Die Top-20-Chronik des Pokerjahrzehnts (1)

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Wer waren in den letzten zehn Jahren die wichtigsten Spieler für die deutsche Pokerlandschaft, welche Personen haben hinter den Kulissen am meisten bewegt, welche Institutionen waren am wichtigsten, welche Ideen am skurrilsten? Eine Aufzählung ohne Wertung.

Es war das Jahrzehnt, in dem Poker um die Welt ging. Viele Stars sind aufgetaucht, von denen die meisten schnell als Sternschnuppen wieder verglühen. Merkwürdige Gestalten zieht sie an, die Pokerszene, und manche haben bis heute nicht verstanden, was die Stunde geschlagen hat.

1. Sebastian Ruthenberg

Er ist die Nr. 1 der deutschen ewigen Geldrangliste und der erste deutschsprachige Spieler mit über $3 Mio. Preisgeld. Auf der All Time Money List nimmt er als ebenfalls bester Deutscher Platz 119 ein. PokerStars nahm ihn in das Shooting Stars Team auf, und online begegnet man ihm unter den Namen „luckbox", „miamivice" und „taktloss47".

Ruthenberg gewann ein WSOP- und ein EPT-Event innerhalb von zwei Monaten (WSOP 2008 Event Nr. 33, 7 Card Stud, Preisgeld: $330k und EPT Barcelona für $1,9 Mio.) und gut mit Moritz Kranich befreundet, der Anfang 2009 das EPT-Event in Deauville für sich entschied.

Im Allgemeinen gilt Ruthenberg als extrem schreibfaul, kein Wunder, dass sein letzter Blogeintrag bei Intelli vom 20. April 2008(!) datiert. Trotzdem wurde er irgendwie Mitautor der Poker Matrix und schrieb das Kapitel über Multi-Table-Turniere.

Daher der Spitzname "Luckbox".

 

2. Eddy Scharf

 

Ohne Zweifel einer der Pioniere der deutschen Profis. Sein erstes Ergebnis stammt aus dem Jahr 1996, als er das Wiener Poker Frühlingsfest und $4340 gewann. Bis heute ist er der einzige Deutsche mit zwei Bracelets. 2001 gewann er ein Omaha Limit Event und schlug dabei am letzten Tisch Allen Cunningham, Tom McEvoy und David Sklansky, 2003 gelang ihm ein weiterer Streich in derselben Disziplin, und wieder war der Finaltisch mit Spielern wie Dave Colclough, Phil Hellmuth und Men „the Master" hochkarätig besetzt. Leider ging der Sieg im Hype um Chris Moneymaker unter.

2005 gelangen ihm gleich drei Cashes bei der WSOP, er gewann mehr als eine Million Euro in Turnieren und liegt damit in der All Time Money List Germany auf Platz 9. Im Main Event der WSOP des Jahres 2004 erreichte er die letzten beiden Tische und scheiterte erst auf Platz 15 an einem gewissen Greg Ramyer. Weiter kam im Main Event nur Nowakowski im Jahr 2001. Limit Omaha ist die erklärte Lieblingsdisziplin des ausgebildeten Piloten und früheren DSF-Kommentators.

 

Eddy Scharf am vorletzten Tisch des WSOP Main Events 2004.

 

3. Chris Moneymaker

 

Ist zwar kein deutscher Spieler, aber auf jeden Fall ein internationales Ereignis und darf deshalb sowieso in keiner Aufzählung fehlen, die auch nur im Entferntesten mit Poker zu tun hat. Sie erinnnern sich? Im Jahr 2003 qualifizierte sich ein US-amerikanischer Buchmacher aus Bad Sonstwo mit $39 Einsatz für das WSOP Main Event, gewann das Turnier (sein erstes Live-Turnier) und 2,5 Mio. Dollar und gab damit der ganzen Welt zwei entscheidende Erkenntnisse: 1. Mit Poker kann man in sehr kurzer Zeit sehr wenig in sehr viel Geld verwandeln, und 2. Jeder Anfänger kann auch die ausgebufftesten Profis schlagen.

