Alles, was Sie schon immer über Fold Equity wissen wollten

Dario Minieri

„Wenn du eine Bet callen willst, kannst du auch gleich selbst betten.“ Hinter diesem Spruch steht das Konzept, dass eine einzige Bet zwei Gewinnmöglichkeiten eröffnen kann.

Man kann den Pot im Showdown gewinnen, wenn man die bessere Hand hält, oder man kann ihn sofort gewinnen, indem man den Gegner zum Fold zwingt. Die Fold Equity beschreibt die Wahrscheinlichkeit, mit der der Gegner foldet.

Um es mathematisch auszudrücken: Wenn wir davon ausgehen, dass der Gegner in 20% der Fälle in einem $200 Pot foldet, haben wir $40 Fold Equity.

Allgemeinverständlicher gesagt: Fold Equity bedeutet, dass wir uns darüber Gedanken machen, wie groß unsere Chancen darauf sind, dass der Gegner folden wird.

Moves ohne Hand

Sehen wir uns einige Hände aus der Rubrik „die größten Online-Pots“ an, dann erkennen wir, wie wichtig die Fold Equity für gute Spieler ist. Auf den hohen Stakes sind die Spieler so gut darin, ihre Gegner auf eine Range zu setzen, dass sie auch ohne eine Hand entscheidende Spielzüge ansetzen können.

In manchen Händen verlassen sie sich vollständig auf die Fold Equity. Mit ihrer Hilfe kann man Pots gewinnen, in die man eigentlich gar nicht verwickelt sein sollte.

Vorsicht ist allerdings angeraten. Ich würde Ihnen niemals empfehlen, sich komplett auf Fold Equity zu verlassen. Um damit erfolgreich zu sein, benötigen Sie außergewöhnliche Reading Skills.

Phil Hellmuth
Sie sind nicht Phil Hellmuth. Gottseidank.

Im Gegensatz zu lolphilhellmuthlol sind wir nur normale Sterbliche, die die Seelen anderer Menschen nicht lesen können. Deshalb sollten Sie reine Bluffs lieber den Profis überlassen.

Was Sie allerdings tun sollten ist, Ihrem Waffenarsenal Semi-Bluffs hinzuzufügen. Sehen wir uns als Beispiel eine Hand an, in der wir einen Flush Draw floppen und dann die Fold Equity einsetzen, um zu entscheiden, ob wir callen, folden oder raisen.

Wir spielen $1/$2, und die effektiven Stacks liegen bei $200. Wir sitzen im Cut-off und erhalten A T. Ein Spieler limpt aus früher Position. Es wird zu uns gefoldet. Wir erhöhen auf $10, und nur der Limper bezahlt.

Der Flop fällt 7 J Q. Unser Gegner donk-bettet nun $15. Soviel wir über unseren Gegner wissen, deutet das auf ein Paar Buben, ein Paar Damen oder ein paar schwache Draws hin.

Was nun?

Also, wir haben im Moment nicht die beste Hand, davon können wir ausgehen. Mit nur einer Overcard und einem Gutshot bekommen wir eigentlich nicht die richtigen Odds für einen Call. Damit ist der Call keine Option.

Es bleiben Raise oder Fold. Ein Fold ist sicher, aber nicht der beste Spielzug. Hinzu kommt, dass wir die Fold Equity ja für uns nutzen wollen, also dürfen wir nicht unseren Gegner davon profitieren lassen.

Sehen wir uns also die Option Raise an.

Es gibt mehrere Gründe, die für einen Raise sprechen. Seine Range ist groß und enthält viele Hände, die nicht viel Action bekommen möchten.

Phil Ivey
Full Tilt Profi Phil Ivey weiß, wie man Fold Equity zum eigenen Vorteil einsetzt.

Außerdem lässt ein Raise unsere Range (beim Gegner) sehr stark aussehen. Wir haben vor dem Flop erhöht und erhöhen den Flop jetzt noch einmal. Damit repräsentieren wir eine Made Hand, die einen großen Pot spielen will.

In Wahrheit haben wir natürlich nur einen schwachen Draw. Allerdings ist unsere repräsentierte Range nun so stark und seine Hand insgesamt so schwach, dass wir den Pot häufig mit einem Raise an dieser Stelle mitnehmen können.

Auch wenn unser Gegner hier nicht foldet, ist damit noch nicht alles verloren. Wir haben noch immer viele Outs, die unsere Hand verbessern: jedes Pik und jeder König bringen uns die Nuts, jedes Ass lässt uns Buben oder Damen überholen (Runner runner 8-9 zur Straight ist aus mathematischer Sicht zu vernachlässigen). Wir setzen also einen Semi-Bluff an, keinen reinen Bluff.

