Hand der Woche – Kann man das wirklich folden?

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Was hast Du?

Immer wieder steht man beim Poker vor Situationen, in denen man eine passable, aber keine berauschende Hand hat und auf einmal mit einem All-In konfrontiert wird. Zusätzliche Outs können bei der Entscheidung oft den Ausschlag geben, aber in unserer Hand der Woche gibt unser Held mit Top Pair und Nut Flush Draw gegen einen Spieler auf, der zu großen Bluffs durchaus in der Lage ist. Wir gehen der Frage nach, ob man das wirklich folden kann?

Ausgangslage und Spiel bis zum Ende

Wir verfolgen eine hochinteressante Cashgame-Partie, die letztes Jahr im Seminole Hard Rock Casino ausgetragen wurde.

Mit von der Partie waren hochrangige Profis wie Mustapha Kanit, Chance Kornuth oder Matt Berkey, aber auch betuchte Amateure wie Bill Perkins und Joey DiPascale.

Gespielt wurde mit Blinds von $100/$200, aber in unserer Hand gibt es von Matt Berkey einen Straddle mit $400.

Wir betrachten uns die Hand aus der Sicht von Joey DiPascale ($72.000), der im Hijack

   

bekommt und auf $1.400 raist.

Hinter ihm callt James Calderaro ($30.000) im Button, aber Mustapha Kanit ($117.000) reraist im Big Blind auf $6.500.

Berkey ($360.000) callt im Straddle, DiPascale callt, Calderaro callt. Im Pott sind damit vor dem Flop $26.275, und der bringt

     

Kanit checkt, Berkey setzt $11.500, DiPascale callt mit seinem Top Pair, Calderaro foldet und Kanit foldet. Im Pott sind damit $49.275, und es geht mit effektiven $54.000 auf den Turn. Der bringt

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Berkey geht mit effektiven $54.000 All-In, und DiPascale verfällt ins Grübeln. Schließlich foldet er seine Hand, und Berkey gewinnt den Pott mit gut $103.000.

Berkey hatte rein gar nichts mit

   

und stahl den Pott.

Hier die Hand in bewegten Bildern:

Analyse und Bewertung

Mit einem wilden Ritt sichert sich Matt Berkey hier einen mehr als ansehnlichen Pott, und Joey DiPascale hat sich sicher geärgert, als er dessen Hand hinterher gesehen hat.

Schauen wir uns aber möglichst vorurteilsfrei an, ob wir an Joey DiPascales Stelle anders entschieden und gecallt hätten.

Beginnen wir wie immer vor dem Flop. Mit A 8 kann man vom Hijack durchaus raisen, auch wenn hinter einem eine Horde von Weltklassespielern sitzt.

Nach Calderaros Call packt Mustapha Kanit (Mit AKo) aber direkt den Reraise aus, und wenn Matt Berkey nicht callen würde, müsste DiPascale hier mit einer Hand, die oft dominiert wird, folden.

So aber muss er für einen Pott mit ca. $16.000 nur $5.000 bezahlen und bekommt sogar noch mit recht hoher Wahrscheinlichkeit einen weiteren Caller dazu.

Tritt man mit einer Hand wie A8s aber zu einem gereraisten (!) Pott mit mehreren Spielern (hier sogar vier) an, muss man erst recht in einer loosen Runde ein gutes Verständnis von den Spektren der einzelnen Spieler haben, um nach dem Flop nicht komplett unterzugehen.

Di Pasquale
Di Pasquale

Top Pair auf dem Flop

Der Flop bringt Joey DiPascale Top Pair, Top Kicker und den Backdoor Nut Flush Draw, aber in einem Pott mit derart vielen Spielern und nach einem Reraise sagt das natürlich deutlich weniger aus als etwa in einem Heads-Up.

Große Vorsicht und vor allem das Sammeln weiterer Informationen sind daher angebracht.

Als Kanit checkt, kann man recht sicher sein, dass er eine Hand mit hohen Karten, aber ohne Paar hält, da er z.B. mit JJ gegen drei Spieler gesetzt hätte.

Berkeys Bet dagegen ist schwerer zu durchschauen. Er hat im Sandwich den Reraise von Kanit gecallt und damit ein ziemlich starkes Spektrum.

Darin befinden sich ebenfalls Kombinationen von hohen Karten wie AQ, aber auch mittlere Paare wie 77, 99 oder TT.

Als Berkey setzt, macht Joey DiPascale zunächst alles richtig. Er kann beim ersten Windhauch nicht Top Pair, Top Kicker folden, auch wenn Berkeys Move sehr stark aussieht – schließlich setzt der Highroller in drei Spieler hinein.

Eskalation auf dem Turn

Nach DiPascales korrekten Call folden Calderaro und Kanit, doch als der Turn die 7 und damit zum Top Pair den Flush Draw für ihn bringt, geht Berkey recht prompt mit einer leichten Overbet All-In.

Viele Chips fuer Berkey
Chips fuer Berkey

Schauen wir uns zunächst die mathematische Ausgangslage an, ehe wir uns dem Entscheidungsprozess Call oder Fold nähern.

Im Pott sind nach Berkeys All-In gut $103.000, und DiPascale muss $54.000 investieren. Er bekommt also Pot Odds von 1,9 zu 1, d.h. er muss in etwa 35 Prozent der Fälle richtig liegen, um profitabel abzuschneiden.

Schauen wir uns nun Berkeys Spektrum an und DiPascales Gewinnchancen dagegen. Berkeys Spektrum besteht aus drei Arten von Händen:

1) Monster wie 88, 77, 87 oder 33, gegen die DiPascale keine Outs mehr hat

2) Starke Hände wie JJ, TT oder 99, gegen die DiPascale 14 Outs (neun zum Flush, zwei Achten, drei Asse) hat

3) Bluffs, die nicht mehr als sechs Outs haben wie AQ oder KQ

Obligatorischer Call

Nun geht es darum, eine möglichst genaue Ahnung zu bekommen, wie DiPascale gegen dieses Spektrum abschneidet. Gegen Kategorie 2 bekommt DiPascale fast genau die richtigen Pot Odds, also ist das Verhältnis von Kategorie 1 und 3 entscheidend.

Für 88 und 77 gibt es genau je eine Kombination - 8 8 und 7 7 – während es immerhin drei Kombinationen von 33 gibt, allerdings muss man diese Hand angesichts der Preflop-Aktionen genauso diskontieren wie 87 (realistisch kommt nur 87s infrage).

Wahrscheinlich liegt man ungefähr richtig, wenn man maximal fünf Kombinationen einrechnet, gegen die DiPascale „tot“ ist, und bei einem Spieler wie Matt Berkey sind auf jeden Fall immer mehr als fünf Kombinationen von Bluffs im Spektrum – genau deshalb ist er nämlich so erfolgreich.

Da die Furcht, dass man keine Outs mehr hat, fast zu vernachlässigen ist, ist ein Call nach der 7 Pflicht – diese Karte ist einfach sehr gut für DiPascale und hätte es ihm bei sauberer Analyse eigentlich leicht machen müssen, den richtigen Spielzug zu finden.

Fazit

Matt Berkey greift den Amateur Joey DiPascale mit dem großen Eisen an und schafft es tatsächlich, dessen bessere Hand samt Draw zum Folden zu bringen.

Joey DiPascale dachte zwar lange nach, konnte Berkeys Spektrum aber nicht sauber analysieren – auf diese Weise beging er einen $100.000 teuren Fehler!

Und die Antwort auf unsere eingangs gestellte Frage lautet: Kann man, sollte man aber nicht.

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