Das Spiel auf dem Flop (6/6): Erkenne dich selbst

Greg Masterson

Abschließende Gedanken zu unserer Diskussion der psychologischen Nuancen eines Spiels namens No Limit Hold'em - das Spiel, das erst ab dem Flop so richtig gespielt wird.

Vor einigen Jahren, als NLHE noch nicht von so vielen Spielern bevölkert wurde, lautete eine goldene Regel, dass man sich den Flop nur mit einer Premium-Hand ansehen sollte.

David Sklansky und Mason Malmuth wurden zu den bekanntesten Lehrmeistern dieses Spiels, das sie das Prinzip sehr gut verinnerlicht hatten und es so weiterentwickelten, wie das vor ihnen noch niemand getan hatte.

Heute ist die Situation offensichtlich eine andere. Die Spieler eröffnen heutzutage mit einer viel größeren Handrange als früher. Sie erhöhen und bezahlen Raises mit Hände, die Sie nach allen Regeln der Standard-Pokerliteratur gar nicht erst spielen sollten.

Drei- und Vier-Bets sind zur Normalität geworden, und sie werden mit einer breiten Handrange gespielt.

Die erfolgreicheren Spieler der Moderne beherrschen das Spiel nach dem Flop, und wenn sie glauben, dass sie gegenüber anderen Spielern im Vorteil sind, wenn die Gemeinschaftskarten gespielt werden, versuchen sie, so viele Flops zu sehen wie möglich.

Dabei handelt es sich keineswegs nur um Weltklassespieler. Auch die jungen Internet-Spieler erlernen diese Fähigkeiten schnell. Sie sitzen an $1/$2 oder $2/$5-Tischen und können Sie schnell zur Verzweiflung bringen.

Auch wenn Sie die Post-Flop-Strategien, die wir in den früheren Artikeln dieser Serie besprochen haben, nun kennen, heißt das nicht, dass Sie sie auch umsetzen können.

Häufig wird mehr Aggressivität gefordert, manche empfehlen größere Risikobereitschaft und breitere Calling Ranges. Jede dieser Aktionen erhöht die Varianz und wirken sich damit auf die beiden psychologischen Ebenen aus, auf denen man sich bewegt: Emotionales Befinden und Zustand der Bankroll.

Timothy Davey
Spiel mit den Emotionen.

Emotion: Wie man sich fühlt, hat einen viel größeren Einfluss auf das eigene Spiel als die meisten Spieler glauben. Emotionale Erregung z. B. ist für die meisten von uns von Nachteil.

Diese Erregung ist ein Stressfaktor, Stress erhöht den Blutdruck, bringt Hormon- und Neurotransmitterhaushalt durcheinander, erschwert die Entscheidungsfindung, und wir fühlen uns, mit einem Wort, miserabel.

Wenn Sie die vorgestellten Spielzüge zum ersten Mal in der Praxis einsetzen, werden Sie wahrscheinlich nicht so viel Erfolg damit haben wie Sie erwarten. Sie funktionieren nicht jedes Mal (Autsch!) und kosten deshalb Geld. Fehler sind auf Dauer teuer.

Vermuten Sie eine C-Bet und versuchen Sie diese, durch einen Checkraise zu bekämpfen, verlieren Sie eine Menge Geld, wenn Ihr Gegner den Flop getroffen hat.

Falls Ihnen das schon ein paar Mal passiert ist, sollten Sie Spielzüge, die besonders große Aggressivität erfordern, eine Zeitlang vermeiden. Das verringert die Varianz und erhält das Wohlbefinden.

Wenden Sie sich zunächst den Zügen zu, die das Post-Flop-Spiel unproblematischer machen anstatt gefährlicher. Die letzteren fügen Sie dann nach und nach hinzu. Diese Strategie ist für den Anfang in Ordnung, hat aber zugegebenermaßen auch einen Nachteil:  Die anderen Spieler m Tisch werden das erkennen, und Sie bekommen kaum Action, wenn Sie eine Hand haben.

Mit der Zeit werden Sie mit den größeren Swings umzugehen lernen. Tritt das nicht ein, gibt es immer eine Limit-Partie.

Bankroll: Sie müssen für Ihren Weg gut gerüstet sein. Auch wenn Sie mit der emotionalen Seite zurechtkommen, müssen Sie immer noch mit der finanziellen Seite fertigwerden. Wenn Sie mehr Hände spielen, und diese auch noch aggressiver, steigt auch das Risiko für Sie, bankrott zu gehen.

Das Thema Bankroll-Management ist schon bis zum Geht-nicht-mehr disktuiert worden, allerdings zumeist nur sehr oberflächlich. Man sollte das so sehen: Es gibt „Spielkonten" und „Lebenskonten".

Phil Ivey
Ein Handelszentrum der Pokerwelt.

Für einen Profi sind die beiden ein- und dasselbe - wir für den Buchhändler an der Ecke. Wenn er seinen Laden verliert, ist er entweder raus aus dem Geschäft oder er muss sich einen neuen Verkaufsraum suchen.

Für die meisten von uns Spielern ist es jedoch ganz anders. Unsere Bankrolls sind viel dehnbarer, denn sie werden ja letztlich extern gespeist.

Der typische Freizeit-Onlinespieler geht wie folgt vor: Man kauft sich für X Dollar ein und hat damit ein „Spielkonto" zur Verfügung. Verliert man das Geld, klilackt amn auf den Deposit-Button und schwupps! - da ist neues „Spielgeld". Live funktioniert das genauso, nur der Button ist ein Schalter im Vorraum.

Wie hoch das Startgeld sein sollte oder welches Level Sie spielen, wie viel Sie verlieren können, ohne das es weh tut, wann Sie auf ein höheres Limit umsteigen sollten, wenn Sie beginnen zu gewinnen, wann Sie Geld auszahlen sollten - diese und viele weitere Fragen können nur Sie selbst beantworten.

Nur Sie können sie beantworten, und das auch nur für sich selbst.

Mein Rat an Sie? Ich greife da auf einen alten Satz zurück: „Erkenne dich selbst." Finden Sie heraus, welches Risikoniveau Sie psychologisch problemlos verkraften können und wo Ihre Komfortzone liegt. Dafür ziehen Sie auch Parameter wie Ihr Alter, Ihre sonstigen Verantwortlichkeiten und Ihr „normales" Einkommen heran.

Bankroll-Management ist eine knifflige Angelegenheit, und auch eine sehr persönliche. Ich selbst freue mich nur selten über Ratschläge von anderen.

Damit komme ich zum Ende. Ein Großteil der Strategie, über die ich hier gesprochen habe, eignet sich mehr für Cash Games als für Turniere, dessen bin ich mir bewusst. Außerdem habe ich mehr Wert auf Live- als auf Online-Spiel gelegt.

Im Übrigen habe ich mich auf Hold'em konzentriert. Der Platz war begrenzt, und das gilt, wie ich vermute, auch für Ihre Geduld.

In dieser Serie:

  1. Das Spiel auf dem Flop (1/6): Simple Psychologie
  2. Das Spiel auf dem Flop (2/6): Jetzt wird's kompliziert
  3. Das Spiel auf dem Flop (3/6): Der Naked Raise
  4. Das Spiel auf dem Flop (4/6): Der "Sunk-Cost-Effekt"
  5. Das Spiel auf dem Flop (5/6): Was glaubt er, was ich habe?
  6. Das Spiel auf dem Flop (6/6): Erkenne dich selbst

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