Die innere Stimme – noch mal was über Intuition

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Daniel Negreanu - Meister der Intuition.

Ich habe mich in einem früheren Artikel schon mit dem Thema Intuition befasst. Damals aus wissenschaftlicher Sicht und als Element profitablen Pokers.

Den Artikel finden Sie übrigens hier. Aber es gibt über dieses Thema noch mehr zu sagen. Also: Intuition zum zweiten.

Als ich damit anfing, Bücher über Poker zu lesen – leider tat ich das erst einige Zeit, nachdem ich damit angefangen hatte, Poker zu spielen – fiel mir immer wieder auf, mit welcher Sicherheit die Autoren die Stärke einzelner Hände bewerteten, obwohl das gar nicht meiner Wahrnehmung entsprach.

Ich mochte Hände wie K-Q, egal in welcher Farbe. Eine ziemlich gute Hand, dachte ich. Ich erhöhte damit aus früher Position, bezahlte Raises damit, und gelegentlich setzte ich sogar einen Re-Raise damit an.

Aber die Bücher widersprachen. Außerdem wurde mir langsam klar, dass gute Spieler diese Hand für problematisch hielten und rieten, sie mit großer Vorsicht zu spielen, wenn überhaupt.

Das verstand ich nicht. Für mich sah sie immer noch wie eine klasse Starthand aus. Sie war besser als die meisten anderen Hände und sie hatte sooooo viel Potenzial, vor allem suited. Und sie sah einfach hübsch aus.

Doch das Leben ändert sich. Jedesmal, wenn ich K-Q bekam, bekam ich ein merkwürdiges Gefühl, so ein leichtes, aber unangenehmes Pieksen. Dasselbe passiert, wenn ich abgelaufene Wurst im Kühlschrank finde oder im Radio „Last Christmas“ läuft.

scott clements
Scott Clements hätte ohne Intuition keine großen Erfolge gefeiert.

Dabei dachte ich mir eigentlich nichts groß dabei. Es war nicht so, dass ich mich bei dem Gedanken erwischte: „Oh Man, die Karten sind ja viel zu bunt. Ich hasse bunt.“ Oder: „Oh, König-Dame. Bekanntlich kann diese Hand problematisch sein. Ich spiele besser vorsichtig.“

Es war mehr eine intuitive Reaktion. Ein kleiner, abgelegener Teil meines Gehirns sendete negative Gefühle aus.

Im besten Fall kommt Ihnen das bekannt vor. Alle guten Spieler erleben das. Ich gehe sogar so weit, zu behaupten, dass diese vagen Erkenntnisse, dass eine Hand schwierig zu spielen ist und die andere nicht, die Basis sind für die Empfehlungen, die wir in so vielen Pokerbüchern lesen.

Das Ganze funktioniert ungefähr so: Ein Typ setzt sich an den Tisch und fängt an, Poker zu spielen. Kriegt ein paar gute Hände, spielt sie auf verschiedene Weise. Gewinnt, verliert, fängt wieder von vorne an.

Und so geht es weiter, über Stunden, Tage, Monate, Jahre. Langsam wird der Typ ziemlich gut.

Warum? Weil er jetzt Hände wegwirft, die er anfangs noch gespielt hat, und jetzt Hände spielt, die er anfangs noch weggeworfen hat.

Warum tut er das nur? Weil er immer wieder dieses merkwürdige Gefühl bekommt, dass eine gewisse Hand gerne mit dem Verlust des gesamten Stacks einhergeht, und das eine gewisse Spielweise häufig sofortige Kopfschmerzen und den Abdruck der eigenen Hand auf der Stirn zur Folge hat.

Wie bitte, was sagen Sie da? „Na toll, ich habe immer noch keinen vernünftigen Ratschlag bekommen, der mir hilft, mein Spiel zu verbessern?“ Eigentlich haben Sie das doch. Aber der Ratschlag ist gut versteckt. Gehen wir suchen.

Womit wir es hier zu tun haben, ist Psychologie für Anfänger: Pawlowsche Konditionierung. Sabbernde Hunde.

Davon haben Sie gehört, oder? Pawlow läutete eine Glocke und fütterte dann seine Hunde. Immer wieder. Irgendwann konnte Pawlow allein durch das Läuten der Glocke die Hunde zum Sabbern bringen, ohne ihnen Fressen zu zeigen.

Das funktioniert auch anders herum. Pawlow läutete eine Glocke und verpasste dann einem Hund einen Elektroschock. Das Tier spürt den Schmerz und die Angst und jault. Immer wieder.

Allen Cunningham
Cunninghams Intuition ist so gut, dass er sogar hören kann, wenn jemand K-Q aufnimmt.

