„Man kann sich nicht einfach hinsetzen und loszocken“

Johannes Strassmann

Johannes Strassmann über den Battle of Malta, die Chancen von Online-Poker und warum sich viele Spieler selbst nicht richtig einschätzen können.

Obwohl Johannes Strassmann schon seit über zwei Jahren im  Turnierpoker nicht mehr in Erscheinung getreten ist, steht er noch immer auf Platz acht der ewigen Punkterangliste der European Poker Tour.

In seinem Spezialgebiet Online Heads-up Cash Games ist Strassmann seit Jahren auf hohen Limits unterwegs. In der High Stakes Szene ist er bekannt, im Rampicht der Öffentlichkeit stand er aber trotz seiner Erfolge selten. Für jemanden, der sich in diesem Bereich aufhält, durchaus kein Nachteil.

Im späten November dem deutschen bzw. österreichischen Regenwetter zu entfliehen und dabei noch ein schönes Turnier zu spielen war aber ausreichend Anreiz für den Wahl-Wiener, um sich ins Flugzeug zu setzen und nach Malta zu kommen.

Johannes Strassmann
Johannes Strassmann beim Battle of Malta.
 

Battle of Malta

„Die Location gefällt mir ausgezeichnet. Die Infrastruktur ist da, die Umgebung ist herrlich, und das Hilton gehört zu den besten Hotels, in denen ich bisher gewesen bin“, erklärt Strassmann.

„Mir hat die Idee, hierherzukommen gleich gefallen. Ich war noch nie auf Malta, finde die Insel wunderschön und habe auch ein paar Freunde hier. Außerdem wollte ich die letzten Sonnenstrahlen in Europa noch mitnehmen, bevor dann der richtige Winter einbricht.“

PokerListing hat mit dem Battle of Malta das Re-Entry-Format gewählt, wie es z. B. auch von der WPT angewandt wird.

„Das Re-Entry-Format finde ich generell gut, weil es schade wäre, wenn jemand die Reise bis hierher macht und dann vielleicht mit Pech nach einer Stunde schon wieder draußen ist. Von mir aus könnte es aber ruhig auch vier Re-Entrys geben.“

Ein Turnier mit „nur“ €550 Buy-in ist für jemanden wie Strassmann ja eigentlich viel zu niedrig, sollte man meinen. Da ist er jedoch anderer Meinung:

„Es sollten viel mehr Turniere mit niedrigeren Buy-ins veranstaltet werden, weil das genau das Format ist, das Freizeitspieler auch in Zukunft immer spielen werden. In den Turnieren hat man eben doch immer noch die Möglichkeit, mit einem Schlag viel Geld zu verdienen.“

Card Coaches

In Zusammenarbeit mit Markus Golser entstand in den letzten Jahren die Webseite Card Coaches. Heute ist Strassmann daran nicht mehr beteiligt.

„Das Konzept von Card Coaches bestand darin, PokerStrategy mit CardRunners zu kombinieren, also Schulungen und Videos. Es gab jedoch zu viele technische Schwierigkeiten, deshalb habe ich mich aus dem Projekt inzwischen zurückgezogen.“

Weitere Projekte dieser Art sind momentan nicht geplant.

„Ich halte es in der heutigen Zeit für sehr schwierig, als neuer Affiliate konkurrenzfähig zu sein, deshalb werde ich mich in Zukunft anderweitig orientieren.“

Johannes Strassmann
Immer noch Achter im EPT-Leaderboard - Strassmann bei der EPT London.
 

„Derzeitig beschäftige ich mich hauptsächlich wieder mit Online-Poker und spiele fast täglich mehrere Stunden. Aus dem Live-Poker habe ich mich in letzter Zeit ziemlich zurückgezogen.“

„Ich könnte mir vorstellen, in Zukunft auch wieder intensive Pokerseminare zu geben, wie ich das in der Vergangenheit schon gemacht habe.“

Live-Turniere vs. Online-Poker

„Live-Turniere sind im Allgemeinen weniger lukrativ als Online-Poker. Da man erhebliche Ausgaben hat, muss man den Profit ja berechnen, indem man das Buy-in und alle weiteren Ausgaben addiert und dann berechnet, wie viel ein guter Spieler aus diesen Investitionen macht.

Und das ist dann immer noch ein langfristiger Wert, und die Varianz ist in dieser Kalkulation noch gar nicht eingerechnet.“

Strassmann zählt zu der Oberklasse der deutschsprachigen Spieler. Er erläutert, wie man sich auf diesem Niveau behaupten kann.

„Es gibt in Deutschland nicht sehr viele Spieler, die online auf denselben hohen Limits spielen, auf denen ich seit Jahren unterwegs bin.

„Ich kann online immer noch gutes Geld verdienen, weil ich eben nicht gegen die allerbesten spiele, sondern gegen gute Spieler, die aber trotzdem noch Fehler machen, die ich wiederum ausnutzen kann.“

Mentalcoachs und das A-Game

Poker, das ist für Strassmann weit mehr als ein Kartenspiel. Und wenn jemand den Ehrgeiz hat, auf internationalem Niveau mithalten zu können, gehört dazu weit mehr als nur das Spiel an sich.

„Viele Spieler, die auf lange Sicht verlieren, haben noch nicht erkannt, wie viele wichtige Faktoren für Poker eine Rolle spielen. Man kann sich nicht einfach hinsetzen und loszocken. Man muss mental fit, sein, die richtige Einstellung haben, sich körperlich gut fühlen. Es muss sehr viel zusammenpassen.“

„Man muss sich doch nur mal ansehen, wie sich z. B. Basketball- oder Schachspieler vorbereiten. Die haben Mentalcoachs und arbeiten mit zahlreichen Spezialisten zusammen. Welcher Pokerspieler macht so etwas schon?“

Johannes Strassmann
Strassmann bei den German High Roller - "schlechte Chancen ohne A-Game".
 

„Es ist heute viel wichtiger geworden, das A-Game abrufen zu können, weil die durchschnittliche Qualität der Spieler gestiegen ist. Wer nicht sein A-Game abrufen kann, hat wirklich schlechtere Chancen.“

Für die Unverbesserlichen, die die Schuld für ihre Verluste grundsätzlich auf Pech und manipulierte Software schieben, hat Strassmann keine gute Nachrichten.

„Es lohnt sich, online mehr Omaha zu spielen. Bei dem Spiel erkennen die Leute viel länger nicht, wie schlecht sie spielen, weil sie dort auch immer wieder Pots gewinnen, da die Hände in ihrer Wertigkeit nie sehr weit auseinander liegen.“

Das Phänomen der Phänomenalen

 „Die Psychologie spielt in mehrfacher Hinsicht eine große Rolle, vor allem bei den kleineren Samples im Live-Poker. Nehmen wir Spieler, bei denen es live einfach besonders gut läuft, etwa Sam Trickett, Jason Mercier, Bertrand Grospellier.“

„Die werden von sich selbst oft gar nicht denken, dass es super läuft, sondern dass sie einfach super spielen. In den Medien und durch die Öffentlichkeit wird dieser Eindruck bestätigt, und da die gegnerischen Spieler davon wissen, spielen sie unbewusst schlechter gegen sie.“

„Es macht einen guten Spieler aus, dass er auch in der Lage ist, seine eigenen Schwächen zu erkennen und daran zu arbeiten.“

Über den Autor: Dirk Oetzmann
Dirk Oetzmann ist leitender Redakteur bei PokerListings/Europa.

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