Intuition: Die richtige Basis für gute Entscheidungen?

Phil Ivey

Seit über 40 Jahren lebe ich ein Doppelleben. In dem einen bin ich ein hoffnungsloser Gambler, Horse-Spieler und Poker-Junkie, in dem anderen ein angesehener Wissenschaftler.

Ich hielt die beiden bisher gern voneinander getrennt, da meine Kollegen in beiden Leben nur wenig für die Wunder, die Rätsel und schlicht die Freude übrig haben, die mir das jeweils andere bietet.
Jetzt beginnt sich das zu ändern. Ich schreibe diese Artikel über Pokerstrategie, und ich möchte versuchen, ihnen ein bisschen mehr Leben einzuhauchen. Deshalb verwende ich einen Ansatz, der meines Wissens noch ein absolutes Novum ist.
Ich werde jeden Artikel um ein oder mehrere psychologische (das ist nämlich mein Beruf) Thesen formulieren und darstellen, wie jede davon dabei helfen kann, korrekte Entscheidungen zu treffen, strategische Fähigkeiten zu verbessern und, natürlich, die Gewinne zu steigern.

Ich beginne mit einem Thema, dem ich schon jahrelange Forschung gewidmet habe. Der Fachausdruck dafür lautet „implicit processing", was etwa soviel bedeutet wie „automatische Informationsverarbeitung". Sie dort am Werk, wo Leute Dinge sagen wie „ich weiß nicht genau, warum ich mir das schon gedacht hatte; ich spürte es irgendwie intuitiv", oder „Ich habe instinktiv gehandelt, ohne darüber nachzudenken."
Kurz gesagt, ich habe untersucht, warum und wie oft Menschen richtige Entscheidungen treffen, ohne zu wissen, warum dies der Fall ist.
Schon gut, schon gut, ich weiß: Sie sind jetzt schon gelangweilt. Sie denken: „Dieser Professor kommt mir jetzt mit irgendwelchen abgedroschenen Phrasen - und ich werde am Ende genauso viel wissen wie vorher." Keine Sorge, die Vorlesung ist beendet. Jetzt geht's um Poker.

Doyle Brunson
Doyle Brunson erkannte das Potential unbewusster Informationen und wurde damit reich
Doyle Brunson schrieb in seinem Klassiker Super System, er habe den Eindruck, dass an den Pokertischen viele Informationen nur unterbewusst wahrgenommen werden. Er fragte sich, ob sein Bild vom Spielstil der Gegner einfach aus dem Nichts in seinem Kopf entstand. Über diesen Abschnitt ist viel geschrieben worden, hauptsächlich darüber, ob Brunson mit seiner Überlegung Recht hat und wenn ja, warum.

Nun, wie sich zeigt, weiß man darüber heute eine ganze Menge. Und ja, Brunson hatte im Grunde Recht (wie üblich), aber das Thema ist kompliziert.

Die relevanten Fragen lauten:

1. Was ist „Intuition" überhaupt? Eigentlich ist es ein vages, eher unterbewusstes Gefühl, wie eine entfernte Stimme, die „Wirf die Hand weg, jetzt", oder so etwas flüstert. Es ist ein unklares, ungenaues Gefühl. Plötzlich denkt man: „Call, er wird den Turn checken", oder „jetzt re-raisen, das ist ein Steal".
Manchmal durchfährt es einen auch so: „Oh verdammt, schlechter Call." Man hört die innere Stimme zwar, weiß aber nicht, wo sie herkommt. Gelegentlich erkennt man im Nachhinein, was der Auslöser war, aber nicht immer, und selten ist es offensichtlich.

2. Ist Intuition ein „sechster Sinn"? Nein. Zunächst ist schon mal die Nummerierung falsch. Wir haben mindestens 15 Sinne. Wenn Sie mir nicht glauben, lesen Sie einen Fachartikel zu dem Thema. Außerdem wird der „sechste Sinn" gerne dargestellt, als wäre er etwas Übernatürliches, Paranormales.
Ich möchte hier keinen Streit vom Zaun brechen, aber das Übernatürliche gibt es nicht. Intuition ist etwas sehr Bodenständiges, das jeder besitzt.

