EPT Berlin: Von einem, der auszog, das Fürchten zu lehren - und zurück kam, wie ein geprügelter Hund…

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10 Februar 2010, Von: The Brain
Geposted in: Blog
EPT Berlin: Von einem, der auszog, das Fürchten zu lehren - und zurück kam, wie ein geprügelter Hund…
Berlin, Berlin, wir fahren nach Berlin! Dieser Schlachtruf deutscher Fußballfans als Sinnbild für den jährlichen Austragungsort des DFB-Pokalfinales erlebt jetzt eine zusätzliche Bedeutung unter der Bezeichnung „Go to Berlin!"

Hier macht in diesem Jahr im oder vor dem Spielcasino am Potsdamer Platz der EPT-Poker-Zirkus Station. Das große Geld, die berühmten Spieler, der „Lucky Punch", Ziel und Traum fast jeden Pokerspielers.

Aber welcher „Normalo" kann das Startgeld in Höhe von 5.500 € bezahlen?

Wählen wir also einen Umweg über Satelites, die Online oder in manchen Spielcasinos angeboten werden. Step for step, für jeden Geldbeutel ist etwas dabei. Auch ich würde liebend gerne nach Berlin. Aber ich bin weder wohlhabend noch augenblicklich gut bei Kasse.

Da ist auch das Montags-Sattelite für Berlin in der Dortmunder Burg nicht „drin". 300 + 30 € für den 3000er Startstack, 150 € für maximal ein ReBuy von 2K und 150 € für ein AddOn mit 4K. Dazu kommen noch Anfahrt (für mich 2 x 120 Kilometer), 3,50 Parkgebühren, 5 € Eintritt und Getränke sowie für Spielsuchtgefährdete die Herausforderung, den Verlockungen anderer Glücksspiele zu widerstehen.

euro
Preispool? Von wegen. Buy-in! Nichts für Normalos.

Völlig überraschend kommt Montagmorgen ein Anruf von einem meiner wenigen betuchten Pokerfreunde. Er macht mir ein Angebot, das ich nicht ablehnen kann. „Melde Dich an, fahr zur Burg und lehre sie heute das Fürchten, Norbert. Ich sponsore Dich mit 630 €, geteilt wird 40:60. Ja, solche Anrufe von Leuten, die mir was zutrauen und deshalb ihr eigenes Geld anvertrauen, gibt es tatsächlich. Sie kommen nur viel zu selten. Und oft genug hatten diese Spürnasen auf's richtige „Pferd" gesetzt, bekamen viel mehr zurück, als sie investiert hatten.

Eine Stunde vor Turnierbeginn verlasse ich den lahmsten Aufzug, den ich kenne, und sehe zwei Warteschlangen vor der Rezeption. Es sind nur zwei der vorhandenen 5 oder 6 Kassen besetzt. Natürlich stehe ich mal wieder in der Reihe, in der es am langsamsten voran geht. Nach etwa 20 Minuten ist diese Hürde endlich gemeistert.

Wohlwollend nehme ich zur Kenntnis, dass die Kleiderordnung offensichtlich gelockert wurde. Mit Jeans und ohne Krawatte passiere ich die Eingangskontrolle (Stoffhose und Binder lagen für den Fall der Fälle im Auto). Im Rauchersalon fällt mir sofort auf, dass der Großbildschirm fehlt. Den wird doch hoffentlich keiner geklaut haben?

marlon-brando
Betuchter Pokrerfreund - "ein Angebot, das man nicht ablehnen kann..."

Beim Check-in werde ich namentlich begrüßt vom Turnierdirektor, den ich schon vor fast 10 Jahren als Dealer kannte. Das ist gut für's Ego.  Ich hoffe, einen der Tische zu ziehen, die erst sehr spät aufgelöst werden. Das ist immer ein echter Vorteil bei Turnieren. Und Fortuna meint es heute offensichtlich gut mit mir. Tisch 10, Platz 8. Es wird heute nur an Tischen mit Kartenmischmaschine gespielt. Ich schätze, dass wir dadurch die doppelte bis dreifache Anzahl an Händen gespielt haben, wie an Tischen ohne dieses seelenlose Ding.

