Gangster, Gambler und Ganoven (9): Archie Karas – der größte „Run“ der Pokergeschichte

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4 März 2015, Von: Christian Henkel
Geposted in: The Hand
Gangster, Gambler und Ganoven (9): Archie Karas – der größte „Run“ der Pokergeschichte

Die Geschichte von Archie Karas ist ein moderner Mythos. Auf den Spuren seines berühmten Landsmannes Nick „The Greek“ Dandolos wandelnd kam er als No Name nach Las Vegas und brachte der gesamten Poker-Elite das Fürchten bei.

Innerhalb von lediglich drei Jahren machte er aus 50 Dollar 40 Millionen. Und verspielte dann alles wieder am Würfeltisch. Heute ist der Mittsechziger nur noch wegen diverser Betrügereien in den Schlagzeilen.


Dies sind die Geschichten der Männer, die Las Vegas zu dem gemacht haben, was es heute ist – der großartigste und verrückteste Ort der Welt.

 

Als Doyle Brunson vor einigen Jahren zu Archie Karas befragt wurde, zeigte sich der Altmeister – obwohl dessen legendärer Hot Streak bereits zehn Jahre zurücklag - immer noch beeindruckt:

Doyle
Doyle Brunson - Das Phantastische an Archie ist, dass ihm kein Verlust etwas auszumachen scheint.

„Archie ist einer der wenigen Menschen, die ich kenne, die einfach keine Angst davor haben zu verlieren. Geld bedeutet dem Mann überhaupt nichts. Das Phantastische an Archie ist, dass ihm kein Verlust etwas auszumachen scheint. Er macht einfach weiter.“

Dabei wurde Anargyros Karabourniotis 1950 auf der griechischen Insel Kelafonia in bettelarme Verhältnisse geboren. Vor allem das Verhältnis zum Vater war schon früh von Härte und Gewalt geprägt.

Es gab für den jungen Archie also genügend Gründe, sich auf der Straße herumzutreiben. Und beim Murmelspiel verdiente sich Archie oft jene Mahlzeiten, die es Zuhause nicht gab. So entdeckte der spätere Mega High Roller sein Talent.

Mit 15 Jahren hatte Archie Karas dann genug vom Drangsal im elterlichen Haus. Er verließ über Nacht seine Familie. Mit seinem Vater, der vier Jahre später starb, sollte Archie nie wieder ein Wort wechseln.

Der noch nicht mal volljährige Archie heuerte zunächst auf einem Kreuzfahrtschiff als Kellner an, hatte aber schon zwei Jahre später genug vom Herumreisen und ließ sich in Los Angeles nieder.

Auch dort arbeitete er zunächst in der Gastronomie widmete sich aber nach seinen Schichten intensiv dem Spielen.

Eine benachbarte Bowling-Halle wurde zu seinem zweiten Zuhause. Zwar besserten ihm die Bowlingwetten das Gehalt kräftig auf, aber den entscheidenden Schritt auf dem Weg zum Berufsspieler brachte ihm der Weg ins Hinterzimmer.

Dort standen nicht nur Billard-, sondern auch Pokertische bereit. Und Archie Karras erwies sich in beiden Disziplinen schnell als Naturtalent.

Mit 19 Jahren, so sagte er es selbst in einem Interview, „war ich mir sicher, nie wieder einen regulären Job anzunehmen. Ich war Berufsspieler.“

In den folgenden zwei Jahrzehnten war Archie Karras unzählige Male abwechselnd wohlhabend und wieder pleite.

1990 hatte er gerade mal wieder zwei Millionen Dollar verloren und entschied sich dazu, mit seinen letzten 50 Dollar nach Vegas zu gehen.

Und damit beginnt jene Geschichte, die als „The Run“ in die Poker-Annalen eingegangen ist.

Zunächst lieh sich der mittlerweile 40-jährige Grieche 10.000 Dollar bei einem ihm bekannten Gambler und investierte sie in eine Partie $200/$400 Razz, eine Variante, in der er sich selbst als ein König sah.

Wenige Stunden später lagen $30k vor ihm, er stand gegen seine Gewohnheiten auf, zahlte seinem Backer $20k zurück, behielt selber $10k und machte sich auf den Weg, um die profitablen Pool-Billard Partien von Sin City aufzuspüren.

Archie Karas, poker hot run
Kein Spieler hat je einen derartigen Lauf erlebt wie Archie Karas.

Seine Wege kreuzten schnell die eines bekannten Geschäftsmanns und Pokerspielers, dessen Namen Archie Karras allerdings bis heute für sich behält.

Die beiden vereinbarten ein Duell im 9-Ball-Billard und begannen pro Match mit $5k, was bereits die halbe Bankroll von Archie Karas war.

