Es heißt nicht umsonst „Under the Gun"

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Marcel Luske über Poker und dessen Verbindung zu Kriminalität, Gier, dem Gesetz und Karate.

PZ: Stimmt es, dass Sie einen schwarzen Gürtel in Karate halten?

ML: Ja, das ist richtig. Als ich Anfang 20 war, lernte ich einen Typen kennen, der den Kampfsport beherrschte. Es hat mich beeindruckt, wie selbstsicher er immer war, wenn es irgendwo Schwierigkeiten gab. Er war sehr diplomatisch, aber wenn es hart auf hart kam, bewegte er sich plötzlich sehr schnell und elegant, und er war immer der Überlegene. Er hatte so eine Art, Leute zu verunsichern, indem er sie nur am Arm berührte. Und es sah alles so einfach aus.

Außerdem hilft Karate mir, Entscheidungen zu treffen. Als Spieler muss ich das ständig tun. Also hat Karate mir in vielen Bereichen des Lebens geholfen. Man fühlt sich stärker, aber auch entspannter, wenn man in schwierige Situationen gerät.

PZ: Trainieren Sie immer noch regelmäßig?

ML: Natürlich nicht mehr so viel wie früher, aber mehrmals die Woche. Ich gehe fast jeden Tag in den Fitnessraum. Das ist für mich genauso wichtig wie Essen und Trinken. Oder Poker. Es gibt mir ein gutes Gefühl.

PZ: Sie werden an den Pokertischen auf der ganzen Welt sehr respektiert. Wie verdienen Sie sich diesen Respekt?

ML: Der Schlüssel dazu, respektiert zu werden, ist selbst Respekt aufzubringen. Eigentlich ist es ganz einfach. Man behandelt jemanden mit Respekt, dieser erkennt das an und erwidert ihn. Man muss nicht mal eine Runde Drinks ausgeben.

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Luske bei EPT Monaco - „die Spielerzahl ist explodiert.

PZ: Es fällt schwer, sich vorzustellen, wie sie einem Internet Kid einen Drink ausgeben.

ML: Nun, ich weiß, dass es viele Spieler gibt, die nicht berühmt sind, aber das Spiel lernen und lieben. Und manche von ihnen sehen zu uns auf. Ich möchte ihnen zeigen, dass ich nichts Besonderes bin, und dass ich mich über diese Unterstützung sehr freue.

Seien wir doch mal ehrlich: Was galt denn ein Pokerspieler vor zehn Jahren? Auf uns wurde doch eher herabgesehen. Heute werden manche Spieler wie Filmstars behandelt. Die Spielerzahl ist explodiert, und gute Spieler erfahren heute eine Menge Anerkennung.

PZ: Weil es ein Geschicklichkeitsspiel ist, natürlich. Ist es das?

ML: Weil es ein Geschicklichkeitsspiel ist, natürlich. Die Regierungen in den meisten europäischen Ländern und auch in Übersee versuchen zu verhindern, dass die Menschen das merken. Denn wenn Poker als Geschicklichkeitsspiel anerkannt wird, können die Casinos es nicht mehr anbieten. In Casinos darf nur Glücksspiel angeboten werden. Damit würden Einnahmen wegbrechen.

PZ: Angeblich geht es auch um Suchtprävention.

ML: Aber die Sucht wird doch gefördert. Vor ca. fünf Jahren hatten wir vielleicht 5000 abhängige Spieler in Holland. Die Regierung ist gegen Poker, hat aber in dieser Zeit tausende neuer Spielorte eröffnen lassen und damit die Zahl der süchtigen Spieler vervielfacht. Und jetzt soll Poker an allem Schuld sein?

PZ: Halten Sie das für scheinheilig?

ML: Sehr. Sie verhalten sich wie schlechte Pokerspieler. Man kann sie einfach durchschauen. Ich erzähle Anfängern immer, dass sie es nicht übertreiben dürfen. Ich sage, spielt um wenig Geld, spielt um Spielgeld. Passt auf, dass Ihr nur wenig verliert, damit es nicht weh tut. Online ist das ja kein Problem, weil man auch 0,01/0,02 Cent spielen kann, aber versuchen Sie das mal in einem Casino, wo Rake und Limits viel höher sind.

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„Man muss nicht mal eine Runde Drinks ausgeben."

