Hand der Woche – Komplettes Chaos auf dem River

Nitsche leidet4
Nitsche leidet

Manchmal nehmen Pokerhände einen seltsamen Verlauf und auf dem River überschlagen sich die Ereignisse. Regelrecht wüst geht es in unserer Hand der Woche zu, in der sich am Ende zwei starke Hände gegenüberstehen, aber ein Bluff das Duell entscheidet. Mittendrin der dreimalige Bracelet-Gewinner Dominik Nitsche, dessen Gesichtsausdruck sich zum Schluss versteinert, als er die gegnerische Hand sieht.

Ausgangslage und Spiel bis zum River

Wir verfolgen eine Vorrundengruppe der Partypoker Premier League 2012, in der es für die beteiligten Spieler darum geht, sich für das Finale zu qualifizieren, in dem dann $125.000 ausgespielt werden.

Zwei Spieler sind bereits ausgeschieden, und von den vier übrig gebliebenen Spielern hat Dominik Nitsche mit 628.000 die meisten Chips. Melanie Weisner hat 622.000, Emir Misljimi 314.000 und Michael Thoms 236.000.

Zuletzt hat Nitsche einen Bluff gegen Emir Misljimi gezeigt und bei Blinds von 5.000/10.000 die Führung übernommen. Nun raist er mit

   

auf 20.000 und bekommt nur einen Call von Emir Misljimi im Small Blind, während die beiden anderen Spieler folden.

Im Pott sind damit 50.000 Chips, die effektiven Stacks betragen 294.000.

Der Flop bringt

     

Misljimi checkt, Nitsche setzt 22.000, Misljimi checkraist auf 50.000 und Nitsche callt. Im Pott sind 150.000 Chips, die effektiven Stacks betragen 244.000 und der Turn bringt die

 

Misljimi macht aus Versehen eine String Bet und darf nur 30.000 setzen, worauf Nitsche callt. Im Pott sind 210.000 Chips, die effektiven Stacks betragen 214.000 und der River bringt die

 

Misljimi checkt, Nitsche setzt 88.000 und Misljimi geht zügig All-In. Nitsche überlegt eine Weile und foldet dann. Misljimi zeigt ihm mit

   

sein Set und löst bei Nitsche pures Entsetzen aus. Ab 34 min 30 sek könnt ihr euch die Hand hier noch einmal in bewegten Bildern ansehen:

Analyse und Bewertung

Oft ist beim Poker davon die Rede, dass ein Spieler seine Hand in einen Bluff verwandelt, und das Geschehen auf dem River bei diesem Duell ist dafür ein Paradebeispiel.

Schauen wir uns die gesamte Hand noch einmal an und überprüfen am Ende, ob Emir Misljimis Spielzug wirklich gut war.

Die Hand beginnt mit einem recht loosen Raise von Dominik Nitsche, der als Chipleader auch mit einer Hand wie 54s Druck machen kann, zumal diese natürlich versteckte Monster treffen kann.

Mit Emir Misljimi, der mit seinem kleinen Paar im Small Blind genau das Richtige macht, bekommt er nur einen Caller und hat in Position gute Chancen, die Hand auf fast allen Boards für sich zu entscheiden.

Dominik Nitsche4
Dominik Nitsche

Der Flop bringt beiden Spieler etwas. Misljimi hat sein Set getroffen, und Nitsche hat einen äußerst gut versteckten Open-ended Straight Draw.

Natürlich checkt Misljimi zum Preflop-Raiser, und natürlich lässt Nitsche als Semi-Bluff eine Continuation Bet folgen.

Er repräsentiert hier vor allem Overpairs, außerdem könnte Misljimi seine Hand nach einer Bet direkt aufgeben, wenn er nichts getroffen hätte.

Der Amateur hat mit seinem Set aber alles im Sinn, nur keinen Fold, sondern bringt stattdessen einen sehr niedrigen Check-Raise.

Aus Nitsches Sicht kann das vieles bedeuten – ein reiner Bluff, ein Set, ein schlecht gespieltes Overpair und natürlich ein Flush Draw, aber natürlich callt er.