Zweieinhalb Monate lang trennten sich die beiden Kontrahenten nur, um eine Mütze Schlaf zu nehmen. Je länger das Duell dauerte, desto wilder wurde die Action.

Am Ende spielten Archie Karas und sein mysteriöser Gegner um $40k pro Partie und relaxten zusätzlich bei einer wahnwitzigen Pokerpartie $8k/ $16k Seven Card Stud.

Letztlich musste Mister X seine Niederlage eingestehen und Archie Karras mit über vier Millionen Dollar ziehen lassen.

Doch für Archie Karas war das lediglich der Auftakt zu einem beispiellosen Triumphzug. Mittlerweile hatte sich seine Geschichte auch bei den Vegas High Rollern herumgesprochen, und jeder wollte sich seinen Teil aus der Bankroll des vermeintlichen Fisches holen.

Archie Karas traf also nacheinander heads-up auf die Crème de la Crème der Pokerwelt.

Der erste Kandidat war Stu Ungar, der allerdings so schnell eine Million Dollar gegen den immer mächtiger werdenden Karas verlor, dass er gar nicht wusste, wie ihm geschah.

Wenige Tage später gelang es ihm dann, die beiden weltbesten Pokerspieler Chip Reese und Stu Ungar an einem einzigen Tag um 1,2 Millionen Dollar zu erleichtern. Über diesen Coup war selbst der so stoische Grieche beeindruckt.

Gegenüber PokerNews erklärte er später: „Ich habe am Pokertisch viele phantastische Sachen gemacht. Aber am gleichen Tag Chip und Stu abzuzocken, war auch für mich etwas ganz Besonderes.“

Puggy Pearson, Johnny Moss, Doyle Brunson und Johnny Chan – sie alle spielten hoch gegen Karas und verloren.

Am Anfang zahlten ihm die Haie noch einen Big Blind pro Stunde, damit er überhaupt gegen sie antrat. Aber damit war es schnell vorbei.

Ähnlich wie später gegen Andy Beal versuchten die Pros, sich gegen die Monster-Bankroll von Archie Karas zu schützen, indem sie sich zusammenschlossen. Vorgeschickt zum Shoot-out wurde dann der Beste. Und das war meistens Chip Reese.

Chip Reese
Chip Reese verlor an einem Tag zwei Millionen Dollar gegen Karas.

Doch selbst der Großmeister bekam es hinsichtlich der schwindelerregenden Höhe der Einsätze am Ende mit der Angst zu tun.

Nach einer weiteren Millionen-Session soll Reese aufgestanden sein und gesagt haben: „God made your balls a little bigger. You’re too good.”

Und kurz vor seinem überraschenden Tod 2007 erinnerte sich Chip Reese noch einmal an den furchtlosen Griechen:

„Der größte Betrag, den ich jemals in einem Pokerspiel verloren habe, war 2 Millionen gegen Archie Karas als wir $8.000/ $16.000 spielten.“

Auch Archie Karas erwies seinem Kontrahenten Respekt, indem er feststellte:

„Ich habe ihn dafür respektiert, dass er so oft gegen mich angetreten ist. Wir hatten um die 25 Kämpfe gegeneinander. Er war ein kühler Rechner und musste Angst um seine Bankroll haben. Mir hingegen bedeutete es nichts, beim Poker $10.000/ $20.000 zu spielen. Beim Würfeln hatte ich oftmals weit höhere Beträge am Tisch.“

Würfel waren es am Ende auch, die das schafften, was die gesamte High Roller Elite von Las Vegas nicht vermocht hatte: Sie zwangen Archie Karas in die Knie.

Weil kein Pokerspieler mehr mit Karas auf dessen Limits klettern wollte, musste sich der Action-Junkie wohl oder übel eine neue Spielwiese suchen.

Und die fand er schnell beim Craps und Baccarat. Und weil ihn auch dort das Glück begleitete, war der einst mittellos nach Amerika gekommene Grieche nur sechs Monate nach seiner Ankunft in Las Vegas 17 Millionen Dollar schwer.

Sein neues Zuhause wurde nun das Binion`s Horseshoe, das Vegas-Casino mit den höchsten Einsätzen.

Und zwischen dem Casino-Manager Jack Binion und Archie Karas entwickelte sich bald ein interessantes Kräfteringen, bei dem am Ende gar der Verlust des gesamten Casinos auf dem Spiel stand.

