„Ein Spieler ist kein Rennpferd"

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1 Dezember 2009, Von: The Hand
Geposted in: Blog
„Ein Spieler ist kein Rennpferd"
Es gibt inzwischen Leute, die als Pokeragenten arbeiten. Hört sich zwar cool an, sagt einem aber irgendwie nichts. Wir haben herauszufinden versucht, ob das ein Job mit Zukunft ist und was Pokeragenten eigentlich so machen.

Dazu sprachen wir mit Lars Kollind, dem Vizepräsident von Poker Icons. Das europäische Pendant zu Poker Royale versucht, talentierte Pokerspieler zu entdecken und zu vermarkten. Fragt sich natürlich, ob eine solche Firma nur ein Luftschloss ist, entstanden durch den wahnwitzigen Boom, der inzwischen jedoch zu erlahmen scheint, oder ob dies eine Nische im Arbeitsmarkt mit Zukunft ist.

Immerhin beschäftigt die in Stockholm ansässige Firma fünf ständige Mitarbeiter vor Ort sowie ca. ein Dutzend Agenten, die über ganz Europa verstreut und wie Fußball-Scouts ständig auf der Suche nach dem potenziellen Star von morgen sind.

Trotzdem: Wozu braucht ein guter Pokerspieler überhaupt einen Manager? Man kann doch wohl auch selbst überlegen, wann man wohin fährt und wann man sich am besten anmeldet (es sei denn, man ist Amerikaner und der 4. Juli steht vor der Tür). Das sei allerdings etwas zu einfach gedacht, findet Kollind, der früher schon in anderen Firmen für das Marketing zuständig war und einen privaten Pokerclub besaß, bevor er als Mitgründer bei Poker Icons begann.

Lars Kollind: „Durch den Pokerboom sind große Geldsummen frei geworden, die nun auf dem Markt zur Verfügung stehen. Aber dieses Geld wird ja nicht einfach gestiftet. Sponsorengelder sind Investitionen, die sich lohnen müssen. Ansonsten werden sie gestoppt. Wenn wir einen Spieler finden, der uns interessant erscheint, nehmen wie uns seiner an und versuchen, ihn bei einem Pokerraum unterzubringen und seinen Namen zu einer Marke aufzubauen.

Joao-Barbosa
Rekordspieler Barbosa - Nische im Arbeitsmarkt.

Der Beruf Pokerspieler wird oft ein wenig romantisiert. Ein gesponserter Spieler zu sein heißt ja nicht einfach, umsonst um die Welt zu reisen und zu spielen, wann und wo man will. Ein Pokerraum, der Geld bereitstellt, verlangt dafür Leistung und maximalen Gewinn. Wer das nicht bieten kann, verschwindet wieder. Im Übrigen wissen viele junge Spieler überhaupt nicht, wie sie mit den Medien umgehen sollen. Wir helfen ihnen, mit der öffentlichen Aufmerksamkeit klarzukommen."

In Deutschland sind die meisten Spieler, die bei Turnieren erfolgreich sind, eher scheu. Außerdem will nicht jeder davon auch noch Medienprofis beteiligen. Besteht denn Interesse und wie groß ist der Markt der Zukunft?

LK: „Ich bekomme über 100 Emails pro Woche von Spielern, die von uns vertreten werden möchten. Interesse besteht also zur Genüge. Vielleicht einer von 300 ist dabei, der wirklich unsere Aufmerksamkeit erregt. Eines der letzten Beispiele war David Sands. Er war ständig auch als Autor aktiv, bestens organisiert und bereit, für seinen eigenen Namen hart zu arbeiten. (David „Doc" Sands kam bei der WSOP 2009 zweimal in die Geldränge, Anm. D. Red.).

Arnaud-Mattern
Vertragsspieler Mattern - nicht die Zahl ist entscheidend.

Die Märkte der Zukunft sind fast überall. In Südamerika und Asien wächst die Zahl der Spieler zurzeit dramatisch, mit Abstrichen auch in Afrika. Und sollte sich der Markt in den USA wieder öffnen, steht uns auf jeden Fall ein weiterer Boom bevor."

Müsste man dann nicht versuchen, so viele Spieler wie möglich unter Vertrag zu nehmen?