Während der einstündigen Rebuy-Phase dauern die Level je 20 Minuten, danach 30. Das Turnier fängt pünktlich an. Ich habe mir vorgenommen, sehr tight zu spielen, nur Premiumhände. Und Fortuna ist mir noch immer wohl gesonnen.

Innerhalb der ersten halben Stunde erhalte ich AA und KK, verdoppele damit meinen Startstack. Aufregung beim 1. Rebuy. Nur 2000 gibt es statt erwarteter 3000. Der Turnierdirektor bleibt hart. Wenngleich ziemlich weit hinten, stand es doch so in der Ausschreibung. Frust. Gleich 3 Spieler an meinem Tisch ziehen das Add-On als zweites Rebuy vor, bekommen für ihre 150 € nur 2.000 statt 4.000 Chips. Zwei dieser drei sind „seat open", bevor es nach der ersten Stunde 35 Minuten Dinnerbreak gibt. Mir ist der Appetit vergangen.

fortuna
Launische Diva Fortuna.

Ich hätte wissen sollen, dass die wankelmütige Diva mit dem Namen des Düsseldorfer Fussball-Zweitligisten launisch ist. Nach 40 Minuten bekomme ich zum zweiten Mal AmericanAirlines. Raise aus early position auf 4fachen BB. Der Chipleader, der bislang alles traf, reraist mich. All-in, Call.

AA gegen Deuces. Schon im Flop die dritte 2 zum Set. Blank, Blank. „Deuces never looses..." Bonne Chance! Ärgern hilft nichts, Pragmatismus ist angesagt. Ich erhalte zwei gelbe Chips für meine nächsten 150 Euronen. Premiumhände kommen nicht mehr, ich will nur noch unbeschadet die AddOn-Phase erreichen ohne Gefahr laufen müssen, für meine letzten 150 Taler nur 2 statt 4K zu erhalten. Ohne mit der Wimper zu zucken, folde ich K/Js, 44 und AQo.

Jetzt habe ich Zeit für das eine oder andere Gespräch mit den Spielern, die ich zu 80 Prozent kenne. Arrivierte Main-Event-Spieler, Cash-Gamer, Turnier-Spezialisten, Spieler aus dem benachbarten Ausland. Ein sehr junger Spieler ist dabei, der sämtliche Steps erfolgreich bewältigt hat. Ein anderer bemerkt beiläufig, dass er es zwar heute versuchen wolle, sich im Falle des Scheitern direkt ins Mainevent einkaufen werde. Einer motzt über den schlechten Service, der sich weigere, Zigaretten an den Tisch zu bringen.

casino dortmund
Pokerfloor Hohensyburg - der Traum von Berlin...

Der Gast möge sich doch bitte selbst 2 Stockwerke tiefer die Glimmstengel besorgen. „Mist, auf der Toilette sind schon wieder keine Papier-Handtücher mehr!" stimmt der Nächste vorwurfsvoll ein. Ein Spieler kommt mir sehr bekannt vor. Ich kann ihn nicht zuordnen, grübele, bis der Groschen endlich fällt. „Bist Du nicht der Spieler, der früher immer nach Wiesbaden zum Omaha gefahren ist?" „Klar, Norbert - ich habe Dich vorhin sofort erkannt. Wo hast Du Dich all die Jahre versteckt?"

Erinnerungen werden lebendig. Kurz nach dem Casinobau wurde hier nur Stud angeboten, Holdem war damals noch exotischer als Omaha. Nur in Wiesbaden wurde Omaha-Cashgame angeboten. Weil er mir als exzellenter Cashgamer aufgefallen war, machte ich ihm ein außergewöhnliches Angebot, das er sogar annahm.

casino-berlin2
... da woll'n wir alle hin.

Er solle mich Pokeranfänger und Cashgame-Niete quasi als Lehrling aufnehmen und mich die Basics und Feinheiten des Cashgame-Poker lehren. Dafür würde ich ihn mit meinem damals teuren Auto kostenlos zu seinen „Arbeitsplätzen" chauffieren. Ich würde nur zuschauen und ihn auf der Rückfahrt zu bestimmten Moves befragen. Irgendwie klappte es nie, ich befand mich damals gerade in einer Phase der beruflichen Umorientierung. „Was ist aus Deiner Rolex geworden?" „Die habe ich gegen eine sportlichere Edelwatch getauscht." Den Namen (des Spielers) lasse ich bewusst mal lieber weg.