Jack Binion sollte später über Karas sagen: „Er war der mit Abstand größte Gambler, der mir je begegnet ist. Er war absolut furchtlos, was Gewinne oder mögliche Verluste betraf. Und Geld schien ihm einfach gar nichts zu bedeuten. Oftmals schlief er im Parkplatz vor dem Casino in seinem Auto, dem einzigen Besitz, den er sich von seinen gewaltigen Gewinnen jemals geleistet hat.“

Und bin Binion hatte nicht nur Respekt, sondern regelrecht Angst vor dem Händchen des Griechen. Dessen Limits waren zeitweise 15 Mal so hoch wie an den anderen Tischen. Es bildeten sich lange Zuschauerschlangen, wenn er die Würfel warf.

Und obwohl Binion, mit Einverständnis von Karas die Odds zugunsten des Casinos verändert hatte, war der Grieche drauf und dran, das gesamte Casino am Filz zu gewinnen.

Während des Jahres 1993 zockte Archie mit den Würfeln. Tag um Tag, Woche um Woche, Monat um Monat. In dieser Periode wies sein Vermögen gewaltige Schwankungen auf.

An einem Tag gewann er acht Millionen Dollar, nur um wenige Wochen später 11,5 Millionen zu verlieren. Doch insgesamt wies seine Bilanzkurve nach oben.

Trotz der schlechteren Odds war Archie drauf und dran, nach den Sternen zu greifen. Ende 1993 hatte sich Archie sämtliche 5.000-Dollar-Chips des Horseshoe-Casinos einverleibt.

archie karas jack binion
Zwischen Karas und Jack Binion (rechts) entspann sich ein existenzielles Duell.

Das Casino musste neue 25.000-Dollar-Chips herstellen lassen, um wenigstens einige von Archies Chips zurückkaufen zu können.

Archies Vermögen, das gerade mal zwei Jahre zuvor 50 Dollar betragen hatte, war auf satte 40 Millionen angewachsen.

Doch im Jahr 1994 riss – so wie es Jack Binion erhofft hatte – die Glückssträhne des so unbesiegbar erscheinenden Griechen schließlich. Innerhalb von nur wenigen Wochen verlor Karas 30 Millionen Dollar.

Er kehrte nach Griechenland zurück, um sich zu erholen. Aber ohne die Adrenalinräusche von Las Vegas wollte Archie Karas nicht mehr leben.

In seinem Safe lagen noch zwölf Millionen. Und die ließ Karas in weniger als einem Monat an den Baccarat-Tischen liegen. Das, was als „The Run“ in die Geschichte von Las Vegas eingegangen ist, war vorbei.

Ob er etwas bereuen würde, wurde Archie Karas später gefragt. Seine Antwort: „Hätte ich auch nur eine Ahnung davon gehabt, dass es so etwas wie einen Pokerboom geben würde, hätte ich 10 Millionen Dollar in meinem Safe behalten. Auch wenn ich zehn Jahre darauf hätte warten müssen.“

Ähnlich wie sein großer Vorgänger Nick „The Greek“ Dandolos nach seinem Duell gegen Johnny Moss konnte sich auch Archie Karas nie ganz von seiner letztlichen Pleite erholen.

Zwar belegte er im Juni 2009 beim $10.000 2-7 Lowball-Event der WSOP den fünften Platz und gewann mehr als 50.000 Dollar. Aber das waren natürlich Peanuts gegenüber den Summen, die der High Roller vorher an den Tischen bewegt hatte.

Archie Karas lebt immer noch in Las Vegas und wird an den Tischen, häufig gar nicht erkannt. Größere Schlagzeilen machte er allerdings durch eine ganze Serie von Betrugsfällen.

Ende 2013 war Karas in seinem Haus in Las Vegas verhaftet worden, weil er beim Blackjack Karten markiert haben soll.

Eine Überwachungskamera hatte aufgenommen, wie der einstige Millionär ein Färbemittel auf die Rückseiten der vollen, zehn Punkte zählenden Karten aufgetragen hatte.

Dabei war ein ausgehöhlter Chip zum Einsatz gekommen, den Archie Karas unauffällig über die Karten gestrichen hatte.

Wie Karl Bennison, der Chief of Investigation des Nevada Gaming Control Board später erklärte, war Karas bereits vorher allein im Bundesstaat Nevada viermal wegen Gambling-Betrugs festgenommen worden.

Im Video erzählt Archie Karas einige Anekdoten aus der guten alten Zeit:



 

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Gangster, Gambler und Ganoven - die Serie

1) Titanic Thompson

2) Rex Cauble

3) Major Riddle - Ich setze das "Dunes"

4) Jimmy Chagra - Das größte Trinkgeld aller Zeiten

5) Larry Flynt - Der Pornokönig

6) Nick "The Greek" - Der moderne Sokrates

7) Benny Binion - Der Erfinder der World Series

8) Bob Stupak - Das letzte Großmaul

9) Archie Karas - Der heißeste "Run" der Pokergeschichte

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