Hand der Woche – Göttlicher Call oder kompletter Irrsinn?

angel guillen

In unserer Serie Hand der Woche haben wir schon viele spektakuläre Duelle präsentiert, doch heute gibt es einen absoluten Leckerbissen zu bewundern. Passend zur WM spielte sich die Hand in Brasilien bei der LAPT Sao Paolo ab. Protagonist ist der mexikanische PokerStars Pro Angel Guillen, der hier einen echten Hammer auspackt. Achtung, festschnallen, gleich geht es los!

Turniersituation und Spiel bis zum River

Das Main Event der LAPT Sao Paulo befindet sich in der entscheidenden Phase. Noch sind 35 Spieler dabei und es gilt, sich in die richtige Position für die fetten Fleischtöpfe zu bringen. Die Siegprämie liegt bei über 358.000 Dollar. Momentan sind die Blinds bei 10.000/20.000 plus 3.000 Ante.

Auf dem Button bekommt Guillen (690.000 Stacks) nach lauter Folds

   

und raist auf 40.000. Joao Simao (948.000) im Big Blind reraist auf 97.000 und Guillen callt. Im Pot sind 228.000 Chips.

Der Flop bringt

     

Simao setzt 104.000, Guillen callt. Im Pot sind 436.000, die effektiven Stacks betragen 489.000.

Der Turn bringt die

  

Simao setzt 135.000 und Guillen callt. Im Pot sind 706.000 Chips und die effektiven Stacks betragen 354.000.

Der River bringt mit dem

 

das vierte Karo und Simao geht ohne große Umschweife All-In. Guillen überlegt geschlagene 15 Minuten und callt schließlich. Simao muss     zeigen, womit Guillens Paar Vieren zum Gewinn des Pots ausreicht. Joao Simao belegt schließlich den 32. Platz und bekommt umgerechnet $7.209, während Guillen sich Platz 5 und gut $85.000 sichern konnte.

Analyse und Bewertung

Zweifellos handelt es sich hier um eine der spektakulärsten Hände der jüngeren Vergangenheit, wenn nicht der Pokergeschichte überhaupt. Das Thema „Polarisierte Spektren“ wird hier auf die Spitze getrieben und mündet in einem auf den ersten Blick unfassbaren Call.

Joao Simao
Joao Simao wurde von Guillen perfekt gelesen und komplett geowned.

Gehen wir die Hand noch einmal von Anfang an durch und schauen, was Guillen neben möglichen Tells zu seiner Spielweise verleitet haben kann.

Vor dem Flop bringt Guillen vom Button mit seiner guten spekulativen Hand, 5 4, einen Standard-Raise. Simaos Reraise aus dem Big Blind mit A 6 hat Vor- und Nachteile. Natürlich weiß er, dass er mit seinem schwachen Ass gegen das Button-Raise-Spektrum von Guillen vorne liegt, andererseits baut er ohne Position einen größeren Pot auf, und das ist gegen Weltklassespieler gefährlich.

Guillen callt den Reraise trotz seiner recht schwachen Hand, weil  er zum einen ausgezeichnete Pot Odds von 3 zu 1 bekommt und er in Position gegen ein breites Reraise-Spektrum gute Steal Equity hat.

Auf dem Flop bringt Simao die typische Continuation Bet, worauf Guillen erneut callt. Sein Call hat mehrere Gründe:

1. Der Flop hat Simaos Spektrum nur selten geholfen, da es aus vielen hohen Karten besteht.

2. Der Flop ist drawlastig und bietet damit viele Pseudo-Outs für den Spieler in Position, um den Pot nach gegnerischer Aufgabe zu stehlen.

3. Guillen hat einen Gutshot bekommen.

Richtig interessant wird es auf dem Turn, wo Simao nach Ankunft der dritten Flush-Karte 135.000 in einen Pot mit 436.000 setzt. Die Bet sieht sehr klein aus, doch sie reicht aus, um Guillen eine definitive Frage zu stellen: Willst Du Dich Pot-committen?

201.000 Chips hat Guillen bereits investiert und callt er diese Bet, hat er fast die Hälfte seines Stacks untergebracht. Die Entscheidung für einen Call auf dem Turn bedeutet somit auch bereits eine Entscheidung  auf dem River.

Folgt man Guillens Analyse auf dem Flop, der Simaos Spektrum größtenteils verfehlt hat, stehen die Chancen nicht schlecht, dass er mit seinem soeben getroffenen Paar Vieren nun die beste Hand hat. Gleichwohl fällt ein Call auf diesem Board und der Drohung, dass auf dem River fast nur schlechte Karten kommen können, alles andere als leicht.

Tatsächlich callt Guillen und hat es auf dem River nach dem J nicht leichter. Simao geht von vorn zügig All-In und baut maximalen Druck auf. Technisch gesehen, bekommt  Guillen wieder fast unwiderstehliche Pot Odds von 3 zu 1, doch wie soll man diesen River callen?

Geschlagene 15 Minuten nimmt Guillen sich anschließend Zeit, ehe er den fantastischen Call macht, der anschließend um die Welt geht. Ein ganz großes Problem in seiner Analyse dürfte gewesen sein, dass er zwar einen gegnerischen Bluff vermutete, aber nicht wusste, ob er ihn schlägt.

Tatsächlich gibt es viele Hände mit gewissem Wert, die Simao hier in einen Bluff verwandeln könnte. Einen Buben etwa oder ein Paar Sechsen oder ein kleines Karo.

Unterm Strich entschied sich Guillen aber dafür, seinem Instinkt und seiner durchgängigen Analyse zu folgen. Bei einer Blank auf dem River hätte er vermutlich schneller gecallt. So aber schenkte er der Pokerwelt ein wahres Kunstwerk.  

Fazit

Das Thema der polarisierten Spektren erreicht auf dem River seinen Höhepunkt. In dieser Setzrunde ist bei einer Bet oder einem All-In die Kluft zwischen starken Händen und Bluffs besonders groß, und die Entscheidung fällt umso schwerer.

Angel Guillen hat seinem Gegner in dieser Hand nie „etwas gegeben“. In die Pokersprache übersetzt, heißt das, dass Simaos Spektrum auf dem Flop schwach war und nie besser wurde.  Unglaublich ist der Call von Angel Guillen dennoch.

Wer sich die Hand in bewegten Bildern ansehen will, hat hier die Möglichkeit

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