Gangster, Gambler und Ganoven (6) - Nick the Greek, der moderne Sokrates

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29 Januar 2015, Von: Christian Henkel
Geposted in: PokerZeit Blog , Featured
Gangster, Gambler und Ganoven (6) - Nick the Greek, der moderne Sokrates

Nicholas Dandolos (oben im Bild mit Jack Dempsey) war schon zu Lebzeiten eine Legende. Superreiche Geschäftsleute stakten ihn, Albert Einstein wählte ihn bei einem Besuch in Las Vegas als Führer durch die Stadt und sein legendäres Poker-Duell 1949 gegen Johnny Moss war quasi die Geburtsstunde der World Series of Poker.

Dies sind die Geschichten der Männer, die Las Vegas zu dem gemacht haben, was es heute ist – der großartigste und verrückteste Ort der Welt.

Es gibt wohl keinen Gambler in der Geschichte des Poker, der mehr Geld gewonnen oder verloren hat, als Nick „The Greek“ Dandolos. Es wird geschätzt, dass er in seiner Gambler-Karriere 500 Millionen Dollar umgesetzt hat.

Nicholas Andreas Dandolos wurde 1883 in Rethymon auf Kreta geboren. Sein Vater war Teppichhändler und sein Großvater, in alter griechischer Tradition, Reeder.

Johnny Moss 1974
Johnny Moss war Nicks Gegner im berühmtesten Duell der Pokergeschichte.

Nick wuchs, im Gegensatz zu den meisten Gamblern seiner Zeit, wohlhabend und privilegiert auf. Seinen Abschluss an einem griechisch-evangelischen College machte er in Philosophie.

Als er 18 Jahre alt war, schickte ihn seine Familie nach Amerika, damit er sich dort auf eine erfolgreiche Business-Karriere vorbereiten konnte.

Doch dem jungen Nicholas war ein ganz anderes Schicksal beschieden. Bei einem Kurztrip nach Montreal lernte Dandolos den bekannten Jockey Phil Musgrave kennen.

Als er seine erste Pferdewette platziert hatte, wusste er was er war – ein Gambler. Nick hatte ein außergewöhnliches Talent für mathematische Zusammenhänge, und Musgrave die Erfahrung im Wett-Business. Gemeinsam verdienten sie ein Vermögen.

Am Ende der Saison hatte der Grünschnabel eine halbe Million Dollar in der Tasche. Doch sein Weg führte in ohne Umwege in die Casinos von Chicago, wo er bei Poker und Craps alles wieder verlor.

Und der junge Grieche interpretierte die Rolle eines Berufsspielers auf bis dahin ungekannte Weise. Er spielte lange und hart und ohne Rücksicht auf Verluste.

100.000 Dollar (die einem heutigen Wert von etwa 1,6 Millionen Dollar entsprechen) in einer Session zu verlieren wurde für ihn schnell zur Normalität.

Eine solche Session konnte bei Dandolos bis zu zehn Tage dauern, wie einmal in New York. Es soll danach nie wieder einen vergleichbaren Verlust in einer einzigen Craps-Session gegeben haben.

Als das Glücksspiel 1931 in Nevada legalisiert wurde, war Nick „The Greek“ längst eine lebende Legende.

Der Mann, über den man einst sagte, er wäre wie dafür geschaffen in einem Casino zu überleben, hatte mit knapp 50 Jahren seine perfekte Spielwiese gefunden. 24 Stunden Action – es konnte keinen besseren Platz für den König der Gambler geben.

Und Nick ging auch in Las Vegas seinen eigenen Weg. Er spielte mit seinem Geld und niemals für das Casino. Er hielt seinen Mund und bezahlte pünktlich sein Schutzgeld.

Es gab niemanden, der ihn nicht gern an seinen Spieltischen sah. So auch Benny Binion. Ihn fragte Nick „The Greek“ 1949 nach dem besten Pokerspieler des Binions Horseshoe.

Er wolle eine Party Heads-up gegen ihn spielen. Binion rief seinen alten Protege Johnny Moss an.

Der tingelte wie alle Texas Road Gambler zurzeit durch die Städte des Südens, stets auf der Suche nach einer lohnenswerten Pokerpartie. Johnny Moss ließ sich von Binion nicht lange bitten.

Nur wenige Tage später setzten sich Moss und Dandolos an einen Tisch, den sie fünf Monate lang, so besagt es die (unbewiesene) Legende, nur noch zum Essen und Schlafen verlassen sollten. Über diesen Zeitraum war die Partie eine öffentliche Attraktion in Binions Casino (clevererweise soll Binion den Tisch genau hinter einem riesigen Schaufenster platziert haben).

