Entries zusammen.

Eine Momentaufnahme um 22:00 Uhr vom Potsdamer Platz lieferte folgende Daten:

Blinds (Level 7) 500/1000, Ante 100, aktuelle Teilnehmerzahl 76, gestartet war man um 19:00 Uhr mit 79 Spielern. Bis zu dem Zeitpunkt hatte es 122 Ticketkäufe gegeben (avg. Stack damit 32.105), und es sollten insgesamt 171 werden.

Für das Re-Entry gab es in dem Level nur noch 20 BB. Wie die 49 späteren Nachkäufer mit ihren weniger als 20 BB abgeschnitten haben, ist leider nicht bekannt.

Durch die Kombination Deepstack, unlimited Re-Entries und Late-Registration fand also den ganzen ersten Turniertag nur eine sehr verzögerte Eliminierung statt.

Fazit

Jedem Tierchen sein Pläsierchen. Jede Turnierform hat Vor- und Nachteile, es gibt Verfechter der „reinen Idee“, und es existieren viele Anhänger eines möglichst actionreichen Stils bestehend aus vielen Chips, langen Blindzeiten und Nachkaufmöglichkeiten.

Ich bevorzuge eindeutig die ursprüngliche Turnierform des Freezeout.

Im ersten Teil: das Freeze-out.

- Rainer Gottlieb

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