Kritische Gedanken zu Turnierpoker

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22 November 2013, Von: PokerZeit.com
Geposted in: The Hand
Kritische Gedanken zu Turnierpoker

Vorab eine Bemerkung: ich gehöre nicht zu denjenigen, die häufig jammern, früher sei auch im Poker alles besser gewesen. Nein, ich bin dankbar für den Pokerboom, denn er hat mir eine ganze Reihe aufregender und lukrativer Jahre beschert.

Trotzdem möchte ich hier ein paar kritische Anmerkungen zum Thema Turnierpoker, seine Entwicklungen und Tendenzen loswerden.

„In the beginning there were freeze-out tourneys only“

DAS kennzeichnende Prinzip eines Pokerturniers ist die Eliminierung der Gegner.

Durch regelmäßig steigende Einsätze in Form von Blinds, Antes oder sonstiger Limits wird das Spiel immer teurer, der Aktionsdruck auf die Teilnehmenden steigt und sie werden zu Entscheidungen gezwungen, die entweder das Aus bedeuten oder das Verbleiben im Teilnehmerfeld.

So reduziert sich das Feld, bis die Geldränge erreicht sind. In der Theorie ergibt sich die letzte Turnierentscheidung im Heads-Up, wenn die Summe aus Blinds und Antes größer ist als die Gesamtmenge an Chips bei den zwei letzten Teilnehmenden (für die Puristen: im Fall eines Splitpots folgt ein weiteres Spiel).

Letztlich bleibt eine Siegerin oder ein Sieger übrig, der/die sich über einen satten Zuwachs an Geld und Prestige freuen kann.

Das war die ursprüngliche Idee, die mit einem Pokerturnier verfolgt wurde. Alle Starter beginnen unter den gleichen Voraussetzungen, sie haben die gleiche Menge an Startkapital, für alle gelten die gleichen Regeln.

Unterschiede bestehen allenfalls bezüglich Erfahrung, Können, Wissen, evtl. bezüglich der verfügbaren Bankroll. Man spricht von Freeze-Out-Turnieren.

Lange Zeit gab es nur diese Turnierform, denn sie spiegelt die reine Konzeptidee. Viele große Wettbewerbe, so z.B. das Mainevent der WSOP werden schon aus Gründen der Tradition ausschließlich so ausgetragen.

Doch andere Turnierformen sind mittlerweile deutlich stärker präsent. Irgendwann begann man, den Spielern die Möglichkeit zu bieten, sich nach einem Bust neu einzukaufen.

Sie zahlten ein weiteres Buy In, bekamen einen neuen Startstack und konnten wieder mitmischen. Das „Rebuy-Turnier“ war geboren.

Weil es in jedem Turnier zu Bad Beats und zu Niederlagen gegen Drei-, Zwei- oder Einouter kommt, kann die Option, sich erneut einzukaufen durchaus sinnvoll für die Unterlegenen sein. Nach einem unglücklichen Spielergebnis zahlt man nochmal ein, wenn die Relation von Startstack zu aktuellen Blinds halbwegs akzeptabel ist.

Das ganze lässt sich noch steigern. Es gibt zahllose Turniere, die Mehrfach-Rebuys erlauben. Für eine bestimmte Zeit zu Beginn des Turniers, meist während der ersten Stunde oder der ersten Level, kann man sich mehrfach neu ins Turnier kaufen, manchmal sogar „unlimited“ also so oft wie man will, Rebuys tätigen.

Und im Anschluss an die Rebuy-Phase gibt es dazu häufig noch die Add-On Möglichkeit, d.h. man kauft noch einmal Chips dazu.

Meist gibt es für den Add-On-Betrag die doppelte Menge an Chips wie für das Rebuy. Damit wird ein zusätzlicher Anreiz geschaffen, das Add-On auch zu tätigen, weil es strategisch in den meisten Fällen sinnvoll ist.   

Was sind die Effekte dieser Nachkaufmöglichkeiten?

Zunächst einmal kommt es dadurch zu höheren Preispools. Wenn 100% der Teilnehmer in einem Rebuy-Turnier nachkaufen, verdoppelt sich der Preispool.

Gleichzeitig favorisieren Rebuys aber auch Teilnehmer, die bereit und in der Lage sind, mehr zu investieren. Bei einem Multi-Rebuy-Turnier sollte sich also jeder Teilnehmer genau überlegen, ob seine Turnierbankroll ein mehrfaches Nachkaufen erlaubt.

Wenn das nicht zutrifft, ist er automatisch im Nachteil gegenüber denen, die bereit sind, Rebuys zu tätigen. Denn es ist einfach sehr illusorisch zu glauben, man könne in einem Turnier mit unbegrenzter Nachkaufmöglichkeit mit einem einfachen Buy In zum Ziel kommen.

Vollkommen schräg sind Turniere, bei denen das Buy In in keinem vernünftigen Verhältnis zu den allgemeinen Lebenshaltungskosten steht.

Nur ein Beispiel: In Marrakesch habe ich an einem Crapshoot mit umgerechnet 10 € Buy In teilgenommen. Innerhalb der ersten zwei Turnierstunden konnte unbegrenzt nachgekauft werden.

Konsequenz: Während der Rebuyphase fand kein Poker statt, sondern eine Lotterie. A-X oder zwei Facecards wurden gepusht und dann mal sehen was passiert. Im Verlustfall „Rebuy!“. Zum Schluss gab es einen Preispool von über 3.000 Euro und jeder Teilnehmer hatte im Schnitt 80 Euro gezahlt (mit starken Ausreißern nach oben).

Bei einem Single Buy-in von 80 Euro, wäre das Turnier vermutlich völlig anders verlaufen.

Morgen im zweiten Teil: Deepstack und Re-Entrys

- Rainer Gottlieb

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