Casinos wollen nicht, dass Sie sich verbessern. Sie wollen, dass Sie  hohe Gebühren bezahlen. Natürlich verdient PokerStars auch Geld, aber das Rake ist viel niedriger als in einem echten Casino. Sehen Sie sich z. B. die EPT an. Die Struktur und das Drumherum wurden im Interesse der Spieler immer wieder verbessert. Casinos denken so nicht.

PZ: Warum werden die Spieler dann kriminalisiert?

ML: weil es so viele davon gibt. Allein in Holland ist es eine Million. Poker ist ein Lebensstil geworden. Wenn man von vielen Leuten etwas Geld nimmt, kommt viel mehr zusammen, als wenn man einen einzelnen wahren Verbrecher verfolgt.

PZ: Die Spieler scheinen immer jünger zu werden. Denken Sie nur an die letzten WSOP Champions Peter Eastgate und Joe Cada.

ML: Sie sind jung, aber viel reifer als meine Generation im selben Alter war. Weil es heute den Computer und das Internet gibt. Informationen sind heute rund um die Uhr und 365 Tage im Jahr ständig und schnell verfügbar. Das darf man nicht unterschätzen.

Außerdem spielen viele ja nur zum Vergnügen. Sie kommen z. B. Samstag Nacht nach Hause, spielen ein paar Hände und haben Spaß, auch wenn es sie ein paar Euro kostet. Es kostet ja auch Geld, ins Kino zu gehen.

PZ: Ist Poker nicht ein bisschen Flucht vor dem wahren Leben?

ML: Eigentlich lernt man sogar viel über das wahre Leben. Z. B., wenn Sie UTG sitzen und A-J halten, sollten Sie diese Hand in einem harten Turnier vielleicht gar nicht spielen. Es heißt ja nicht umsonst „Under the Gun". Es ist gefährlich. Wenn Sie aber nur zum Spaß spielen, können Sie jede Hand spielen, wie und aus welcher Position Sie wollen.

Zusätzlich lernen Sie, mit Bad Beats umzugehen. Man weiß, dass es dazu kommen wird, und man muss damit fertigwerden. Hört sich doch ziemlich lebensnah an, oder? Und das ist auch das Tolle daran. Übrigens geht man in der Pokerwelt oft respektvoller miteinander um als in der „wahren" Welt.


PZ: Sie waren auch bei der EPT Berlin, die dann überfallen wurde. Was sagt man denn dazu?

ML: Diesen Vorfall wird man natürlich instrumentalisieren. Ich kann das Geschrei schon hören: „Seht Ihr, wie böse Poker ist?"  Aber mal im Ernst, es werden ständig Leute für viel weniger Geld überfallen und sogar getötet, nur berichtet niemand darüber, weil es keinen interessiert. Es geht ja nur um kleine Beträge.

In Berlin ging es um eine Menge Geld, und wenn irgendwo eine große Geldmenge herumliegt, dann weckt das eben bei gewissen Leuten Begehrlichkeiten. Was hat das mit Poker zu tun?

Prize money
Wo viel Geld ist, gibt es immer Begehrlichkeiten.

PZ: Sie haben mit dem deutschen Schachgroßmeister Jan Gustafsson ein Buch geschrieben, und Ihr Pokersong ist inzwischen ein Klassiker. Welche Projekte sind geplant?

ML: Keine Bücher mehr. Es gibt heute einfach schon genügend davon, und viele davon sind richtig gut. Aber ich werde ein Album veröffentlichen. Dieses Projekt liegt mir schon lange am Herzen, und jetzt ist es endlich fast fertig. Das Album wird in Kürze bei Zooland Records erscheinen.

Ich arbeite daneben schon seit Längeren daran, alle internationalen Pokerregeln zu einem umfassenden Almanach zusammenzutragen. Dadurch entsteht ein Regelwerk, das jedem Spieler, Dealer und Floorman zugänglich ist, falls es zu Fragen oder Unstimmigkeiten kommt.

PZ: Und wer gewinnt die Fußball WM?

ML: Tja, ich hoffe natürlich, dass Holland weit kommt. Außerdem mag ich die Brasilianer, auch wenn sie in diesem Jahr wohl nicht so stark sind. Hauptsache, wir bekommen ein paar gute Spiele zu sehen.

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