Das Downtown Project – Ein Spiel mit 350 Mio. Dollar Einsatz

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11 März 2015, Von: Dirk Oetzmann
Geposted in: PokerZeit Blog , Featured
Das Downtown Project – Ein Spiel mit 350 Mio. Dollar Einsatz

Downtown Las Vegas galt jahrelang als fest in der Hand von Kriminalität, Prostitution und Drogenhandel.

Dann beschloss der Unternehmer und Investor Tony Hsieh, genau dort ein Projekt zu starten, das es so in Las Vegas noch nie gegeben hat – den Aufbau eines ganzen Stadtteils als Start-up-Unternehmen.

Was so hoffnungsvoll begann, hat allerdings auch seine Schattenseiten.

Die Idee

Seit das Glücksspiel in Nevada im Jahr 1031 legalisiert wurde, ist Las Vegas für Casinos und Gambling bekannt – und nur dafür.

Die Idee, Las Vegas auf eine breitere wirtschaftliche Basis zu stellen, geht auf die 1980er Jahre zurück, aber erst 2009 wurde es etwas konkreter.

tony hsieh
Tony Hsieh - der Mann hinter dem DTP.

Schon in den 1990er Jahren hatte die vom damaligen Bürgermeister Oscar Goodman ins Leben gerufene „Redevelopment Agency“ damit begonnen, Downtown Las Vegas neu zu planen.

Dabei sollte die u. A. Wohnqualität durch weitläufige Bürgersteige mit Alleenbäumen gesteigert werden.

Insgesamt wurden 45 Projekte entworfen, aber als Jahre später die Rezession zuschlug, waren noch nicht einmal zehn Prozent davon realisiert worden. Dann stoppten die Bauarbeiten, und sie wurden erst vom Downtown Project wiederbelebt.

Das DTP wollte die „Altstadt“ von Las Vegas neu erfinden, und zwar in Form einer Reihe von Start-up-Unternehmen.

Ein ebenso wohlhabender wie risikofreudiger Investor und 350 Millionen Dollar waren die Voraussetzungen für das größte Bauprojekt der USA in diesem Jahrhundert.

Der Mann, um den es sich handelt, ist Tony Hsieh, der CEO der Firma Zappos, die mit dem Online-Verkauf von Schuhen und Modeartikel rund eine Milliarde Dollar pro Jahr umsetzt.

Der 1973 geborene Hsieh studierte in Harvard und verkaufte seine erste Firma „LinkExchange“ 1998 für 265 Mio. Dollar an Microsoft. Elf Jahre später zahlte Amazon 1,2 Milliarden Dollar für „Zappos“.

60 Hektar Land im Herzen von Las Vegas waren die Basis des Downtown Project. Die Kosten dafür lagen bei 200 Mio. Dollar.

Der Rest der Investitionen floss in die Förderung junger Kleinunternehmen, den Start-ups und Fortbildung. Außer den Bürogebäuden wurden auch ein Krankenhaus, eine Schule, Restaurants und weitere für die Infrastruktur notwendige Institutionen errichtet.

Downtown wurde zu einer Stadt innerhalb der Stadt.

Plötzlich gab es Bars und Restaurants mit neuen, progressiven Konzepten wie Pizza für Veganer oder hausgemachte Wurstwaren, einen unabhängigen Buchladen, Motels, und überall dazwischen Start-up-Unternehmen.

Menschen zogen in den Container Park, einem eigens erbauten Wohngebiet mit Appartementhäusern und einem Park mit ausreichend Platz zum Spielen für Kinder.

Die Unternehmen arbeiteten in höchst unterschiedlichen Wirtschaftszweigen. So wurden Anfang 2015 von „The Mill“ sowohl eine App für das Handy als auch ein neuartiger Besen zur Reinigung von Swimming Pools ausgezeichnet.

Container Park
Der Container Park wurde zu einem Publikumsmagnet.

„The Mill“ ist ein Förderungsinstitut in Downtown Las Vegas, dass jeden Monat $5000 in Konzepte, Produkte oder Firmen existiert.

Insgesamt entstanden deutlich mehr als 150 Firmen, aber auch auf das gesellschaftliche Miteinander wurde zumindest offiziell viel Wert gelegt.

Eine Alternative zu Silicon Valley?

