„Neid habe ich mir schon lange abgewöhnt“

Jan Heitmann poker player ept deauville 2015

Jan Heitmann über Poker im Management, Coaching für „Prominente“ und die Varianz des Lebens.

PZ: Jan, du bist bezüglich der Öffentlichkeitsarbeit einer der sichtbarste deutschsprachige Pokerspieler. Was ist zu tun, um Poker noch besser ins öffentliche Bewusstsein zu bringen?

JH: Ja, da gibt es mehrere Bereiche, in denen ich mich sehe.

Ich habe Anfang letzten Jahres damit begonnen, bei Firmen Vorträge zu halten, in denen ich darstelle, wie Poker-Konzepte auch in täglichen Entscheidungsprozessen anwendbar sind.

Das andere ist meine Arbeit mit dem Deutschen Pokersport-Bund. Dort versuchen wir Poker noch breiter in der Öffentlichkeit bekannt zu machen.

Bei gleichzeitiger Verwerfung des finanziellen Aspekts sollen die spieltheoretischen Überlegungen und taktischen Entscheidungsmöglichkeiten in den Vordergrund gerückt werden.

PZ: Welche Firmen haben dich engagiert und welche Stimmung ist dir da entgegengeschlagen?

JH: Da war zum einen Siemens Management Consulting. Dann war ich auf der Online Marketing Conference in Berlin, OMCap und hab da vor 250 bis 300 Leuten gesprochen.

Und in Leverkusen war ich kürzlich Sprecher bei einer Start-Up-Konferenz.

Ich erkläre Konzepte und Begriffe, wie zum Beispiel, was ist eine tight-aggressive Spielweise oder welche Rolle spielt meine Position. Und versuche das dann mit der realen Geschäftswelt in Verbindung zu bringen.

Und ich wiederum bekomme natürlich auch sehr viel über die spezifischen Sichtweisen der einzelnen Branchen mit und ziehe dann wiederum meine Schlüsse für die Betrachtung von Poker.

PZ: Du bist mittlerweile dreifacher Vater, hast eine Top-Ausbildung genossen und immer mal wieder mit anderen Tätigkeiten geliebäugelt. Bist du ein geborener Berufsspieler oder vielleicht sogar süchtig nach dem Kick?

JH: Ich glaube eher, dass ich immer nach etwas Besonderem gesucht habe. Das fing mit der Zauberei an.

jan heitmann
Heitmann deep im WSOP Main Event 2012.

Dort hab ich dann übrigens auch gemerkt, dass ich eine kleine Rampensau bin und es genieße, wenn ich vor vielen Leuten reden oder ihnen etwas präsentieren kann.

Ich habe vor allem Poker immer sehr geliebt. Aber meine wirkliche Leidenschaft besteht eigentlich darin als Repräsentant und Botschafter aufzutreten.

PZ: George Danzer und du habt mal als Poker-Amigos angefangen. Seit ein, zwei Jahren scheint George aber bezüglich der Online- und Live-Ergebnisse in eine andere Liga enteilt zu sein. Woran liegt‘s und bist du manchmal ein wenig neidisch?

JH: Neid habe ich mir schon lange abgewöhnt. Das ist ein Gefühl, was für einen selbst und für die übrige Welt wirklich völlig nutzlos ist.

Aber zu George: Als Freund freue ich mich wahnsinnig für ihn. Und ich wusste eigentlich schon von Anfang an, dass George über Poker weitblickender und kreativer nachdenkt als ich.

Es ist doch so, dass George schon bei der WSOP 2006 sein erstes Bracelet hätte holen können.

Da hat er einen Final Table beim PLO8 erreicht, und im Main Event ist er durch zwei spektakuläre Bad Beats, nach einem deep Run unglücklich ausgeschieden.

 

 

PZ: Ihr wart dann lange die ersten Gesichter des deutschen Pokerns. Skizzier uns doch nochmal die ersten Wochen, Monate, als PokerStars den Boom auch nach Deutschland brachte.

JH: George und ich haben uns ja schon 2005 kennengelernt und sind ab 2006 zusammen von Turnier zu Turnier gezogen.

Und schon damals war uns eigentlich klar, welches Potential da eigentlich brach liegt. Also haben wir nach Möglichkeiten gesucht, wie wir Poker ins Bewusstsein des Mainstream bringen könnten.

Wir waren damals schon mit Sven Stiel bekannt, der ja dann später bei PokerStars lange für den deutschsprachigen Markt verantwortlich war.

Charlotte-Roche
Talent und Ehrgeiz für Poker - Charlotte Roche.

Und ein sehr guter Freund von mir war damals Redakteur des TV-Wissens-Magazin „Galileo“. Und bei der EPT Baden 2006 wurde dann – mit uns als Protagonisten – tatsächlich ein 15 minütiges Feature für „Galileo“ gemacht.

Das dürfte wohl der erste Auftritt von Poker im deutschen Mainstream-Fernsehen gewesen sein.

PZ: Du hast schon zu Zeiten vor dem Online-Boom als Frischling mit Rob Holling, Marcel Luske und Rolf Slotboom in Cash Game-Runden zusammengesessen. Beobachtest du, was aus den alten Companeros geworden ist?

