Hand der Woche: Bubble Boy statt Held – Der verrückte Call des Jake Schindler

jake schindler
Jake Schindler.

Für die meisten Turnierspieler ist es die schlimmste Vorstellung beim Poker überhaupt. Tagelang kämpft man, dann kommt die Bubble-Phase und man geht als letzter Spieler ohne Preisgeld nach Hause.

Bekannt ist dieses Phänomen unter dem Namen Bubble Boy (bzw. Bubble-Girl) und die meisten Spieler scheuen diesen Titel wie der Teufel das Weihwasser, weswegen sie auch in der Regel übertriebene Risiken vermeiden.

Zwangsläufig in jedem Turnier muss einer aber in den sauren Apfel beißen und sich den traurigen Titel des Bubble Boy abholen – so sind nun mal die unumstößlichen Gesetze der Pokerturniere. In der heutigen Hand der Woche wollen wir uns eine Hand aus der Bubble-Phase des WPT-Turniers Legends of Poker anschauen.

An ihr beteiligt sind zwei Pokerprofis, der Gewinner eines WSOP-Bracelets, Dan Heimiller, und Jake Schindler, der in diesem Jahr immerhin über 300.000 Dollar an Preisgeldern gewonnen hat.

Ausgangslage

In der Bubble-Phase betragen die Blinds 3.000/6.000, dazu kommt ein Ante von 1.000. Jake Schindler hat zu diesem Zeitpunkt mit 404.000 (67 Big Blinds) einen sehr komfortablen Stack, Dan Heimiller ist mit knapp 700.000 unter den Chipleadern.

Alles beginnt ganz harmlos. Auf dem Button raist Schindler auf 12.000, die Heimiller im Big Blind callt. Der Flop bringt

     

und Heimiller checkt.

Die Party beginnt

Schindler bringt nun eine typische Continuation Bet über 21.000 in den Pot mit 36.000, worauf Heimiller auf 56.000 checkraist. Schindler reraist auf 115.000 und Heimiller callt.

Der Turn bringt die

 

worauf beide Spieler checken. Auf dem River kommt mit der

 

eine weitere Neun, wonach Heimiller mit effektiven 276.000 All-In geht.

Bis zur Entscheidung von Jake Schindler vergehen sechs Minuten. Schließlich ringt er sich zu einem Call durch, Heimiller dreht seine Hand um und zeigt

   

Alle Zuschauer rechnen damit, dass Schindler die siegreiche Hand gegen Heimillers mickriges Two Pair mit Neunen und Siebenen umdreht, doch er zeigt (gemäß All-In-Regel)

   

und verliert.

Analyse

Nicht nur die Zuschauer dürften angesichts des Ausgangs der Hand überrascht gewesen sein, auch Dan Heimiller hat nach dem gegnerischen Call sicher nicht damit gerechnet, mit seinem Blatt den Pot zu kassieren und Jake Schindler als Bubble Boy vom Tisch zu schicken.

Heimiller vs. Schindler
Heimiller (hinten) vs. Schindler.

Schauen wir uns nun an, wie es zu dieser alles andere als alltäglichen Situation kommen konnte. Die Aktionen vor dem Flop sind nicht weiter erklärungsbedürftig.

Schindler hat auf dem Button eine überdurchschnittliche Hand, die er raist, und Heimiller mit einem sehr großen Stack die Durchschnittshand schlechthin – Q7.

Auf dem Flop wird es dann spannend, denn beide Spieler geben alles. Schindlers Conti Bet ist normal, doch Heimiller verwandelt sein Bottom Pair in einen Bluff und spielt damit vor allem die Situation der Bubble.

Schindler riecht den Braten, dass Heimiller blufft, und blufft noch einmal, worauf Heimiller callt.

Dieser Call ist nur damit zu erklären, dass Heimiller im Verlauf der Hand die Chance sieht, den Pot zu stehlen. Bei 230.000 im Pot hat er mit effektiven 276.000 durchaus noch Hebelwirkung, außerdem kann er noch eine Dame oder eine weitere Sieben treffen.

Nach den beiden Checks auf dem Turn verändern sich die Ranges der beiden Spieler. Heimiller hat nach seinem Call auf dem Flop ohnehin viele Draws auf der Hand, während Schindlers auf dem Flop noch angeblich starke Range durch den Check jetzt deutlich schwächer wird.

Diese Schwäche will Heimiller auf dem River ausnutzen. Das gepaarte Board birgt eine Menge Gefahrenpotential, das Heimiller nun mit seinem All-In ausspielt.

Sein Paar Siebenen (plus das Paar Neunen auf dem Board) ist kaum die beste Hand, daher hilft nur ein Bluff. Der kommt zudem in einer turniertaktischen Extremsituation, der Bubble.

All das (bis auf Heimillers Hand natürlich) weiß auch Jake Schindler. In Heimillers Range sind nur ganz wenige Hände, die für eine Value Bet ausreichen.

Asse, Neunen und Zehnen für drei der möglichen Full Houses bzw. Vierlinge fallen angesichts der Action vor dem Flop aus, nur Siebenen oder A9 sind von diesen starken Händen denkbar.

Mit einem Ass oder einer Zehn würde Heimiller kaum diese Bet bringen, sondern eher checken bzw. weniger setzen. Der Flop ermöglichte Heimillers Range extrem viele Draws – Straight-, Flush- und kombinierte Draws, die nun fast alle geplatzt sind.

Mit seinem König hat Schindler die beste Hand ohne Paar und ringt sich schließlich zum Call durch. Eine mutige und – trotz des Misserfolgs – starke Entscheidung, denn Schindlers Analyse von Heimillers Range war vollkommen zutreffend.

Schindlers Pech war nur, dass sein Gegner mit einem zufälligen Paar bluffte.

Bitte füllen Sie die erforderlichen Felder korrekt aus.

Es ist ein Fehler aufgetreten!

Sie müssen drei Minuten warten, bevor sie einen weiteren Kommentar abgeben können.

Noch keine Kommentare