Ein besonderer Reiz der Auseinandersetzung bestand darin, dass mit Moss und Dandolos zwei Menschen aufeinander trafen, wie sie unterschiedlicher nicht sein konnten.

Nick „The Greek“ war 67 Jahre alt und hatte alle großen Gambler im Osten der USA, inklusive Mafia-Boss Arnold Rothstein gecrasht.

Moss, 25 Jahre jünger, eilte derselbe Ruf bezüglich des Südens voraus. Der Grieche war gebildet, distinguiert, sozial und sehr kommunikativ. Moss hingegen war kein Akademiker, aber ruhig, berechnend und distanziert.

Dandolos hatte zwar jeden großen Gegner im Norden und Osten der USA besiegt, aber in Moss sollte er letztlich seinen Meister finden.

binions
Binions Casino war ein zweites Zuhause für Nick Dandolos.

Für viele Beobachter war klar, warum. Rein technisch nahmen sich die Kontrahenten nicht viel. Dandolos soll anfänglich das Match gar dominiert haben.

Aber Moss wusste um die Dämonen des Action-Junkies an der anderen Seite des Tisches. Während der deutlich jüngere Moss seine wenigen Pausen nutzte um zu regenerieren, spielte Nick Craps.

Es war nur eine Frage der Zeit bis ihn sein klarer Verstand verlassen musste.

Und Moss war ein Mann mit großer Geduld. Nach einer letzten vernichtenden Session stand Dandolos auf und sagte einen der legendärsten Sätze der Pokergeschichte: „Mister Moss, I think I have to let you go.“

Jahre später sollte Benny Binion genau dieser Wettkampf zur Ausrichtung der ersten World Series of Poker inspiriert haben.

Über seine gesamte Spielerkarriere, so erinnerte sich Nick Dandolos in seinen späten Tagen, sei er 73 Mal reich und ebenso oft pleite gewesen.

Ein alter Freund erinnerte sich: „Er konnte tagelang spielen, ohne zu schlafen. Es gab Zeiten da war er kurz vorm Zusammenbrechen und auf medizinische Hilfe angewiesen. Ein Arzt untersuchte ihn dann, während er irgendwelche Einsätze tätigte.“

Den unberechenbaren Edel-Gambler Dandolos umrankten zeitlebens zahlreiche Mythen.

Er soll nicht nur im Werk von Platon und Aristoteles Zuhause gewesen sein, sondern auch mehr als ein halbes Dutzend Sprachen beherrscht haben.

Außerdem sagte man ihm nach, er sei ein überaus talentierter Verse-Schmied und Poet gewesen.

„Er lebte das Leben eines modernen Sokrates“ sagte einmal ein enger Freund von Dandolos. „Er glaubte an keinerlei materielle Werte.“

Viele Zeitgenossen des Griechen glauben heute, dass er seit dem Duell gegen Johnny Moss 1949 - bei dem er wohl um die vier Millionen Dollar verloren hatte – bis zu seinem Tod 1966  mehr oder weniger bankrott war.

nickthegreek
Nick "The Greek" - "I have to let you go."

Er borgte sich überall unglaubliche Summen oder ließ sich von Superreichen, wie zum Beispiel von Universal Studios Gründer Carl Laemmle staken.

1966 verließ ein generöser Gentleman-Gambler, der über fünf Millionen Dollar für wohltätige Zwecke gespendet, der zahllosen Kindern von Freunden das College und Tausenden die Krankenhaus-Rechnungen bezahlt hatte, diese Welt.

Aufgrund mangelnder finanzieller Mittel hatte er in seinen letzten Jahren $5 Limit Draw Poker in Gardena, Kalifornien gespielt.

Auf die Frage, ob es sich nicht merkwürdig anfühle, früher einmal um Millionen gespielt zu haben und jetzt um Cents antwortete Dandolos relaxt: „Es ist doch Action, oder etwa nicht?“ Bis zum Schluss lebte Nick „the Greek“ Dandolos nach seinem eigenen Leitsatz:

„Das Zweitbeste nach Spielen und Gewinnen ist Spielen und Verlieren.“

1979 wurden er und Johnny Moss gemeinsam als erste Spieler überhaupt gemeinsam in die Poker Hall of Fame aufgenommen.

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Gangster, Gambler und Ganoven - die Serie

1) Titanic Thompson

2) Rex Cauble

3) Major Riddle - Ich setze das "Dunes"

4) Jimmy Chagra - Das größte Trinkgeld aller Zeiten

5) Larry Flynt - Der Pornokönig

6) Nick "The Greek" - Der moderne Sokrates

7) Benny Binion - Der Erfinder der World Series

8) Bob Stupak - Das letzte Großmaul

9) Archie Karas - Der heißeste "Run" der Pokergeschichte

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