Fold-Equity-Berechnungen funktionieren nicht, wenn der Gegner grundsätzlich nie foldet. Fold Equity ist die Chance, ihn zum Fold zu zwingen. Wenn er das nie tut, brauchen wir uns auch keine Gedanken darüber zu machen.

Die mathematische Perspektive

Wollen wir diese Situation aus mathematischer Sicht betrachten, können wir jedem möglichen Ausgang der Hand eine Prozentzahl zuordnen. Ich habe die obige Hand in PokerStove eingegeben und die folgenden Daten erhalten.

Bill Chen
Bill Chen - rechnet seine Gegner gerne aus.

Unsere Informationen lauten, dass unser Gegner aus früher Position gelimpt ist, dann einen kleinen Raise bezahlt und dann auf dem Flop 7 J Q zwei Drittel des Pots gesetzt hat.

Wir setzen ihn nun auf eine Range, die in etwa so aussieht: TT-77, KQs, Q9s+, J9s+, T8s+, ATo, KQo, QTo+, JTo, T9o. Das ist eine ziemlich breite Range. Wir sind etwa 40:60 Außenseiter.

Aber: Der Großteil der Hände dieser Range ist schwach, und er wird in vielen Fällen gegen einen Raise folden müssen. Ganz exakt kann man diese Zahl nicht in Prozent fassen, aber es sind ausreichend Fälle, um einen Raise hier für uns profitabler zu machen als einen Fold.

Im Turnier

Es gibt keine Form, in der Fold Equity so wichtig ist wie in Turnierpoker.

Da die Blinds steigen und unser Wert „M“ schrumpft, müssen wir damit beginnen, Blinds zu stehlen, um dabei zu bleiben. Wer keine Blinds stiehlt, scheidet schnell aus. Die Blinds fressen einen auf, und das Turnier ist vorbei.

In vielen Turnieren steigen die Blinds sehr schnell. Man kann sich nicht zurücklehnen und auf Asse warten. Man muss agieren, und das heißt, man muss die Blinds stehlen, d. h. mit schlechteren Händen raisen, als die normalerweise angesagt ist.

Allen Cunningham
Allen Cunningham - Steals dank tightem Tischimage.

Nehmen wir an, wir haben noch sieben Big Blinds und befinden uns in einer späten Phase eines Online MTT SnG. Der Durchschnittsstack liegt wahrscheinlich bei etwa 15 BB, und der Chipleader hat vielleicht nur 30. Es ist an der Zeit, etwas zu unternehmen und Chips zu akkumulieren.

In dieser Situation haben wir nur noch zwei Spielzüge: All-in oder Fold. Sie können in diesem Artikel mehr darüber lesen, warum dies die einzigen Optionen sind. Wie wir bereits früher festgestellt haben, erhalten wir gute Hände nicht oft genug, um uns zu retten, also müssen wir mit weniger guten Händen trotzdem pushen.

Ein Push mit einer Hand wie T 9 ist kein Spielzug for Value. Das Ziel ist, den Gegner zum Fold zu zwingen und die Blinds und Ante mitzunehmen, ohne in den Showdown zu müssen.

Eine typische Turniersituation

Ein Online-Turnier mit 45 Teilnehmern. Es sind noch 16 Spieler übrig, von denen sieben bezahlt werden. Wir haben $4000, und die Blinds liegen bei $300/$600. Es wird zu uns am Button gefoldet, und wir halten 7 9. Wir gehen all-in.

Patrik Antonius
Patrik Antonius gewinnt oft ohne Showdown - seine Gegner geraten einfach in Panik.

Ist das ein Push for Value? Nein. Es handelt sich um einen Steal-Raise, d. h. dass wir wollen, dass die Blinds beide folden. Würden wir jedesmal gecallt, wenn wie diesen Spielzug machen, wäre dieser unprofitabel, denn wir hätten immer die schlechtere Hand.

Dank der Fold Equity wird dies aber ein profitabler Spielzug. In den meisten Fällen werden wir den Pot ohne Showdown gewinnen. Und in den Fällen, in denen wir einen Call bekommen, sind wir wahrscheinlich 40:60 Außenseiter.

Die Fold Equity gleicht diesen Nachteil aus und macht aus einem unprofitablen Verzweiflungspush einen profitablen All-in-Move. Das ist alles.

Die Fold Equity ist ein simples Konzept. Wenn Sie es verstanden haben, werden Sie nicht gleich Wasser in Wein verwandeln können, aber wenn Sie abschätzen lernen, welche Spielzüge in welchen Situationen Ihre Gegner zu Folds zwingen, werden Sie in der Lage sein, marginale Situationen in profitable zu verwandeln.

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Frank 2015-06-23 04:18:43

Wieso bekommt man bei der ersten Beispielshand nicht die richtigen pot odds für einen call? Es sind 15 für 38, wir haben ca 40% gewinnchance und haben position?! :o