String Bet auf dem Turn

Nach den kleinen Scharmützeln auf dem Flop sind 150.000 im Pott, und nach der aus Misljimis Sicht ziemlich sicheren 7 auf dem Turn sollte der Amateur etwa 80.000 setzen, damit er den Draws zu schlechte Pot Odds gibt und auf dem River mit 164.000 in 310.000 All-In gehen kann.

Stattdessen unterläuft ihm eine String Bet, nach der ihm der Schiedsrichter nur erlaubt, 30.000 zu setzen.

Für diesen Preis kann Nitsche auf jeden Fall profitabel callen. Sofern sein Gegner nicht gerade 9 8 hat, hat er sechs bis acht astreine Outs zu den Nuts und bekommt mit 6 zu 1 gigantische Pot Odds.

Misljimis Spektrum hat sich aus Nitsches Sicht nicht verändert, er kann weiterhin die oben genannten Hände Bluff, Set, schlecht gespieltes Overpair und Flush Draw haben.

Denn sie wissen nicht, was sie tun?!?!?

Nach dem bis auf die String Bet eher normalen Vorgeplänkel wird es auf dem River richtig wild.

Schauen wir zunächst, wie Nitsches Spektrum aus Misljimis Sicht aussieht. Die bisherigen Aktionen – Raise vor dem Flop, C-Bet und Call des Check-Raise auf dem Flop sowie Call auf dem Turn – sagen eigentlich nur aus, dass er etwas hat: eine passable Hand oder einen Draw.

Sollte Misljimi setzen oder lieber checken? Eine sinnvolle Setzfolge wäre ein sogenannter Betfold, also mit dem Set zu setzen und auf Auszahlung von Overpairs und anderen schwächeren Händen hoffen bzw. nach einem Raise zu folden.

Ein Check ist vermutlich nur leicht schlechter, da Nitsche durchaus bluffen könnte und vielleicht sogar mit einem besseren Set nur checkt.

Misljimi allerdings entscheidet sich für eine dritte Variante, deren Wert wir gleich untersuchen, zunächst aber überlegen, ob Nitsche setzen sollte.

Emir Misljimi
Emir Misljimi

Im Grunde hat Misljimi sein Spektrum mit dem Check nach oben begrenzt, und Nitsche kann sich Gedanken machen, wie viele Chips er einem Set oder einem Overpair vielleicht noch abnehmen kann.

Mit einem Check wäre er natürlich auf der sichereren Seite, da er nun auf einmal mit der Straight guten Showdown Value hat, doch ist es natürlich sehr verlockend, noch weitere Chips von einer Hand wie einem Set oder Overpair zu gewinnen.

Insofern ist Nitsches Bet überhaupt nicht zu tadeln, doch was danach kommt, ist reichlich irrational.

Misljimi geht nämlich kurzerhand All-In und verwandelt seine Hand in einen Bluff, mit dem er nichts anderes repräsentiert als einen Karo Flush.

Und was taugt das Ganze?

Ist dieser Spielzug gut? Erstaunlicherweise nicht so schlecht, wie er im ersten Moment aussieht. Schauen wir uns dazu die möglichen Hände Nitsches an und wie Misljimi mit seinem Check-Raise dagegen abschneidet:

-Bluffs (Nitsche foldet): kein Unterschied, da Misljimi keine weiteren Chips gewinnt.

-bessere Sets (Nitsche foldet vermutlich): mehr Chips für Misljimi, da Nitsche öfters die bessere Hand foldet.

-Straights (Nitsche foldet zumindest ab und zu): mehr Chips für Misljimi, da Nitsche zumindest ab und zu die bessere Hand foldet.

Flushes (Nitsche foldet fast nie): fast immer das Aus für Misljimi

Unterm Strich ist die Bilanz keinesfalls schlecht für den Bluff-Check-Raise und nur gegen einen Flush verheerend, so dass es so aussieht, als hätte Misljimi hier fast aus Versehen einen ziemlich guten Spielzug gemacht.

Fazit

Schockiert muss Dominik Nitsche feststellen, dass er auf dem River die beste Hand gefoldet hat, weil sein Gegner seine passable Hand in einen Bluff verwandelte.

Emir Misljimi bewegt sich hier zwischen Genie und Wahnsinn, und wir wissen nicht, ob er wirklich wusste, war er tat.

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