3. Findet Intuition im Unterbewusstsein statt? Ja. Unser Gehirn versucht ständig, in allem, was um uns herum vorgeht, Muster zu entdecken, ohne dass wir dies bemerken. Beispiel gefällig? Jeder spricht und versteht mindestens eine Sprache. Die Regeln, die die Reihenfolge und Bedeutung der einzelnen Worte bestimmen, sind nicht einmal von Linguisten vollständig zu entschlüsseln.
Dennoch haben wir diese Regeln schon als Kinder gelernt - ohne uns dabei bewusst anzustrengen. Wir haben einfach das übernommen, was um uns herum gesprochen wurde. Intuitives Wissen wird genauso erworben - sei es in der Sprache oder bei Poker.

4. Ist Instinkt ein Bauchgefühl? Nicht wirklich. Mit „Bauch" ist in diesem Zusammenhang eine emotionale Komponente gemeint, aber in Wirklichkeit arbeitet dabei nur das Gehirn. Es wird Instinkt genannt, weil es so normal und natürlich erscheint.
Instinkte sind eigentlich biologisch determinierte, automatische Reaktionen. Implizites Wissen wird erlernt. Aber wir sprechen hier über Poker und nicht über Evolutionsbiologie. Nennen Sie es also, wie Sie möchten.

5. Hilft sie bei der Entscheidungsfindung? Ja, aber nur teilweise. Das System funktioniert „hinreichend", es liefert „recht gute" Entscheidungshilfen.
Perfektion erreichen Sie nur durch bewusste Kontrolle. Da Poker aber ein Spiel ist, das auf Teilinformationen beruht, ist Intuition durchaus hilfreich.

6. Kann man Intuition lernen? Ja, aber das erfordert viel Übung. Es geht darum Muster zu erkennen, und das dauert eben seine Zeit. Je mehr Zeit man mit dem Spiel verbringt, desto sensibler wird man für die Details - auch wenn man Sie dazu drängt, das Erlernte Anderen mitzuteilen.
Aufmerksamkeit ist ebenfalls entscheidend; wer sich auf das Spiel und die Gegner konzentriert, verbessert seine Intuition schneller.

7. Haben gewisse Leute (Frauen) eine bessere Intuition als andere? Nein. Eine bessere Intuition resultiert aus längerer Erfahrung oder größerer Aufmerksamkeit. Die intuitiven Fähigkeiten an sich sind bei jedem Menschen etwa gleich angelegt.
Wenn es so etwas wie „weibliche Intuition" gibt, dann deshalb, weil Frauen im Umgang mit anderen aufmerksamer sind und zwischenmenschliche Verhaltensmuster sehen, die Männer ignorieren. Am Pokertisch sind jedoch alle gleich.

8. Arbeiten Profis mit Intuition, und wenn ja, wie? Natürlich tun sie das. Top-Profis verbringen zahllose Stunden mit Poker und sammeln so zahllose unterbewusste Informationen. Außerdem bemerken sie, wenn ihre innere Stimme ihnen etwas Wichtiges zuflüstert.
Dieses „ich-habe-bei-dieser-Hand-so-ein-Gefühl"-Gerede werden Sie von einem Profi niemals hören. Wenn sie so etwas sagen wie „ich glaube, das wird wieder eine große Hand", ist das nichts als Phrasendrescherei. Dieser „Glauben" ist so zuverlässig wie ein Hexenbrett.

OK, das war unsere heutige Lektion. Üben und Aufpassen. Geben Sie Ihrem Unterbewusstsein die Chance zu lernen.
Sie werden bemerken, dass sich Ihre Intuition verbessert. Die innere Stimme wird Ihnen immer häufiger nützliche Dinge ins Ohr flüstern. Mit der Zeit werden Sie ein geradezu meditatives Verständnis für das Spiel entwickeln.

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