Das Spiel auf dem Flop (1/6): Simple Psychologie

Gavin Smith
Gavin Smith sieht sich gerne Flops an und ist ein großer Fan des flat Call.

Normalerweise beziehe ich mich hier auf die allgemeinen psychologischen Elemente des Spiels. Jetzt werden wir einen etwas anderen Ansatz wählen und vertiefen.

Wir konzentrieren uns in der folgenden Serie auf die psychologischen Faktoren, die der komplexen Strategie des Post-Flop-Spiels zugrunde liegen - insbesondere in No Limit Hold'em.

In vielen Pokerbüchern, die ich gelesen habe, wird großer Wert auf die Analyse und Strategie für das Spiel vor dem Flop gelegt.

Das ist verständlich und auch sehr vernünftig. Eine solide Pre-FlopStrategie verhindert viele Probleme von vorneherein und begrenzt außerdem die Zahl schwieriger Entscheidungen auf dem Flop.

Wer eine solche Strategie beherrscht, kann meiner Meinung nach allein deswegen schon ein Winning Player sein - oder zumindest jemand, der nicht viel verliert.

Es ist erstaunlich, wie viele regelmäßige Spieler sich dessen nicht bewusst sind.

Die besten Strategieanalysen untersuchen jedoch die Nuancen, die gutes von schlechtem Spiel auf bzw. Nach dem Flop unterscheiden. Auf den höheren Levels ist in letzter Zeit ein neues Phänomen zu beobachten. Dabei empfehlen viele gute Spieler, die grundlegenden Regeln guten Pre-Flop-Spiels absichtlich zu brechen.

Der Grund dafür ist ebenso einfach wie treffend. Wenn man ein guter Post-Flop-Spieler ist, will man so viele Hände spielen wie möglich. Warum? Weil sie auf dem Flop Situationen erleben, in denen sie sich noch wohlfühlen, aber ihre Gegner nicht mehr.

Ein Experte des Post-Flop-Spiels spielt Flops einfach profitabler.

Beginnen wir mit einem Überblick über die fundamentalen Elemente des Post-Flop-Spiels. Wir werden sie nicht in allen Einzelheiten behandeln, sondern nur ein paar Grundlagen ansprechen. Jeder Spielzug würde eine tiefere Analyse verdienen, als hier Platz dafür zur Verfügung steht, aber ich werde auf jeden Fall versuchen, Sie etwas nachdenklich zu machen.

Anmerkung: Manhche Strategien sind für Cash Games eher relevant als für Turniere und umgekehrt. Ich unterscheide zwischen diesen hier nicht explizit, es sei denn, es ist absolut notwendig. Im Allgemeinen ähnelt sich gutes Post-Flop-Spiel aber in beiden Disziplinen.

Vince Vaughn
Je später Sie agieren, desto looser können Sie spielen.

Position ist das A und O, der Durchmarsch und die stille Hochzeit zusammengenommen.

Machen Sie sich zu allem, was Sie hier in der Folge lesen, diese Gedächtnisnotiz: je nach Position. Je später Sie agieren müssen, desto looser werden Sie und desto größer wird Ihre Wahl der Möglichkeiten. Man kann diesen Punkt gar nicht oft genug betonen.

Die Standardregel lautet, dass die Position vor dem Flop wichtiger ist als danach. Das ist natrülich grundsätzlich richtig, aber man muss sich auch überlegen, welche Konsequenzen das Post-Flop-Spiel je nach Position auf dem Flop nach sich zieht.

Auf dem Flop als erster an der Reihe zu sein, ist immer etwas unangenehm und bringt oft Probleme mit sich. Sie entstehen hauptsächlich durch die verschiedenen Aktionen, die die Gegner danach noch vornehmen können.

Je später Sie an der Reihe sind, desto weniger Probleme werden Sie haben ... und wenn wir etwas aus der Psychologie genau wissen, dann dass die Fehlerquote analog zur Zahl der möglichen Probleme sinkt.

Aggressivität ist nicht alles

Dass die besten Post-Flop-Spieler besonders aggressiv sind und ihre Gegner ständig aus der Hand drängen, ist ein Mythos. Im besten Fall ist es eine Vereinfachung der Gegebeneheiten, denn Timing, Reads und das Board spielen dabei wichtige Rollen.

Mike Caro
Das verrückte Genie.