Seitdem ist aus einer Millionen- eine Millardenindustrie geworden, die Spielerzahlen sind im Internet wie auch bei der WSOP explodiert (839 Teilnehmer 2003, 8773 Teilnehmer 2006), und das Main Event wurde zur Pokerkathedrale, zu dem jedes Jahr mehr Pilger strömen.

Moneymaker gewann nie wieder einen Titel, aber seinen Platz im Geschichtsbuch hat er sicher. Der Name „Moneymaker" ist übrigens echt. Er ist nicht wörtlich zu nehmen, sondern entstand, nachdem seine deutschen Vorfahren nach Amerika auswanderten und ihr Name dort „verenglischt" ausgesprochen wurde.

Moneymaker vs. Lederer vs. Chan - oder doch nicht?

 

4. Randsportarten - Snooker und Darts

 

 

Manchmal sieht man im Rahmen etwa des Sportstudios Aufnahmen von eher unbekannten oder nur regional vertretenen Sportarten, den Highland Games z. B., bei denen Männer in Schottenröcken Steinhochwurf üben, oder Boßeln, das ist so ähnlich wie Kegeln, nur ohne Kegel und auf einer mehrere Kilometer langen Bahn.

Snooker und Darts sind da schon einen Schritt weiter. Große Turniere werden zumindest in - und das haben sie mit Poker gemeinsam - privaten Spartenkanälen übertragen. Dazu passt, dass auch bekannte, ja zu Millionären gewordene Spieler dieser Sportarten sich im Pokertisch versuchen.

Der dreifache Snooker-Weltmeister Ronnie O'Sullivan tut es, der sechsfache Altmeister Steve Davies ist seit Jahren regelmäßig bei der WSOP dabei, und bei den ersten UK Poker Open kam es zu einem denkwürdigen Heads-up, das der walisische Snooker-Profi Matthew Stevens - der noch nie Weltmeister war, aber schon zwei Finals verloren hat - gegen Phil „The Power" Taylor gewann, der seit 1990 unglaubliche 17 Mal Weltmeister in der Darts-Disziplin „501" wurde. Randsportarten aller Länder, vereinigt euch!

Das schnellste Maximum-Break aller Zeiten.

 

5. FDP

 

Schon im März 2008, zwei Monate nach Inkrafttreten des Glücksspielstaatsvertrags, meldeten die FDP-Fraktionen in Bund und Ländern Bedenken gegen die Regelung an, da dieses gegen europäisches Dienstleistungsrecht verstößt. Im September 2009 trafen sich auf Initiative der FDP-Fraktionsvorsitzendenkonferenz internationale Experten aus den Bereichen Suchtforschung, Volkswirtschaft und Glückspielregulierung zusammen. Sie verwiesen darauf, dass das Internetverbot Online-Gambling lediglich kriminalisiere und in den Schwarzmarkt treibe. Eine staatliche Regelung, wie sie in 21 der 27 EU-Mitgliedstaaten besteht, sei daher dringend geboten.

Natürlich ist es naiv, zu glauben, die FDP habe das Wohl der Online-Spieler im Sinn. Den Liberalisierungsspezialisten geht es natürlich um Einnahmen für das Staatssäckel. Dennoch: Immerhin ein Schritt in die richtige Richtung. Mal sehen, was nach der gewonnenen Wahl nun davon übrig bleibt.

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Dirk Oetzmann 2009-12-18 11:22:32

@Ben

In der Tat, du hast Recht. Sowohl Vor- als auch Nachname hatten mich hier wohl in die falsche Richtung geführt.

Wird sofort korrigiert!

Ben 2009-12-18 11:09:26

Ohne jetzt als Klugscheißer wirken zu wollen, aber ist nicht 2001 mit Henry Nowakowski ein Deutscher 7. im Main Event geworden, dass Carlos Mortensen gewann?