Das Spiel auf dem Flop (5/6): Was glaubt er, was ich habe?

Poker player

Okay Jungs, denken wir noch ein bisschen über das Spiel nach dem Flop nach. Heute geht es hauptsächlich um Testosteron. Tja, da müsst Ihr jetzt durch.

Ich bin nicht sicher, woran es liegt. Vielleicht daran, dass ich gestern ein paar Fische ausgenommen habe und mich deshalb so stark fühle. Fangen wir jedoch mit dem Offensichtlichen an:

Man braucht Nerven aus Stahl. In fast jedem Wettbewerb bringt Aggression Vorteile mit sich.

Einer meiner Lieblingssprüche stammt von dem hochverehrten Mike Caro: „Aggressivität ist in Poker selten ein Fehler, und wenn es einer ist, ist es kein großer."

„Nerven aus Stahl" zu haben bedeutet aber nicht zwangsläufig nur Aggressivität. Jeder Sozialwissenschaftler wird bestätigen, dass blindes Angreifen irgendwann von einem taktischen Schachzug ausgekontert wird.

Aggressivität zieht ihre Vorteile nicht daraus, dass man damit einzelne Pots gewinnen kann, sondern vielemehr aus ihrer Bedeutung für das Spiel auf Meta-Ebene. Wenn Sie als aggressiver Spieler bekannt sind, löst ds in Ihren Gegnern zwei Emotionen aus: Furcht und Verwirrung.

Ab und zu müssen Sie eben nicht nur einmal, sondern zwei oder drei Mal feuern. Oder Sie spielen, als ob Sie ein Set gefloppt hätten, obwohl Sie gar nichts haben.

Tom Dwan
Dwan - Meister der Furcht und Verwirrung.

Manchmal wird das funktionieren, manchmal nicht.

Ihre Varianz wird dadurch steigen. Wenn Sie damit fertig werden, sehr schön, denn richtig angewandt wird Ihr Profit auch steigen.

Aggressivität ist situationsabhängig. Das ist eine logische Konsequenz des obigen Arguments. Es gibt eine Reihe von Situationen, in denen Ihre Karten praktisch irrelevant sind. Das hört sich zwar übertrieben an, ist es aber oft nicht.

Ein Nit limpt UTG und ein schwacher, vorsichtiger Spieler callt aus mittlerer Position. Hier ist ein Raise obligatorisch. Ihre Hand spielt dabei keine Rolle, wohl aber die Höhe des Raises, und diese wird wiederum davon abhängen, welche Position Sie spielen und wie Sie die Situation einschätzen.

Kurz gesagt, konzentrieren Sie sich und kontrollieren Sie die Aggressivität. Blinde Angriffslust ist am Pokertisch nicht effizient. Besonnene, unvorhersehbare Aggressivität funktioniert am besten.

Greifen Sie gute Spieler an. Jawohl, Sie haben richtig gelesen. Attackieren Sie die soliden Spieler häufiger als die schwachen.

Mein Standardrat lautet, jagen Sie die Fische, verstören Sie die Ängstlichen, stellen Sie den Maniacs Fallen und schüchtern Sie die Schüchternen ein. Daran ist nichts Falsches, aber meistens ist es gar nicht notwendig, die fischigen Gegner zu attackieren.

Die machen ihre Fehler nämlich, ohne dass Sie sie dazu bringen müssen.

Wenn Sie in der Stimmung für ein bisschen Risiko sind, werden Sie die größten Profite aus geschickt angelegten Angriffen auf starke Spieler ziehen, vor allem dann, wenn diese Sie nicht kennen und keinen Read auf Sie haben.

Ein starke Spieler wird viel eher eine gute Hand weglegen können als ein schwacher. Die Chance ist viel größer, dass ein Bluff gegen einen Topspieler funktioniert als gegen einen Gelegenheitsspieler.

Day 1b
Der Standardrat lautet, folgen Sie den Fischen, aber geschickte Angriffe auf gute Spieler zahlen sich aus.

