Hand der Woche – Die dunkle Seite des Straight Flush

Marvin Rettenmaier
Marvin Rettenmaier - sensationeller Defensiv-Call.

Einen Straight Flush bekommt man nicht alle Tage, und wenn man ihn bei einem wichtigen Turnier mit hohen Preisgeldern erhält, kann er doppelt wertvoll sein. Wie es einem mit einem Straight Flush aber auch ergehen kann, zeigt unsere Hand der Woche mit einem absoluten Spitzenduell – Marvin Rettenmaier, aus dessen Sicht wir das Geschehen verfolgen wollen, spielt gegen Jason Mercier.

Ausgangslage und Verlauf der Hand

Wir befinden uns an Tag 1C des Main Events der Aussie Millions. Jason Mercier und Marvin Rettenmaier liegen gut im Rennen, es läuft das vorletzte Level des Tages, Mercier covert den Deutschen. In mittlerer Position nimmt Rettenmaier

   

auf und bringt einen Standard-Raise. Im Small Blind callt Jason Mercier, alle anderen Spieler folden.

Der Flop bringt mit

     

den Flush für Rettenmaier. Nach Merciers Check setzt er 2.300, sein Gegner callt. Anschließend wird der Turn mit der 

 

aufgedeckt, der Rettenmaier einen Straight Flush bringt. Mercier setzt von vorn 3.800, Rettenmaier callt. Der River bringt die

 

und sorgt für eine interessante Konstellation, da nun außer Flushes auch Full Houses und ein Vierling möglich sind. Wieder setzt Mercier von vorne, dieses Mal 10.800, und Rettenmaier callt.

Mercier dreht mit

   

die Nuts um, und Rettenmaier verliert mit seinem Straight Flush einen wichtigen und großen Pot. Weniger später scheidet er aus, während Mercier einen deep run hinlegt und schließlich auf dem 18.Platz landet.

Analyse und Bewertung

Geradezu Unglaubliches spielte sich in dieser Hand zweier absoluter Weltklassespieler ab. Die Wahrscheinlichkeit für einen Straight Flush bei sieben ausgeteilten Karten beträgt gerade einmal 0,028 Prozent – allerdings für einen Spieler, und hier haben gleich zwei Akteure die zweitbeste Hand, die beim Poker möglich ist.

Marvin Rettenmaier
Liest den Gegner wie ein Buch - Marvin Rettenmaier.

Noch beeindruckender ist jedoch die Leistung Marvin Rettenmaiers, der es tatsächlich schafft, in diesem brutalen Match-Up mit dem minimalen Verlust davonzukommen.

Versuchen wir zu ergründen, wie Rettenmaier dies gelingt. Vor dem Flop bringt er mit einer spekulativen Hand (A 5) einen Standard-Raise und bekommt von Jason Mercier im Small Blind den Call.

Natürlich kennen sich die beiden von unzähligen Turnieren sehr gut, daher dürfte Rettenmaier ein recht gutes Bild von Merciers Call-Spektrum im Blind haben.

Wie bei vielen anderen Spielern befinden sich darin niedrige Paare, höhere Suited Connectors wie 98s oder T9s und vermutlich einige Broadway-Hände wie KJ, QJ etc.

Gegen einen Weltklassemann wie Rettenmaier braucht man gute Gründe, um eine Hand ohne Position zu spielen, daher sollte man Merciers Range etwa so stark wie eben skizziert einschätzen.

Der Flop ist für Rettenmaier sehr günstig. Er floppt zwar nicht die Nuts (die bestehen aus J T), aber immerhin die drittbeste Hand, die möglich ist. Zudem hat er den Draw zum Straight Flush, der eine Rolle spielen könnte, wenn ein Paar auf das Board kommt.

Der Turn verändert einiges. Die vierte Karo-Karte ist für Rettenmaier vor allem deswegen schlecht, weil er nur gegen Hände mit dem K, der Q und vielleicht dem J Value bekommt. Zwar hat sich Rettenmaiers Hand verbessert, doch ist es deutlich schwieriger geworden, von schlechteren Händen ausbezahlt zu werden.

Jason Mercier
Ist der einzige, der sogar einen Straight Flush noch schlägt - Jason Mercier.

Auf einmal aber spielt Mercier von vorne an. Rettenmaier callt, vor allem, weil er auf keinen Fall eine schlechtere Hand vertreiben will. Raist er, foldet Mercier alle geschlagenen Hände, und er kann keine weiteren Chips gewinnen.

Unmenschlich wird es aber auf dem River. Wieder spielt Mercier von vorne an, dieses Mal sehr hoch. Die 9 hat das Spektrum schlechterer Hände erweitert, denn nun sind Full Houses und ein Vierling möglich. Rettenmaier hat einen Straight Flush, der nur von zwei Händen geschlagen wird – J T und T plus Xx, doch er callt wieder nur.

Offenbar hat Rettenmaier in der Handanalyse aus der Turn-Bet von Mercier geschlossen, dass dieser kaum ein Set oder Two Pair haben kann. Warum sollte er damit von vorn anspielen, nachdem die vierte Flush-Karte gekommen ist, und einen Raise des Gegners riskieren?

Durch saubere Deduktion kam Rettenmaier zu dem Schluss, dass seinen Raise keine schlechtere Hand mehr callen kann, und callte selbst nur.

Fazit

Gerade angesichts der möglichen Full Houses (bzw. des Vierlings) hätte ein normaler Spieler an Rettenmaiers Stelle geraist, da „man ja nie weiß, ob der Gegner nicht doch einen Fehler macht und vielleicht callt“.

Die wahre Meisterschaft besteht aber nicht nur darin, seine Gewinne zu maximieren, sondern die Verluste zu minimieren.

Mit diesem defensiven Monster-Call hat Marvin Rettenmaier eine Lehrbuchsituation geschaffen. Er verdient für diese Aktion höchste Bewunderung.

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