Gangster, Gambler und Ganoven (4) - Jamiel „Jimmy“ Chagra oder das größte Trinkgeld aller Zeiten

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28 August 2014, Von: Christian Henkel
Geposted in: The Hand
Gangster, Gambler und Ganoven (4) - Jamiel „Jimmy“ Chagra oder das größte Trinkgeld aller Zeiten

Jamiel Chagra war in den 1970er Jahren der größte Drogenhändler zwischen El Paso und Las Vegas. Seine Millionen landeten meist schnell in den Taschen der Poker High Roller. Chagra gilt nicht nur als einer der legendärsten Gambler der goldenen Vegas-Jahre, sondern auch als größter Trinkgeldgeber aller Zeiten. 

Dies sind die Geschichten der Männer, die Las Vegas zu dem gemacht haben, was es heute ist – der großartigste und verrückteste Ort der Welt.

Als Jamiel Chagra längst für fast 25 Jahre im Gefängnis verschwunden war, erinnerte sich Jack „Tree Top“ Strauss an einen der größten "Finanziers" der High Stakes-Runden in Las Vegas:

Es gab kein Geld, das schmutziger war als seines", so der Poker-Weltmeister." Aber er pflegte alle reich zu machen, die mit ihm am Tisch saßen. Und so war er immer willkommen.“  

harrelson
Woody Harrelsons Vater.

Auch ein anderer Champion, Puggy Pearson, erinnerte sich gerne an Chagra: „Ich schlug ihn und schlug ihn und schlug ihn. Ich allein hab glaube ich um die 600.000 Dollar von ihm gewonnen.

Ob Poker, Golf oder Pool-Billiard – er versuchte es wirklich auf allen Gebieten. Er war ein Drogen-Händler, der gern wie ein Berufsspieler wirken wollte. An die, die wie ich damals in Vegas wohnten, hat Chagra mit Sicherheit Millionen abgeliefert. Ja, Jimmy war ein guter Junge.“ 

Ein guter Junge, der sich schon früh mit der Rolle des schwarzen Schafes innerhalb seiner Familie abgefunden hatte. Während seine beiden Brüder brav Jura studierten, brach Jimmy die High School ab und eiferte berühmten Schmugglern und Drogenhändlern nach, die es im texanischen El Paso, an der mexikanischen Grenze leicht zu Heldenruhm bringen konnten. 

Und Jamiel Chagras Glück hieß: Kokain. Die Droge aus Südamerika, die Ende der 60er Jahre ihren Siegeszug durch die USA antrat, brachte Chagra, zu diesem Zeitpunkt nicht älter, als Mitte 20 innerhalb von kürzester Zeit mehr Geld ein, als er in einem normalen Leben jemals wieder würde ausgeben könnte.  

Doch wenn es einen Ort auf der Welt gab, wo das trotzdem gelingen konnte, dann Las Vegas. Und dort trat Jamiel Chagra, wie ein König auf. Später sagte er über die goldenen 70er in Sin City:

„Wenn ich nach Vegas kam, dann war meine Suite im Caesars voller Show Girls. Lisa Minelli schaute auf einen Drink vorbei. Du brauchtest nur einen Koffer voller Geld und sie behandelten dich wie einen Gott. Für Leute wie mich konnte es keinen besseren Platz geben.“ 

Doch trotz der riesigen Dollarberge, die Chagra unter den High Rollern verteilte, schien er jede Minute zwischen den Haien zu genießen. Es war – das berichten zahlreiche Augenzeugen – keine Seltenheit, dass er eine Million Dollar in einer Nacht an einem Craps-Tisch liegen ließ.

Caesars Palace Las Vegas
In den 1970ern lebte Chagra quasi im Caesars.

In den 70er Jahren lebte er praktisch im Caesars Casino. Wenn er in die Stadt einschwebte, hatte er in der Regel einige massive Kisten voller Cash dabei, die er im Kassenraum des Caesars deponierte.

Seine Beziehung zum Caesars soll derartig eng gewesen sein, dass er selbst dem Casino nach langen Pechsträhnen an den Baccarat-Tischen für 24 Stunden 10 Millionen Dollar lieh. 

Chagras Großzügigkeit war aber vor allem auch beim Casino-Personal legendär. Einer Kellnerin, die ihm eine Flasche Wasser brachte, gab er 10.000 Dollar Trinkgeld. Und nach einer langen Glückssträhne beim Craps tippte er den Croupier gar mit unglaublichen 600.000 Dollar. Bis heute soll keiner in Las Vegas einen höheren Tipp erhalten haben. 

Besonders erfreut waren aber die Poker High Roller, wann immer Chagra im Binions Horseshoe auftauchte. „Amarillo Slim“ Preston, Doyle Brunson, Jack Strauss, Chip Reese, Puggy Pearson und Johnny Moss – sie alle forsteten ihre Bankroll mit Chagras Millionen auf.  