JH: Ich habe tatsächlich schon 1996/1997 mit Poker angefangen. Und war davor auch schon Fan.

Ich habe heute noch VHS mit stark verpixelten Aufnahmen der WSOP 1982 und 1984. Und ich kannte zu der Zeit auch jeden Artikel von Mike Caro.

Meine ersten Schritte kamen dann im Wiesbadener Casino. Dann ging‘s in die Cardcasinos nach Wien, und dann hab ich in Rotterdam studiert und bin dreimal die Woche ins Casino nach Amsterdam, wo das damals teuerste Omaha-Cash Game Europas lief.

Ich war dafür völlig under-bankrolled, aber hatte einen Super-Lauf (lacht).

Rob Hollink ist ja dann wenig später erster EPT Grand Final-Champion geworden. Und zwar mit meiner unfreiwilligen Unterstützung. Am Ende von Tag 1 waren wir beide Chipleader.

Und ich habe eine Hand gegen ihn verloren, die mich noch heute manchmal in meinen Träumen verfolgt (lacht).

PZ: Du hast als Coach über 100 Promis das Pokerspielen nahegebracht. Wer war am talentiertesten?

JH: Also den größten Eindruck hat sicherlich Charlotte Roche hinterlassen, die sich wirklich für ein paar Wochen voll in die Sache reingekniet hat.

Die hat sogar ein paar Bücher gelesen, bevor sie sich das erste Mal in der Öffentlichkeit an den Tisch gesetzt hat.

Soweit ich weiß, spielt sie – mit Freunden – immer noch leidenschaftlich Poker.

PZ: Wen hättest du gern gecoacht?

JH: Weil ich ein großer Fan bin, die „Fantastischen Vier“. Leider hat das bisher aus unerfindlichen Gründen nicht geklappt.

PZ: Jetzt hast du kürzlich die „Geißens“ gecoacht. Du sagtest, die hätten wirklich erstaunliches Talent bewiesen. War das nicht eigentlich auch klar, da Geschäftsleute, gerade Selfmade-Millionäre doch irgendwas von Taktik und Strategie verstehen müssen?

JH: Stimmt. Alle Menschen, die – ob nun in der Kunst, im Sport oder im Wirtschaftsleben – Außergewöhnliches erreichen, haben grundsätzlich ein gutes strategisches Verständnis.

die fantastischen vier
Wunschkandidaten - Fanta 4.

Und was noch ganz hervorragend – gerade bei den Sportlern - ist: die haben gelernt auf den Coach zu hören. Wenn sie nicht weiter wissen, machen sie das, was der Trainer sagt.

Bei den „Geißens“ war vor allem die Ausdauer beeindruckend. Wenn ich ein normales Coaching veranstalte, macht bei den meisten, nach drei Stunden normalerweise der Kopf dicht.

Die „Geißens“ waren auch nach sieben Stunden noch voll konzentriert und haben vernünftige Entscheidungen gefällt.

PZ: Wann sollten aus Sicht eines Vaters Kinder etwas vom Leben eines Berufsspielers mitbekommen?

JH: Na ja, meine Größte ist jetzt gerade vier Jahre alt geworden. Die merken schon, dass ich ab und zu weg bin, und dass ich da Poker spiele.

Aber was das bedeutet, weiß sie natürlich nicht.

Ich freue mich jetzt allerdings schon darauf, meinen Kindern Spieltheorie beibringen zu können.

Auch weil ich denke, dass einen das im Leben einfacher die richtigen Entscheidungen fällen lässt.

PZ: Gibt es keine pädagogischen Überlegungen, die zu ein wenig mehr Vorsicht raten?

JH: Die Realität ist doch: ich spiele bei gut ausgeleuchteten Live-Turnieren. Das TV ist mit da. Man gibt Interviews.

Jan Heitmann
Früher Poker-Amigo, heute Unternehmensberater - Jan Heitmann.

Das ist doch weit weg von dem Klischee der gefährlichen Hinterzimmer und dunkeln Gestalten.

Wenn man sich die absoluten Top-Spieler der Welt anschaut, dann ernähren die sich mittlerweile alle vegan, machen extrem viel Sport, haben eine gesunde Einstellung dem Leben gegenüber und geben darüber hinaus mittlerweile noch eine ganze Menge zurück an Charity.

Das hat mit Poker an sich natürlich wenig zu tun, aber umso mehr mit der Denkweise, die man durchs Pokern entwickelt.

Vor diesen „Gefahren“ muss ich meine Kinder bestimmt nicht beschützen.

Am Ende treten doch im High End-Bereich die besten Denker des Spiels gegen die Varianz an.

PZ: Lässt sich die Idee der Varianz ebenfalls auf das reale Leben anwenden?

JH: Absolut. Das geht schon damit los, dass wahrscheinlich 99,99 Prozent meines Erfolges damit zusammenhängen, dass ich als männlicher, weißer Westeuropäer geboren wurde.

Das ist der Jackpot, den sich keiner ehrlich verdient hat, sondern dessen Gewinn purem Zufall entspringt.

Jan Heitmann schied an Tag 3 der EPT Deauville kurz vor dem Geld aus.

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