Die Fische werden nämlich bezahlen, weil sie nicht geblufft werden wollen oder weil sie sehen wollen, womit Sie eigentlich erhöht haben. Solide Spieler achten stärker darauf, ihre Stacks zu behalten.

Spiele Sie auf Level 3. Level 1: meine Hand. Level 2: Mein Read auf die gegnerische Hand. Level 3: Mein Read darauf, was mein Gegner von mir denkt.

Solide Spieler wissen, dass sie genau so spielen müssen. In einer Drucksituation tendiert man jedoch schnell dazu, auf Level 2 zurückzufallen und nicht weiter zu denken als „auf welche Range kann ich ihn setzen?"

Häufiger (als Sie sich vorstellen können) ist die wichtige Frage jedoch, „was glaubt er, was ich habe". Sie bestimmt seine Handlung.

Stakebasierte Entscheidungen. Wie die Regel oben ist auch diese ganz einfach, wird aber in der Hitze des Gefechts schnell vernachlässigt.

Sehen wir uns ein paar Beispiele dazu an, wenn die Stakes den Erwartungswert des „Standardspiels" beeinflussen.

Niedrige Stakes. Hier spielen die meisten Spieler einfach ihre Karten. Sie sind für Steals empfänglich, wenn sie den Flop nicht treffen, und sie können ausgespielt werden, wenn sie ihn ein bisschen treffen.

Die Textur des Boards ist hier besonders wichtig. Aber vorsichtig, denn wenn die Spieler aich auf solche Moves einstellen, verliert man schnell seinen Vorteil.

Mittlere Stakes. Hier bestimmt die Position alles. Standardspielzüge sind weniger effektiv, weil sie oft gekontert werden. Bleiben Sie unberechenbar. Lassen Sie die Gegner im Unklaren.

Je mehr sie raten müssen, desto mehr Fehler begehen sie.

High Stakes. Hier werden Sie ein paar Züge im Repertoire haben müssen, die auf niedrigeren Levels normalerweise nicht vorkommen.

Peter Eastgate
Wo ist das psychologische Element nach dem Flop? Es ist überall!

Spieler gehen mit einer großen Range von Händen in den Pot. Sie arbeiten vor allem daran, nicht gelesen werden zu können und ihre Gegner zu überraschen. Strategie und Gegenstrategie stehen sich gegenüber.

Um sich darauf einstellen zu können, sehen Sie sich am besten ein paar Beispielhände an, die hier immer wieder in den Nachrichten vorgestellt werden. Außerdem sollten Sie so oft wie mögich ernsthafte Pokersendungen wie High Stakes Poker, Poker after Dark oder auch die German High Rollers im Fernsehen ansehen.

Strategische Winkelzüge, die hier funktionieren, werden auf niedrigeren Levels scheitern.

Worin liegt also die Psycholgie dieser Spielzüge? Sie sind Psychologie.

Praktisch jeder Hinweis, den Sie hier über das Post-Flop-Spiel finden, macht sich ein psychologisches Prinzip zunutze, sei es Einschüchterung, Aggressivität, Ego, Selbstbewusstsein, Zögerlichkeit, Angst, Verwirrung, Entscheidungsfindung.

Je mehr Sie über Psychologie wissen, desto besser wird Ihr Spiel.

Im letzten Teil der Serie kümmern wir uns um Emotionen und Finanzen.

In dieser Serie:

  1. Das Spiel auf dem Flop (1/6): Simple Psychologie
  2. Das Spiel auf dem Flop (2/6): Jetzt wird's kompliziert
  3. Das Spiel auf dem Flop (3/6): Der Naked Raise
  4. Das Spiel auf dem Flop (4/6): Der "Sunk-Cost-Effekt"
  5. Das Spiel auf dem Flop (5/6): Was glaubt er, was ich habe?
  6. Das Spiel auf dem Flop (6/6): Erkenne dich selbst

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