Denkt man an Technikzentren in den USA, kommt einem natürlich Silicon Valley in den Sinn, vielleicht auch New York oder San Francisco. Aber Las Vegas? Nein.

Mithilfe des Downtown Project sollte diese Schwäche in eine Stärke umgemünzt werden.  Das strukturschwache Nevada hat z. B. keine Einkommenssteuer.

Es ist ein bisschen wie das Monaco der USA, aber ohne die extrem hohen Lebenshaltungskosten.

Als das DTP im Jahr 2012 richtig Fahrt aufnahm, galt Las Vegas beinahe als unberührtes Neuland.

Es ist einfacher, sich zu entwickeln, wenn man nicht von Firmen wie Google, Microsoft oder Facebook umzingelt ist.

Der Container Park und ein zentrales Management-Team sollten außerdem dafür sorgen, dass das DTP einem Familienunternehmen ähnelte.

Ständig wurden Treffen und Zusammenkünfte veranstaltet, um eine Situation zu erreichen, in der jeder jeden kennt. Auch nach der Arbeit waren die Angestellten dazu angehalten, sich an den öffentlichen Orten des Container Parks aufzuhalten.

Die Las Vegas Sun schrieb: „Hsieh hat sein Reich auf einer scheinbar simplen Idee aufgebaut: Ein starkes Gemeinschaftsgefühl entsteht in einer angenehmen Umgebung mit einer Kultur der Zufriedenheit.“

So sah der Fünf-Jahresplan aus, den Hsieh für das DTP erstellt hatte:


  • 2012: Grundstückserwerb; erste Investitionen in kleine Unternehmen
  • 2013: Experimentieren; viele Investitionen in vielen verschiedenen Bereichen; abwarten, was funktioniert
  • 2014: Konzentration: Vorgänge optimieren, erfolgreichste Unternehmen auswählen und Investitionen intensivieren, Operationen verschlanken
  • 2015: weiter rationalisieren und optimieren
  • 2016: Erreichen der Gewinnzone; nachhaltig

Es war ein erfolgreicher Beginn. Schon bald strömten sogar Touristen herbei, nur um sich im Container Park einmal umzusehen.

obama at downtown project
Selbst der Präsident hatte bei seinem Besuch sichtlich Spaß.

Selbst der Präsident machte eine Stippvisite und hielt eine Rede. Darin sagte er:

„Dann haben Sie jemanden wie Jen McCabe die hier ein Unternehmen namens Factorli in Las Vegas gründet, um anderen, neuen Unternehmen den Start durch Hardware-Support zu erleichtern. So wie ein Copyshop Flyer vervielfacht, kann diese Firma individuelle Teilprodukte erstellen, aus denen amerikanische Produkte entstehen.“ – Präsident Barack Obama, 18. Juni 2014

Factorli

Das Unternehmen, dass Obama hier hervorhebt, war ebenfalls ein Start-up. Es sollte die Hardware für junge Firmen liefern.

Mitgründerin Jen McCabe hatte u. A. in Silicon Valley gearbeitet, bevor sie zum DTP stieß. Sie hatte bereits zwei andere Start-ups betreut, bevor sie die Leitung von Factorli übernahm.

Anfangs begeisterte sie der herrschende Pioniergeist. Sie verglich die Erfahrung mit den ersten Studienjahren, wenn überall die Türen offen stehen und jeder Leute kennt, die man um Rat fragen kann.

Aber irgendwann änderte sich das. Irgendwie war das alles zu perfekt. Was folgte, war „das unausweichliche Ermüden durch zu häufiges und übertriebenes Lachen“.

Noch im Mai 2014 kündigte das DTP Investitionen von zehn Millionen Dollar in Factorli an. Drei Monate später war die Firma verschwunden.

Das Firmengebäude war verwaist, die Angestellten gegangen. CEO Jen McCabe verschwand.

Todesfälle

Innerhalb von 16 Monaten starben drei Start-up-Manager durch Suizid, auch wenn einer davon nicht offiziell anerkannt wurde.

Ovik Banerjee
Ovik Banerjee gehörte zum DTP Management Team.

Jody Sherman, 48, erschoss sich im Januar 2014 in seinem Auto. Seine Firma lief miserabel.

Ein Jahr später sprang der 24-jährige Ovik Banerjee vom Balkon seines Appartements. Er gehörte dem inneren Management-Team um Hsieh an.

