Hand der Woche – Die Macht des großen Stacks

Kyle Keranen

In rund zwei Wochen ist so weit. Dann fällt in Las Vegas die Entscheidung, wer das Main Event der WSOP gewinnt und sich ein Jahr lang Poker-Weltmeister nennen darf. Aktuell müssen wir uns aber mit den Aufzeichnungen der amerikanischen Kollegen von ESPN begnügen, die wie gewohnt eine glänzende Zusammenfassung des Weges zu den November Nine präsentieren. In unserer Hand der Woche wollen wir uns dieses Mal eine hochinteressante Hand des damaligen Chipleaders Kyle Keranen anschauen, in der er auf eindrucksvolle Weise die Macht der Chips demonstriert.

Ausgangslage und Spiel bis zum Turn

Wir befinden uns an Tag 6 des WSOP Main Event, noch 55 Spieler sind dabei. Chipleader ist Kyle Keranen mit rund 10 Millionen Chips, sein Gegner in unserer Hand ist Chris Johnson, der mit 4 Millionen einen leicht überdurchschnittlichen Stack hat. Alle Spieler haben bereits $124.000 sicher, der nächste Preisgeldsprung bedeutet $28.000 mehr.

Auf dem Button bekommt Keranen

   

und raist bei Blinds von 30.000/60.000 auf 125.000. Im Small Blind findet Chris Johnson

   

und reraist auf 325.000. Keranen callt. Im Pot sind 790.000.

Der Flop bringt

     

Johnson lässt eine Continuation Bet mit 350.000 folgen, worauf Keranen auf 800.000 raist. Johnson callt und mit 2,39 Millionen im Pot bringt der Turn die

 

Johnson checkt, Keranen setzt 1,05 Millionen und Johnson foldet recht rasch mit einem Seufzen. Er bittet Keranen seine Hand zu zeigen, doch der entgegnet, dass er das nicht könne. Nach der Hand hat Keranen seinen Stack auf über 11 Millionen ausgebaut, Johnson bleiben noch 2,8 Millionen.

Analyse und Bewertung

In einer vorentscheidenden Phase des WSOP Main Event gelingt es Kyle Keranen, seinen Gegner mit Assen zum Folden zu bringen. Schauen wir uns das Geschehen noch einmal an.

Bereits vor dem Flop gibt es eine interessante Situation, als Keranen mit seinen Buben die 3-Bet von Johnson nur callt. Da sich die beiden Spieler auf dem Button und im Small Blind befinden, sind ihre Spektren recht breit. Während Johnson aufgrund der Turniersituation gegen den Chipleader aus dem Small Blind recht tight reraist, hat Keranen ein sehr breites Spektrum – als Button raist er mit seinem Stack sehr viele Hände und callt auch den Reraise in Position mit fast allen Händen. Insofern repräsentiert er mit dem Call eine deutlich schwächere Hand als seine tatsächliche.

Aus Johnsons Sicht ist der Flop mit       sehr unangenehm. Natürlich befinden sich alle Broadway-Hände in Keranens Spektrum, die nun alle irgendwie getroffen und ihn teilweise sogar überholt haben. Viel besser hätte Johnson ein Flop wie 774 oder Q62 gefallen, wo er mit seinen Assen fast immer vorne wäre.

Keranen erkennt nach Johnsons C-Bet die Chance, seine einst starke Hand in einen Bluff zu verwandeln. Natürlich weiß Keranen, dass der Flop auch vielen Händen aus Johnsons Spektrum geholfen hat. Johnsons Reraise-Spektrum besteht aus Paaren und vielen Broadway-Kombinationen, daher ist Keranen klar, dass er nur selten vorne liegt.

Mit seinen Buben hat er aber einen Open-ended Straight Draw, mit dem er sich zum Semi-Bluff entschließt. Mit seinem Raise auf 800.000 bietet er Johnson unwiderstehliche Pot Odds von 4,3 zu 1. Damit verfolgt er zwei Ziele:

1. Er will, dass Johnson callt, um ihm noch mehr Chips abzunehmen.

2. Er demonstriert enorme Stärke, indem er den Gegner so offensichtlich zum Call einlädt.

Tatsächlich callt Johnson und checkt auf dem Turn mit einer totalen Blank zu Keranen. Der feuert weitere 1,05 Millionen und stellt Johnson vor die ultimative Entscheidung: „Willst du wirklich nochmal callen? Dann musst du auf dem River deine restlichen 1,7 Millionen auch investieren!“

Chris Johnson
Chris Johnson wurde allein durch den großen Stack und den Druck seines Gegners vor eine sehr schwere Entscheidung gestellt.

In der Tat steckt Johnson in einem üblen Dilemma.

Es gibt neben Bluffs sehr viele Hände, die ihn schlagen, vor allem Two Pairs wie KQ, KT oder QT, aber natürlich auch Sets und Straights. Seine Asse sind längst nichts anderes mehr als ein Bluff-Catcher.

Im konkreten Fall war seine Entscheidung zwar falsch (witzigerweise blockt er mit seiner tatsächlichen Hand zwei Outs von Keranen), doch unterm Strich dürfte seine Entscheidung angesichts der Turniersituation und vor allem des extremen hohen Werts des Turnierlebens korrekt sein.

Fazit

Keranen zeigt in dieser Hand, wie wertvoll und schlagkräftig ein großer Stack ist. Mit ihm droht man jederzeit, seinem Gegner das Turnierlicht auszulöschen. Chris Johnson foldet schweren Herzens Asse, als er nur noch einen Bluff schlägt. Am Ende belegte Johnson Rang 31 und kassierte rund $230.000. Keranen kam noch etwas weiter und erreichte auf Platz 24 die nächste Preisgeldstufe. 

Die Hand könnt ihr euch hier ab Minute 11:30 noch einmal anschauen:

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