Hand der Woche – Wenig, nichts oder weniger als nichts?

Henry Van Tran

Vorsicht liebe Leser, dieses Mal sollte man sich erst anschnallen, die Kinder ins Bett bringen und dann langsam runterscrollen, nachdem man sich einen weichen und sicheren Platz gesucht hat, ehe man sich unsere Hand der Woche ansieht. In einem heftigen Duell bei der WSOP 2012 kennen Nghi, genannt „Henry“ Van Tran, und Benjamin Alcober kaum Schmerzen und hinterlassen beim Leser Schwindelgefühle!

Ausgangslage und Spiel vor dem Flop

Wir verfolgen den Main Event der WSOP 2012, gespielt wird der dritte Turniertag. Die Blinds betragen 2.000/4.000 plus 500 Ante. Im Hijack raist Van Tran mit

   

auf 10.000. Bis zu Benjamin Alcober im Small Blind folden alle, er reraist auf 25.000. Der Big Blind foldet und Tran reraist nach längerem Nachdenken auf 43.000, worauf Alcober callt. Im Pot sind 94.500, und der Flop bringt

     

Alcober setzt 32.000, Tran raist auf 65.000 und Alcober callt. Mit 224.500 geht es auf den Turn, der bringt die

 

Beide checken, es folgt der River mit der

 

Alcober setzt von vorne 165.000 und Van Tran callt nach einer Minute. Alcober dreht

   

Für King High um und Tran gewinnt den Pot mit 554.500 Chips.

Genie oder Wahnsinn? – Die Analyse

Ein wahrlich nicht alltägliches Spektakel liefern die beiden Kontrahenten in dieser Hand ab, und wir wollen prüfen, ob ihre Aktionen mehr als nur blindwütige Aggression waren.

Vorausgeschickt werden muss, dass beide sehr viele Chips hatten und in dieser Hand nie das Turnieraus riskierten – ein wichtiges Detail zum Verlauf, denn nur mit sehr großen Stacks ist dieses Geschehen zu erklären.

Vor dem Flop bringt Van Tran einen selbst für den Hijack sehr loosen Raise mit 3 2. Sein Ziel ist es vor allem die Blinds zu stehlen oder nach einem Call der Blinds den Pot mittels Position zu erobern, aber langfristig kann dieser Move kaum gut sein, da seine Hand einfach zu schwach ist.

Als Alcober mit einem sehr großen Stack aus dem Small Blind reraist, könnte Tran trotz der Pot Odds von 3 zu 1 folden, aber er entschließt sich zu einer überraschenden Variante. Er macht ein Minimum Raise auf 43.000 und stellt seinem Gegner die Frage, wie gut seine Hand wirklich ist.

Dessen Call sagt angesichts der bisherigen Action einiges aus – mit einer sehr starken Hand hätte er vermutlich erneut gereraist.

Nicht minder verwickelt geht es nach Alcobers Call auf dem Flop weiter. Anstatt zum Raiser zu checken, bringt Alcober eine niedrige Bet.

Alcober
Benjamin Alcobers Hand war extrem polarisiert, da er hier nicht viel repräsentierte, und das wurde ihm zum Verhängnis.

Tran denkt sich, dass sein Gegner mit einer starken Hand kaum so spielen würde, hat aber auch nichts, womit er callen könnte, daher versucht er erneut, den Pot mit einem kleinen Raise zu stehlen. Dabei bietet er seinem Gegner Pot Odds von 6 zu 1, die im Grunde unwiderstehlich sind, aber auch bedeuten könnten, dass er seinen Gegner unbedingt im Pot halten will.

Ohne Position und vor allem ohne Hand callt Alcober, und es kommt der Turn mit einer weiteren Neun. Beide Spieler haben nur sehr selten eine Neun im Spektrum, aber man kann nie sicher sein.

Nachdem die Hand durchgecheckt wird, bringt der River mit der 2 eine Karte, die aus Alcobers Sicht nichts an der Lage der Dinge ändert.

Er hat schon bei seinem Call auf dem Flop darauf spekuliert, dass er den Pot am Ende stehlen muss. Aus diesem Grund fällt sein Bluff dieses Mal mit knapp drei Viertel ziemlich kräftig aus.

Aus Trans Sicht hat sich die Hand auf dem River völlig überraschend entwickelt. Bis dahin hatte er einen reinen Bluff ohne jeglichen Showdown Value und nun schlägt er auf einmal alle gegnerischen Bluffs. Wäre die Zwei nicht gekommen, hätte er vielleicht geraist, aber das ist nun keine Option mehr.

Es lohnt sich, die Hand aus seiner Perspektive noch einmal durchzugehen. Mit welchen Händen würde Alcober so spielen?

Nicht mit vielen. Natürlich spielt er mit allen Full Houses und einer Neun so, aber mit vielen anderen guten Händen wie TT, 88 und sogar einem (unwahrscheinlicheren) Blatt wie AK, das durchaus noch vorne liegen kann, würde er eher checken und callen. Seine Hand ist deshalb extrem polarisiert, wie so oft auf dem River!

Und genau diese Polarisierung macht einen Call so reizvoll. Alcober hat entweder die Nuts bzw. eine Hand im Bereich der Nuts oder eben nichts.

Unterm Strich ist der Call von Tran bei scharfer Analyse gar nicht so schwer – sein Spiel davor ist aber bei allem Respekt nicht zu empfehlen.

Fazit

In einer der verrücktesten Hände der WSOP-Geschichte macht Van Tran am Ende einen nervenstarken Call. Sein Gegner Benjamin Alcober hätte sich vor seinem River-Bluff noch einmal überlegen müssen, was er überhaupt repräsentieren kann. In Trans Spektrum befanden sich viele starke Hände, mit denen er immer gecallt hätte, zum Beispiel alle hohen Paare.

Hier könnt ihr euch die Hand noch einmal in bewegten Bildern anschauen:

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