Matt Berman, Leiter der Bolt Barbers, einer Friseurkette aus Los Angeles, die sich in Las Vegas nicht durchsetzen konnte, wurde im Mai 2014 erhängt in seiner Wohnung aufgefunden.

Das DTP geriet auf den absteigenden Ast. Seine offizielle Aufgabe war es doch, „Glück zu verbreiten“ – auch das Thema von Tony Hsiehs erstem Buch – doch nun zeigte sich, dass genau das nicht gelang.

Auch die heutige Bürgermeisterin Carolyn Goodman merkte dazu in einem Interview an: „Das einzige, was dort zu fehlen schien, waren Glücksgefühle.“

Hsieh reagierte. Er heuerte Karriereberater an, aber langsam wurde deutlich, dass viele der neuen Angestellten ihre Bodenhaftung verloren hatten.

Sie hatten ihre Familien und Freundeskreise verlassen, und After Work Partys konnten die entstandene Lücke nicht füllen.

Gerüchte kamen auf, dass dem DTP das Geld ausginge, und viele der kleineren Firmen gerieten in Schwierigkeiten oder verschwanden plötzlich.

Ende September 2014 kündigte Hsieh an, 30% seines Management-Teams zu entlassen. Des Teams, das das DTP leitete.

Gleichzeitig erklärte er, sich selbst nie als CEO des DTP gesehen zu haben, sondern vielmehr als „Berater und Investor“. Außerdem würde er nun einen Geschäftsführer einstellen.

Auf die Selbstmorde angesprochen reagierte Hsieh dünnhäutig: „Selbstmorde gibt es überall. Man braucht sich ja nur die Statistiken ansehen.“

Natürlich haben drei Suizide in der Stadt, die statistisch gesehen die bei Weitem meisten Selbstmorde in ganz Amerika verzeichnet, keinen Einfluss auf die Zahlen.

Auf die Unternehmer des DTP wirkten sie sich jedoch gravierend aus. Zahlreiche Manager verließen das Projekt.

Es kamen Fragen danach auf, ob das DTP ausreichend durchdacht war und ob die Investitionen sinnvoll oder eher willkürlich getätigt wurden.

„In vielerlei Hinsicht sieht es so aus, als baue Hsieh mit dem Downtown Project ein Zerrbild von Silicon Valley auf – als zäume er das Pferd von hinten auf“, schrieb Derick Harris nur einen Tag nach Hsiehs Ankündigung.

Die Show muss weitergehen

Doch das Spiel geht weiter. Hsieh hat vielleicht ein paar Hände verloren, aber er hält noch immer einen großen Stack.

Ende Februar dieses Jahres tat sich das DTP mit dem Gastronomie- und Eventspezialisten Corner Bar Management zusammen und übernahm den Bunkhouse Saloon, einen legendären Club, der seit seiner Eröffnung im Jahr 1953 für Live-Konzerte und eine große Bierauswahl bekannt ist.

bunkhouse saloon
Der Bunkhouse Saloon gehört zu den Neuerwerbungen des DTP.

Aber es gibt auch strukturelle Neuerungen. Hsieh rief eine neue Abteilung ins Leben, die DTP Ventures, die sich um die Entwicklung der im Besitz des DTP befindlichen Einheiten kümmern sollte.

Auch der neue CEO wurde gefunden. Er heißt Mark Rowland, ist mit Hsieh befreundet und hat laut seiner Webpage auf der DTP-Webseite „vorrangig das Ziel, glücklich zu sein“.

Das mag etwas merkwürdig klingen, aber sicher ist, dass es mit dem DTP weitergeht. Immerhin. Aber das Projekt steht vor Änderungen.

Viele DTP-Angestellte scheinen mehr Zeit bei zwanglosen Treffen zu verbringen als bei der Arbeit.

Hier setzt auch Rowland mit seiner Arbeit an:

„Es geht darum, Strukturen zu schaffen. In der Frühzeit des DTP gab es unheimlich viele Ideen. Manche davon funktionierten, andere nicht. Es gab zwar jede Mange Energie, aber keine Richtung. Jetzt werden wir uns daran machen, das Ganze zu strukturieren.“

Tony Hsieh hat sich inzwischen neuen Projekten zugewandt. Weitere DTPs sind in Planung, u. A. in Santa Fe, New Mexico und Sacramento, Kalifornien.

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