Der talentierte Mr. Sarwer

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7 Dezember 2009, Von: The Hand
Geposted in: Blog
Der talentierte Mr. Sarwer
Schach-Wunderkind und Weltmeister als Achtjähriger, 20 Jahre ohne festen Wohnsitz, Finaltisch bei der EPT Portugal. Jeff Sarwers Geschichte ist merkwürdiger als ein Film von David Lynch.

Als er gerade acht Jahre alt war, gewann der Kanadier Jeff Sarwer die Schachweltmeisterschaft der Unter-Zehnjärigen in Puerto Rico.

Ein Jahr später reiste er durch Nordamerika und spielte in einer Reihe von Show-Events gegen bis zu 40 Spieler simultan. Er spielte gegen die besten Schachspieler auf dem Washington Square und erhielt eine lebenslange Ehrenmitgliedschaft im ehrenwerten Manhattan Chess Club.

Schnell wurde er zum Liebling der Medien, galt unter Großmeistern als kommender Weltmeister und diente sogar als Vorlage für eine Figur in dem Spielfilm Searching for Bobby Fischer.

Dann war plötzlich alles zu Ende.

Sein Vater holte Jeff aus der Szene. Da er außerdem einen sehr unkonventionellen Lebensstil pflegte und sich weigerte, Jeff oder seine Schwester bei einer Schuile anzumelden, sondern lieber mit ihnen herumreiste und mit ihnen in einem Wohnmobil lebte, geriet die Familie bald ins Visier der Jugendschutzbehörden.

Die kanadische Behörde entzog Jeffs Vater das Sorgerecht und schließlich auch die Kinder. Sie flohen jedoch aus dem Jugendheim und kehrten zu ihrem Vater zurück. Die folgenden 20 Jahre verbrachten sie anonym und auf Reisen durch Europa, immer in der Angst, entdeckt zu werden.

„Ich hatte eine ziemlich heftige Kindheit," sagt Sarwer heute. „Mein Vater war sehr auf Kontrolle bedacht. Aber er war auch ein sehr interessanter Mann mit vielen guten Seiten. Als ich schließlich erwachsen wurde, dachte ich mir, was soll's, ich werde einfach mein Leben weiterleben."

Im Jahr 2007 tauchte Sarwer plötzlich wieder in der Schachszene auf. Er nahm an einem Turnier in Polen teil, wo er heute lebt.

Der 31-Jährige wurde jedoch auch vom Pokerfieber angesteckt.

„Ich mochte das Spiel schon immer. Aber in den letzten Jahren ist es derartig populär geworden, dass es mich schließlich erwischt hat. Ständig sieht man es im Fernsehen, alle meine Freund spielen. Also dachte ich mir, beschäftige dich intensiver damit, es macht sicher viel Spaß."

Sarwer schnappte sich eine Ausgabe von Harrington on Hold'em des 1995er Champions Dan Harrington und fuhr letztes Jahr nach Prag, um dort an der EPT teilzunehmen.

„Ich wusste wirklich nicht mehr als die Grundregeln," gibt er heute zu. „Aber ich kam ins Geld, und das gab mir natürlich Selbstbewusstsein."

Die €7000, die er als 54. erhielt, waren jedoch nur der Anfang. Im Februar dieses Jahres erreichte er bereits den Finaltisch bei den European Masters in Tallinn. Als Drittplatizerter kassierte er dort €29.760.

jeff-sarwer
Jeff Sarwer - 40 Schachpartien simultan.

Ihm gelangen noch einige weitere kleinere Gewinne bei Turnieren mit niedrigerem Buy-in in verschiedenen Ländern Europas, bevor es schließlich „klick" machte und er die EPT Warschau komplett dominierte, bis er schließlich auf Platz zehn ausschied.

Es sollte jedoch nicht lange dauern, bis ihm schließlich der endgültige Durchbruch gelang. Wenige Wochen danach saß er am Finaltisch der EPT Vilamoura in Portugal, wurde Dritter und kassierte €156.170.

„Ich habe mich entwickelt und ich verstehe langsam erst, was wirklich vorgeht. Alles was ich brauchte, waren ein paar Gespräche mit wirklich guten Spielern, um mein Spiel auf das richtige Niveau zu bringen.

Selbstvertrauen hatte ich schon früher. Wenn ich mich täusche, gebe ich das auch zu, aber Schach und mein Leben haben mich echtes Selbstvertrauen gelehrt."

Seine Erfahrungen mit Schach haben Sarwer aber noch mehr gegeben. Er selbst sieht eine ganze Reihe von Parallelen.

„Es gibt viele Ähnlichkeiten, aber auch viele Unterschiede. Zu den Ähnlichkeiten gehört ständige Aufmerksamkeit, das Sammeln von Informationen und das Vorausdenken, das Vorausahnen, was bestimmte Gegner tun werden, wie sie sich fühlen und wie sie denken. Das erinnert mich schon an Schach.

Auf dem Niveau von Internationalen Meistern wird Schach mehr und mehr auch zu einem Spiel auf Meta-Ebene. Das sehe ich auch bei Poker."

Sarwers Erfahrungen in der Pokerszene sind zwar noch begrenzt, aber er hat bereits verinnerlicht, dass das Spiel unendlich viel komplexer ist als es zunächst scheint.

„Im Schach sieht man, was an der Oberfläche abläuft. Man denkt drei oder vier Züge voraus und wird schließlich in einer weniger offensichtlichen Falle gefangen. So ähnlich ist es auch beim Poker. Man kann einfach ABC-Poker spielen und nicht darauf achten, was um einen herum geschieht, bis irgendwann jemand kommt und die Falle zuschnappen lässt."

Erfahrung und die Bereitschaft, von anderen zu lernen, sind zwei wichtige Bedingungen für Sarwers Erfolg, eine weitere ist seiner Meinung nach eine neu entdeckte Aggressivität.

„Ich habe mein Spiel geöffnet und bin viel aggressiver geworden. Schaspieler neigen dazu, eher vorsichtig und technisch zu spielen. Ich spiele nur deshalb nicht mehr so, weil es einfach nicht meinem Charakter entspricht."

Sarwer sieht sich noch immer als Hobbyspieler, wird aber auch in der Zukunft weiter in der Pokerszene mitmischen.

„Ich habe mich mit einigen Online-Spielern angefreundet. Sie besitzen die seltene Kombination, scharfsinnig und analytisch zu sein und trotzdem Spaß zu haben. Das sind Eigenschaften, die ich auch bei mir sehe.

Ich weiß, dass ich von der Weltspitze noch weit entfernt bin. Ob ich je dorthin komme, kann ich noch nicht sagen. Wir werden sehen."

Das Interview führte Martin Derbyshire.

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Dominic 2009-12-29 22:47:32

Das Leben sollte echt verfilmt werden ;)
Aber trotzdem irgendwie.. beneidenswert.

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Ein deutscher Hobbyspieler ohne WSOP-Allüren, aber mit Sinn fürs Detail.

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