Es wird Zeit, wieder an den Tisch zu gehen. Weil ich mit dem Rücken zum Turnierscreen sitze, kenne ich noch nicht einmal die genaue Zahl der Starter.

Es mögen etwa 80 gewesen sein. Ist auch nicht so wichtig. 6 Packages „Go to Berlin" a 6.000 € gibt es nach Auswertung der Rebuys und Addons heute zu gewinnen. Der 7. erhält etwa 1.500, der 8. noch rund 1.000 €. 6,4 Packages hatte ein Mitspieler ausgerechnet. Das kommt hin.

audi R8
Poker in Dortmund - "Gewisse Vorkommnisse sollen sich wohl nicht wiederholen."

Über Rebuys und Addons wurde doppelt Buch geführt, vom Floorman UND von jedem einzelnen Croupier mittels Kugelschreiber und Zettel. Gewisse Vorkommnisse sollen sich wohl nicht wiederholen. Übrigens habe ich auch Herrn K. wieder gesehen. Er schien jedoch keine herausragende Funktion mehr inne zu haben.

Jetzt geht das Turnier endlich richtig los, der Freezeout-Modus greift.

Die Table-Balance funktionierte bislang überhaupt nicht. Jetzt, wo ein Running-Stack eingezogen wird, sind wir nur noch zu siebt. An anderen Tischen sitzen zehn Spieler. Erst auf unseren Protest hin wird uns ein weiterer Spieler zugewiesen. Ich warte länger als eine Stunde auf eine wirklich spielbare Hand, liege nur noch bei einem Drittel des Average. Ich muss was machen!

Als Cutoff erhalte ich A9h, ich raise auf 3,5fachen BB, der SB callt. Flop 2h, 5h, 9d. Top-Pair mit Top-Kicker, Nuts-Flush-Draw. Der SB spielt halbe Pottgrösse an, ich schiebe all-in. Er covert mich deutlich. Show-down, er zeigt KK. Jede Menge Outs für mich, jede 9, jedes Ace, any heart. No way. Blank, blank. „Nice hand, bonne Chance". Seat open.

The Black Mamba!
Das Objekt der Begierde - und irgendein Pokal...

Mit Anstand verlieren kann auch nicht jeder. Äußerlich. Innerlich bin ich zerknirscht, masslos enttäuscht, mit Fortuna hadernd. Nichts mit Berlin, außer Spesen nichts gewesen. Die Roulette-Kessel lasse ich rechts, die Black Jack-Tische links liegen. Mit dem Schneckentempo-Aufzug zum Parkautomaten in der Hoffnung, nicht den Höchstbetrag bezahlen zu müssen. Pustekuchen, 3,50.

Dann eben im Auto ein ausgiebiger Schluck aus der Pulle. Mineralwasser. Angereichert mit Ascorbinsäure, reinem Vitamin C. Ist kalorienfrei, gesund und preiswert. Bei größeren Events muss ich darauf achten, nicht zu dehydrieren. Innerlich einmal kräftig geschüttelt wie ein nasser Hund. Das mit dem geprügelten Hund war geschwindelt. Das Glas ist immer halb VOLL. Nach dem Spiel ist vor dem Spiel. Eine verlorene Schlacht ist kein verlorener Krieg. Genug Platitüden? Ich greife weiter an:

„Berlin, Berlin - i'm fighting 4 my dream!"

EPT Copenhagen Trophy
.

PS: Versäumt auf keinen Fall die nächste Folge „Kuriose Lieblingshände" auf POKERZEIT.COM! Im Mittelpunkt steht ein Bericht über NuNei(k)-N, dem „Enfant terrible" des Pokersports oder uncharmant ausgedrückt: das wahnsinnige Genie, der absolut abgefahrene Freak.

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Overtaker 2010-02-11 16:45:12

Nice! Aber was ist mit der Kohle, die Du beim 500er in Oeynhausen abgegriffen hast?

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Ein deutscher Hobbyspieler ohne WSOP-Allüren, aber mit Sinn fürs Detail.

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