LK: „Nein. Wir vertreten im Moment etwa 35 Spieler, aber diese Zahl ist nicht entscheidend. Viel wichtiger ist, für jeden von ihnen einen Sponsorenvertrag abzuschließen, und das ist nicht so einfach, denn die Zahl der Plätze ist in jedem Land begrenzt. Wenn man da zu spät dran ist, kann ein Spieler noch so gut sein, dann sagen die Pokerräume einfach „nein, unser Team ist vollständig"."

Ist das nicht ein Fehler, gerade wenn es sich um einen Spieler handelt, der profitabel spielt und damit ja auch dem Pokerraum  Geld einbringt?

LK: „Das ist für den Sponsor gar nicht das Wichtigste. Ein Pokerraum sieht seine Spieler nicht als Rennpferde an, auf die man wettet, sondern als Repräsentanten des Unternehmens. Deshalb kann ein Spieler auch dann ein großartiger Repräsentant sein, wenn er überhaupt kein Geld einspielt.

Chris Moneymaker ist das perfekte Beispiel. Er hat weder vor noch nach seinem WSOP-Sieg 2003 irgendwo etwas gewonnen, ist aber imimer noch ein Aushängeschild für Poker, und der große Boom wird für immer mit seinem Namen  verbunden bleiben. Das ist für PokerStars mehr wert als ein Turniersieg von einem der Team-Profis.

Fernsehturm-Stockholm
Fernsehturm Stockholm - Pokertische in luftiger Höhe.

Auch David Sands, um das Beispiel noch einmal aufzugreifen, hat ja keine großartigen Turniererfolge vorzuweisen. Aber er ist fleißig, ehrgeizig und einfach ein interessanter Typ. Das ist für uns wichtiger, denn auch wir verdienen nur dann Geld, wenn tatsächlich ein Sponsorenvertrag zustande kommt. Deshalb kann sich prinzipiell auch jeder bei uns melden. Nur unsere Auswahlkriterien sind oft andere als die die Spieler dies erwarten."

Andererseits hatten Sie auch Jamie Gold unter Vertrag, dessen Ruf schlechter ist als der eines Versicherungsverteters. Wie geht man mit einem so schwierigen Charakter um?

LK: „Jamie Gold ist eigentlich ein netter Kerl, nur weiß das niemand. Wir haben mit ihm einige Wohltätigkeitsevents in London veranstaltet und mit mehreren großen Pokeranbietern gesprochen. Es würde mich nicht wundern, wenn wir ihn demnächst mit einem Logo sehen."

Joao Barbosa ist ebenfalls bei Ihnen unter Vertrag. Der Portugiese hat mit sechs aufeinanderfolgenden Cashes in der 5. EPT-Saison einen bemerkenswerten Rekord aufgestellt.

LK: „Wir haben Barbosa vor gut einem Jahr bei der EPT Prag entdeckt. Ich bin dann einfach zu ihm hingegangen und habe ihn angesprochen. Einen Monat später hatte er einen Vertrag bei Full Tilt.

Chris Moneymaker
Chris Moneymaker - perfektes Beispiel.

Erst vor ein paar Tagen haben wir drei weitere Spieler unter Vertrag genommen: Jeff Williams - der online so ziemlich alle großen Turniere gewonnen hat, die es gibt -, JeremyGaubert - der in diesem Jahr die Gold Strike World Poker Open  in Tunica gewonnen hat - und Greg Ronaldsson aus Südafrika, der zum Aushängeschild für afrikanisches Poker werden könnte."

Neben der Interessenvertretung für Pokerspieler übernimmt Poker Icons auch die Organisation von Poker-Events. Welche zum Beispiel?

LK: „Wir veranstalten z. B. Pokerkreuzfahrten auf der Ostsee, außerdem das sogenannte Pokerfinnkampen, ein in Skandinavien sehr beliebtes Duell schwedischer und finnischer Spieler. Wir machen die PR für ein schwedisches Unternehmen und werden demnächst Teil einer Fernsehshow sein. Unser ungewöhlichster Auftrag war aber die Weihnachtsfeier von Apple. Das Thema war James Bond, also haben wir mehrere Räume im 155m hohen Fernsehturm von Stockholm gemietet und in luftiger Höhe auf mehreren Plattformen Pokertische aufgestellt. Es gibt noch eine Reihe weiterer Pläne, Zukunftssorgen muss man sich in unserer Branche also kaum machen."

Poker Icons im Internet.

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