Die Hackordnung ist verloren gegangen

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Der zweifache Braceletträger Eddy Scharf war der erste Deutsche, der zum Profi-Team von Full Tilt berufen wurde. In unserem Interview bei der Million Euro Challenge spricht er über Internet Kids, merkwürdige Fernsehshows und den ganz alltäglichen Pokerwahnsinn.

PZ: Sie waren bereits ein erfahrener Spieler, als der der Pokerboom in Europa begann. Wie haben Sie diese Zeit erlebt?

ES: Man konnte absehen, was in Deutschland passieren würde. Ich habe damals mit endemol und einigen anderen Fernsehanstalten über eine Show gesprochen. Alle lehnten ab. Zwei Jahre später rief endemol zurück, während ich gerade mit Michel Körner die Pokerschule bei DSF moderierte, aber es gelang ihnen nicht, ein passendes Format zu finden.

Die Szene hat sich aber durch das Fernsehen grundlegend verändert. Poker war früher ein Spiel, in dem man so wenige Informationen wie möglich preisgegeben hat. Man hätte die eigene Hand genauso wenig geteilt wie man eine Frau teilt. Selbst mit dem besten Freund nicht. Ich selbst habe von manchen Spielern, die ich schon viele Jahre kenne, noch nie eine Hand gesehen. Viele der wirklich großen Gewinner sind bis heute nie in die Öffentlichkeit getreten. Niemand kennt sie, obwohl sie immer noch sehr erfolgreich sind.

 

PZ: Welche Faktoren spielen für die Wandlung der Pokerlandschaft die größte Rolle?

ES: Das Internet. Erst durch die ständig präsenten Analysen und Diskussionen, durch das Übermaß an Informationen ist Poker zu einer öffentlichen Angelegenheit geworden. Man sieht diese Entwicklung ja in allen Lebensbereichen. Vor 15 Jahren haben wir noch gegen Volkszählungen demonstriert, und heute findet kehren die Menschen auf Plattformen wie MySpace oder Facebook ihr Innerstes freiwillig nach außen.

Meine Welt ist das nicht. Ich habe weder das Bedürfnis, mich ständig mitzuteilen, noch möchte ich mich ununterbrochen dafür rechtfertigen, was ich tue oder eben nicht tue.

Das permanente Verbreiten von Informationen ist sowieso paradox und passt gar nicht zu Poker. Ich möchte doch einen Vorteil gegenüber meinen Gegnern haben. Wenn ich öffentlich erkläre, was Sie machen müssen, um ich zu schlagen, nehme ich mir doch diesen Vorteil. Das ist einfach kontraproduktiv, oder wie man heute sagen würde: Es hat einen -EV.

Jeff Lisandro hat in einem Artikel geschrieben, dass er genau weiß, wie die Internetspieler spielen. Sie würden es ihm ja andauernd erzählen. Oder stellen Sie sich vor, Roger Federer würde beim Seitenwechsel zu Rafael Nadal sagen, „Sag mal siehst du nicht, dass ich heute Probleme auf der Rückhand habe? Spiel doch häufiger auf meine Rückhand". Den würde man doch für verrückt erklären.

Die jungen Spieler treten heute alle an, um gegen die besten zu spielen. Dabei ist eine alte Grundregel im Poker, einen Tisch zu suchen, an dem mindestens ein Spieler schwächer ist als man selbst. Lernen kann man nämlich auch von schwächeren Spielern.

Tom Dwan
Wenn der schnelle Erfolg zu Kopf steigt.

PZ: Da wir gerade beim Thema sind. Was ist eigentlich mit der Jugend los? Sie haben sich in einem Blog auch sehr kritisch über die Verrohung der Sprache geäußert.

ES: Es ist letztlich die Anonymität des Internets, die dazu führt, dass die Etikette verschwindet. Ich bin selbst regelmäßig von einem Spieler im Internet beleidigt worden. Als er dann in Las Vegas mit mir am Tisch saß, hat er kein Wort herausgebracht. Später gingen die Beleidigungen im Netz weiter.