Mike Caros Motto („Aggressivität ist selten ein Fehelr, und wenn es doch einer ist, dann ist es kein sehr großer.") gilt auch weiterhin, und aggressive Spieler werden immer einen Vorteil haben, aber die Aggressivität muss sich nach der Position richten, nach dem Spielniveau am Tisch, nach der Zahl der Spieler in einer Hand usw.

Wer einfach nur aggressiv spielt, läuft irgendwann in die Falle eines aufmerksamen Gegners. Spielen Sie also selektiv aggressiv.

Aggressivität ist auch eine Frage des Geschlechts (das ist kein Vorurteil, also auch nicht politisch inkorrekt). Untersuchungen belegen, dass Männer grundsätzlich ehrgeiziger sind als Frauen, auch beim Pokern.

Frauen, die sich diesen Umstand zunutze machen, sind offensichtlich im Vorteil.

Ein Fold ist keine Schande

Wer viele Flops sieht, erkennt, dass er diesen meistens verpasst oder nur marginal trifft. Man muss wisen, wann es Zeit ist, aufgzugeben und die Verluste zu minimieren.

Chips, die man nicht verliert, sind gewonnene Chips. Aqls Psychologe beobachtete ich immer wieder fasziniert, wie viele erfahrene Spieler nicht in der Lage sind, diesen Punkt zu verinnerlichen.

Auch hier kommt wieder das Geschlecht ins Spiel. Folds werden gerne als schwächlich und unmännlich angesehen. Wer mehrfach Hände gegen mittlere Bets aufgibt, gerät leicht in den Ruf, ein Weichei zu sein.

Keine Sorge. Sollten Ihre Gegner fälschlicherweise so denken, ist das Ihr Vorteil.

Es ist auch keine Schande, mehrfach gegen denselben Spieler aufzugeben. Allzu leicht verwickelt man sich in ein Privatduell gegen einen einzelnen Gegner.

Jemand drängt Sie zwei oder dreimal aus einer Hand. Das verletzt das Ego. Sie sind verärgert und versprechen sich, diesen Typen noch zu erwischen.

T.J. Cloutier
Ein Fold macht keinen zum Weichei.

Fast immer ist dieser Gedanke ein großer Fehler, der meistens sehr unangenehme Konsequenzen hat: Man lässt sich nämlich mit schlechten Händen ohne Position in Hände verwickeln, bezahlt zu viele Bets und Raises, die man besser nicht bezahlt hätte und - die schlimmste Konsequenz - man achtet nicht mehr aufmerksam genug auf die anderen Spieler am Tisch.

Natürlich kann man versuchen, Spieler zu isolieren, die auf dem Flop schächer sind, aber es gilt unbedingt, das eigene Ego im Zaum zu halten.

Vermeiden Sie Coin Flips

Man sollte nicht viele Chips riskieren, wenn der Zufall entscheidet, vor allem dann nicht, wenn man eigentlich tatkisch besser ist als der Gegner.

Ich weiß, ich weiß. Coin Flips haben einen leicht positiven EV (man bekommt theoretische 50:50 Chancen und das zusätzliche, von anderen Spielern gesetzte Geld wird geteilt), aber auf lange Sicht ist das nicht der Fall, denn manchmal bekommt man eben keinen Coin Flip, sondern ist dominiert.

Wenn Sie eine dieser Hände verlieren, müssen Sie eine Menge dieser kaum profitablen Coin Flips gewinnen, um den Verlust wieder wettzumachen.

Wenn Sie auf dem Flop besser spielen als Ihre Gegner, sollten Sie sich nicht auf Glück verlassen. Vielmehr schaffen Sie nach Möglichkeit Situationen, in denen Sie Ihren Vorteil ausspielen können.

Das ist einfache Psychologie ... und noch einfachere Spieltheorie.

In dieser Reihe:

  1. Das Spiel auf dem Flop (1/6): Simple Psychologie
  2. Das Spiel auf dem Flop (2/6): Jetzt wird's kompliziert
  3. Das Spiel auf dem Flop (3/6): Der Naked Raise
  4. Das Spiel auf dem Flop (4/6): Der "Sunk-Costs-Effekt"
  5. Das Spiel auf dem Flop (5/6): Was glaubt er, was ich habe?
  6. Das Spiel auf dem Flop (6/6): Erkenne dich selbst

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