Schließlich reicht das Läuten der Glocke aus, um den Hund zum Jaulen zu bringen, weil er sofort Angst bekommt. Konditionierung.

Verstehen Sie, worum es mir geht? Ein Spieler bezahlt mit K-Q aus mittlerer Position einen UTG Raise von einem „Rock“. Verliert sein Geld. Spürt Schmerz und leidet. Immer wieder.

Irgendwann bekommt er wieder K-Q in mittlerer Position. Aus früher Position erhöht ein solider Spieler. Unangenehmes Gefühl macht sich breit, wie der Anflug eines Schmerzes. Fold.

Im letzten Schritt macht sich unser Held diese Erfahrung zunutze und wendet sie bewusst an. Dank seines messerscharfen Verstandes und seiner ausgeprägten kognitiven Fähigkeiten erkennt er, das K-Q gerade problematisch geworden ist.

Der Spieler setzt sich hin und schreibt ein Buch, in dem steht, dass K-Q eine Hand ist, die man mit Vorsicht genießen sollte. Ein Anfänger liest das Buch, versteht aber nicht wirklich, was das bedeutet. Als der das nächste Mal K-Q bekommt, denkt er, „prima Hand, ich calle“.

Jetzt macht dieser Artikel langsam Sinn, ja er erklärt sogar das eine oder andere.

So nämlich sind die Hand Rankings entstanden. Jetzt verstehen wir die Rolle, die Intuition für uns spielt, und wir verstehen, warum Übung so eminent wichtig ist.

Ohne all die Stunden, Tage, Wochen, Monate und Jahre der Praxis können wir die Bandbreite der verschiedenen Situationen gar nicht erfassen, in die wir am Tisch geraten, und ohne sie können wir auch nicht intuitiv reagieren. Und, jetzt verstehen wir auch, warum es so viele Internetspieler gibt, die so schnell und so gut sind.

Eine Kleinigkeit muss ich noch loswerden. An der Universität von Iowa gab es ein Experiment, das von Neurologen durchgeführt wurde. Es bestand in einem einfachen Kartenspiel, bei dem man Karten von zwei verschiedenen Decks ziehen konnte.

Deck A war so manipuliert, dass es eine extreme Varianz besaß. Man konnte große Gewinn, aber auch große Verluste einfahren. Auf lange Sicht besaß es einen negativen Erwartungswert, es kostete also Geld, damit zu spielen.

Deck B war ausgeglichener strukturiert, ohne große Gewinne oder Verluste. Auf lange Sicht hatte es einen positiven Erwartungswert. Die Erwartungswerte waren aber nicht sehr unterschiedlich. Man musste ziemlich genau aufpassen, um sie überhaupt zu erkennen.

phil  ivey
Intuition im Spiel, nicht in der Liebe.

Alle Spieler trugen während des Experiments einen fMRT, damit die Wissenschaftler ihre Gehirne beobachten konnten. Immer, wenn jemand von Deck A zog, wurden plötzlich die Gehirnareale aktiv, die mit unangenehmen Gefühlen in Verbindung gebracht werden, und das geschah, bevor die Spieler verstanden hatten, worin sich die beiden Decks unterschieden.

Als man sie später drauf ansprach, erklärten sie, dass sie irgendwie ein ungutes Gefühl hatten, wenn sie an dieses Kartendeck dachten, aber sie wussten nicht recht, wieso. Ein Teil ihres Gehirns wusste es aber bereits, es wusste, bevor sie wussten.

Das ist Intuition, und darin liegt auch unsere Lektion für heute. Üben, üben, üben und auf die innere Stimme hören. Wenn Sie das merkwürdige Gefühl bekommen, Chips zu riskieren sei gerade keine gute Idee, hören Sie darauf.

Sie werden damit nicht immer richtig liegen, aber gerade oft genug, um Geld zu verdienen. Topspieler auf der ganzen Welt handeln so, und viele Pokerbücher basieren darauf.

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K. Rajabi 2012-02-16 18:38:03

Recht interessanter Artikel. Habe mir in letzter Zeit zufälligerweise ähnliche Gedanken zu diesem Thema gemacht und halte die Kernaussage dieser Artikelfolge intuitiv ;) für richtig. Allerdings glaube ich, dass der Autor hier ein wenig übermütig wird, indem er glaubt den wahren Ursprung der HandRankings revolutionär enttarnt zu haben.
Die Rankings basieren eindeutig auf statistik und das zwicken, dass man bei KQ o/s bei einem Raise in EP bekommt, rührt einfach daher, dass man gegen AQ o. AK, welche ein Early Raise häufig repräsentiert, einfach ziemlich bescheiden aussieht und auch statistischer Underdog gegen nahezu jedes andere A ist.