Ich glaube, ein Grundproblem mancher jungen Spieler ist, dass sie einfach zu schnell zu viel Erfolg hatten. Man muss sich einmal vorstellen, dass es 18-jährige Spieler gibt, die genauso viel verdienen wie ein Vorstandsmitglied bei Daimler-Benz. Das Problem dabei ist, dass sie sich dann auch dafür halten. Die haben eine kurze Zeit Glück gehabt oder waren von mir aus auch gut, aber sie wissen nichts vom Leben. Sie glauben, dass ginge jetzt immer so weiter, dabei kann man doch gar nicht absehen, was in der Zukunft passieren wird. Glauben Sie bitte nicht, dass ich jemandem das neide. Es ist mir vollkommen gleichgültig, was jemand anderes verdient, aber wenn eines meiner Kinder in diese Situation geraten würde, wäre ich wirklich besorgt.

Wenn ein junger Online-Profi z. B. eine Wohnung in New York für $10.000 im Monat unterhält, aber sie nie benutzt, merkt man doch, dass die jeden Bezug zum Geld verloren haben. Barry Greenstein hat kürzlich ebenfalls gefragt, was mit diesen Spielern eigentlich passiert, wenn sie 35 sind? Nicht nur, dass sie nirgendwo mehr einen Arbeitsplatz bekommen würde, sie könnten ihn ja auch gar nicht mehr annehmen, wenn Sie verstehen, was ich meine.

Es gab früher eine Hackordnung in der Pokerszene, die verloren gegangen ist. Außerdem wäre vor 20 Jahren niemand auf die Idee gekommen, z. B. das Studium abzubrechen, um Profi zu werden. Heute geschieht das immer häufiger. Aber gerade intelligente, angehende Akademiker werden irgendwann merken, dass ihnen ohne einen Beruf etwas fehlt.

PZ: Werden Sie in Zukunft wieder im DSF auftreten wie bei der „Pokerschule" mit Michael Körner?

ES: Das müssen Sie das DSF fragen. Nach der „Pokerschule" halte ich das aber für unwahrscheinlich. Ich bin schließlich nicht bei einem Wohltätigkeitsverein.

Barry Greenstein
Was passiert mit 35?

PZ: Wie meinen?

ES: Stellen Sie sich vor, Sie werden zu einer solchen Sendung geladen und dann in einer Art Jugendherberge untergebracht. Später bot man mir an, die Poker Premier League zu kommentieren, allerdings ganz ohne Honorar. Und hinterher liest man dann wieder im Internet, dass man ein Idiot ist und alles falsch kommentiert. So wild bin ich nicht darauf, ins Fernsehen zu kommen.

Meine Erfahrungen mit Fernsehsendern sind insgesamt eher negativ. Ich habe von 15 Jahren bei einer Sendung namens „Der Kryptonfaktor" teilgenommen, die in Sat1 laufen sollte. Wurde von einem Haufen Irren produziert, die das Geld zum Fenster hinauswarfen. Die Show lief genau einmal.

PZ: Worum ging es denn im „Kryptonfaktor"?

ES: Wie der Begriff Krypton schon andeutet, spielten die Kandidaten praktisch um den „Superman"-Titel. Dafür musste man körperliche wie geistige Höchstleistungen vollbringen. Das war nicht nur unheimlich schwierig, sondern auch gefährlich. Ich äußerte meine Bedenken, aber die Fernsehleute nahmen mich nicht ernst. Einer der Kandidaten verlor dann beim Abseilen den Halt und brach sich das Bein. Er war Stuntman. Ein anderer wurde sogar mit Schädelbasisbruch ins Krankenhaus geflogen. Dann sollten wir von einem Zehn-Meter-Turm auf eine Matte springen. Leider hatte man die Matte vergessen.

PZ: Lauter Vorkommnisse, die eine solche Sendung heute ja schon wieder zu einem Erfolg machen könnten.

ES: Stimmt, aber damals wurde nicht live gesendet.

PZ: Steht schon fest, welche Profis gegen den Sieger der Million Euro Challenge antreten werden?

ES: Nein. Sicher ist aber, dass ich nicht dabei bin. Ich hatte ja schon bei der Heads-up Challenge das Vergnügen.

PZ: Und wen wählen Sie bei der Bundestagswahl?

ES: Sag' ich nicht.

 

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