Ganz ohne Risiken war Chagras Spiel für die Pro`s allerdings nicht. Ähnlich wie Andy Beal Jahre später, pflegte er seine weitaus besseren Kontrahenten mit dem einzigen Mittel unter Druck zu setzen, welches ihm zur Verfügung stand: dem permanenten Anheben der Blinds.

An einem typischen Chagra-Pokertisch betrug das minimale Buy In 50.000 Dollar. Allerdings kaufte man sich in der Regel mit deutlich mehr ein. Es passierte nicht selten, das Chagra den Blind auf $20.000 erhöhte, stets begleitet von dem Spruch: „Just to live up the game a little.“ 

Doch das Spiel im wirklichen Leben, außerhalb der Traumwelt von Las Vegas schien Jimmy Chagra mehr und mehr zu entgleiten. Der Anfang vom Ende war wohl 1978, als Jimmys älterer Bruder Lee erschossen in seiner Rechtsanwaltskanzlei aufgefunden wurde. Lee Chagra hatte mit der Verteidigung von Drogenhändlern ein Vermögen verdient.

Er konsumierte Unmengen von Kokain und pflegte Hunderttausende von Dollar in seinen Cowboy-Stiefeln herumzutragen. Es war sicherlich kein Zufall, dass Lee Chagras Mörder mit 450.000 Dollar verschwand – exakt jener Betrag, den Bruder Jamiel Mafia-Boss Joe Bonnano sr. wegen eines geplatzten Drogen-Deals schuldete. 

Und auch für Chagra selbst wurde es langsam eng. Er stand wegen eines größeren Marihuana-Schmuggels vor Gericht und sein Richter hieß ausgerechnet

John H. Wood Jr., der für die langen Haftstrafen, welche er in der Regel für Drogenhändler durchsetzte, nur „Maximum John“ genannt wurde. Mit einer sagenhaften Bestechungssumme von zehn Millionen Dollar versuchte Chagra die Gerichtsverhandlung zu seinen Gunsten zu beeinflussen.

Als John Wood das Angebot ablehnte, war Jamiel „Jimmy“ Chagras Schicksal endgültig besiegelt. Noch einmal kehrte er nach Las Vegas zurück, wo er Charles Harrelson traf. Harrelson war nicht nur ein gut beschäftigter Auftragsmörder, sondern bereits Vater eines Sohnes, der Jahre später als Woody Harrelson in Hollywood Karriere machen sollte.

Jamiel Chagra after prison
Jamie "Madrid" nach der Gefängnisstrafe.

Harrelson erhielt von Chagra 250.000 Dollar und erschoss Bundesrichter John Wood wenig später vor dessen Haus in San Antonio. 

John Wood war der erste ermordete Bundesrichter im 20. Jahrhundert. Die FBI-Ermittlungen waren deshalb die umfangreichsten seit dem Attentat auf John F. Kennedy. Trotzdem konnte Chagra der Auftrag an Charles Harrelson nie bewiesen werden.

Anwalt Oscar Goodman, der den nach seinen Worten „Jahrhundert-Fall“ gerne angenommen hatte und der später Bürgermeister von Las Vegas wurde, erinnert sich an die erste Begegnung mit seinem Klienten: „Er war ein Stück lebende Vegas-Legende, ein Mythen umrankter Spieler und größter Trinkgeld-Geber aller Zeiten. Der Typ war einfach bigger than life.“

All das half Chagra am Ende aber nichts. Wegen Drogenhandel, Bestechung von Justizbehörden und einem missglückten Attentat auf US-Staatsanwalt James Kerr verschwand der Drogenkönig von Las Vegas zwischen 1979 und 2003 für insgesamt 25 Jahre in texanischen Gefängnissen.

Nach seiner Entlassung lebte er mit Hilfe des Zeugenschutzprogramms als James Madrid ein Leben abseits von Glamour und Verschwendung. 2006 soll der einstige Lieblingsgast der Vegas High Roller mit einigen Freunden noch einmal die WSOP besucht haben. Erkannt hat ihn dort keiner

2003 starb Jimmy Chagra als 64-Jähriger an Krebs. Bedauert haben ihn, dessen Aussehen und Biographie die Coen-Brüder zu ihrer Figur des Killers Anton Chigurh im oscarprämierten Film „No Country for Old Man“ (übrigens mit Woody Harrelson) inspiriert hatte, nicht nur die, welche ihn kannten, sondern auch die, welche mit ihm am Pokertisch gesessen hatten.

Jamiel „Jimmy“ Chagra hat Millionen an sie verloren und wird als einer der größten Verlierer die Poker jemals gesehen hat in die Geschichte eingehen.

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Gangster, Gambler und Ganoven - die Serie

1) Titanic Thompson

2) Rex Cauble

3) Major Riddle - Ich setze das "Dunes"

4) Jimmy Chagra - Das größte Trinkgeld aller Zeiten

5) Larry Flynt - Der Pornokönig

6) Nick "The Greek" - Der moderne Sokrates

7) Benny Binion - Der Erfinder der World Series

8) Bob Stupak - Das letzte Großmaul

9) Archie Karas - Der heißeste "Run" der Pokergeschichte

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