Burnout-Kids gegen Robusto-Rentner

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25 Februar 2011, Von: Christian Henkel
Geposted in: The Hand
Burnout-Kids gegen Robusto-Rentner

Sie kamen, sahen, siegten – und scheinen nun schon völlig ausgebrannt. Die Poker-Generation Online hat die vergangenen fünf Jahre bestimmt und dabei das Spiel komplett auf den Kopf gestellt. Nun jedoch hört man immer häufiger Klagen über anhaltende Downswings, Pokermüdigkeit und Rücktrittsgedanken. Im Gegensatz dazu scheint es der Generation Live-Poker immer noch richtig gut zu gehen. Phil Ivey, Patrik Antonius, Gus Hansen – alle noch da. Längere Pausen ja, aber von Depressionen und Rücktritt ist nichts zu hören. Sind die in den Live-Games gestählten Pokerspieler am Ende besser auf das Leben eines Gamblers eingestellt? Sind sie robuster, wenn es darum geht den harten Seiten des Geschäfts ins Auge zu blicken? Diesen Fragen werden wir in diesem Blog nachgehen.

Teil I – Die Situation der BURNOUT KIDS

Die EPT Kopenhagen läuft und mal wieder ist der Name Peter Eastgate in aller Munde. Wird er spielen und ist das dann als Rückkehr in die Arme der Poker-Community, quasi als Rücktritt vom Rücktritt zu verstehen? Ob EPT Kopenhagen oder nicht, ob Rückkehr oder Rücktritt – die Diskussion um den Abgang eines der erfolgreichsten Pokerspieler der vergangenen Jahre hat vor allem eine Frage befeuert: wird die Generation Online-Poker müde? Haben die 18 bis 25-Jährigen genug vom stundenlangen Grinden, von Red Bull und Pizza-Schachteln, von einem sinnentleerten Leben, was sich um nichts anderes dreht, als um ein Kartenspiel? Im ersten Teil findet ihr nun eine Chronologie aus Lamentos und Verzweiflungen, aus Rückzügen und reumütigen Comebacks.

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Shaun Deeb - "Ich hasse, was aus mir geworden ist."

November 2009 – Shaun Deeb hat Poker-Burnout

Der heute 25-jährige Amerikaner Shaun Deeb hat nie halbe Sachen gemacht. Er hat gerade auf dem Gebiet der Multi Table Tournaments einige Rekorde aufgestellt, die wohl kaum noch zu schlagen sein werden. Und er war im November 2009 der Erste, der so etwas, wie einen Poker-Burnout zugab.

 

Im 2+2-Forum las sich das wie folgt: „Ich bin ausgebrannt. Ich hasse diese Turniere. Ich bin fertig mit ihnen. Den Rest des Jahres nutze ich, um mich hoffentlich zu erholen und mache etwas anderes. Poker war eine Zeitlang gut für mich, doch nun hasse ich, was aus mir geworden ist.“

 

Nur einen Tag später relativierte Shaun Deeb seine Aussage ein wenig: „Leute, ich höre nicht auf Poker zu spielen, ich spiele nur keine Turniere mehr. Ich weiß ich hab viele von euch da mit reingezogen und motiviert, aber ich hab all meine Motivation verloren und ich glaube nicht, dass sie so bald wiederkommen wird. Es gibt nur wenig, das ich MTTs in Zukunft abgewinnen kann.“

Wirklich ernst nahm die Aussage zu diesem Zeitpunkt niemand. Immerhin war Deeb seit 2006 einer der aktivsten Online-Turnier Spieler der Welt. Aus seinen ersten $30 hatte er innerhalb von nur zwei Wochen $33.000 gemacht. Mittlerweile stehen 4 Millionen Dollar als Gewinn zu Buche. Finanziell hat sich das Investment Deebs gelohnt. Doch wer innerhalb von drei Jahren 22.000 Turniere spielt (davon 200 gewinnt), bis zu 30 Tische gleichzeitig aufmacht und immer häufiger 30 Stunden-Sessions durchzieht, muss irgendwann die weiße Flagge heben.

Mittlerweile ist Shaun Deeb zum Poker zurückgekehrt. Im laufenden Jahr hat er bereits  drei große Online-Turniere gewonnen (Full Tilt „Double Guarantees Week“: 1.) $75k Guarantee, 2.) $1k Monday Tournament, $312.610 3.) $100k Guarantee, $60.845). Allein bezüglich dieser drei Siege kann man sich vorstellen, dass der MTT-Spezialist sich wieder alten Frequenzen nähert. Der Junkie fiebert seinem nächsten Zusammenbruch entgegen. Und wir können uns demnächst wieder über eine Burnout-Meldung im 2+2-Forum freuen.

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Mike McDonald - "im Leben etwas Richtiges erreichen".

April 2010 – Mike Timex McDonald will „etwas Richtiges erreichen“

Als der Kanadier Mike Timex McDonald 2008 die EPT in Dortmund und damit über eine Million Dollar gewann, war er mit 18 Jahren der jüngste EPT-Champ (und wahrscheinlich auch der jüngste Gewinner eines internationalen Major-Turniers) aller Zeiten. Zwei Jahre später schreibt er einen mittlerweile legendär gewordenen Blog bei  cardrunnners.com., dass er genug habe vom Poker , er unerfüllt sei und „im Leben etwas Richtiges“ erreichen wolle.

Kurz zuvor hatte McDonald noch mal die Höhen und Tiefen eines Gambler-Lebens voll ausgekostet. Bei der EPT in Deauville war er Dritter geworden und hatte 300.000 Dollar eingeladen. Wenig später soll er vor allem in Live-Cash Games immense Summen (bis zu 1,3 Millionen Dollar an einem Abend) verloren haben. In seinem Statement mit dem Namen “Where to go from here” zeigte Timex dann die volle Dimension seiner Sinnkrise.

Neben einem Dutzend Gründen, mit Poker aufzuhören, gab Mike allerdings auch ehrlich zu, nicht zu wissen, in welche Richtung sein zukünftig pokerloses Leben eigentlich gehen soll. Und so war es nur eine Frage der Zeit, bis sich auch beim Kanadier die alte Weisheit „You don’t quit poker, poker quits you“ bewahrheitete. Mike Timex McDonald spielt also wieder und wir müssen auf tiefer gehende Lebenserfahrungen seinerseits noch ein wenig warten.

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Peter Eastgate - "Motivation verloren."

Juli 2010 – Peter Eastgate kehrt seinem alten Leben den Rücken

Kaum ein junger Poker Pro hat in den vergangenen zwei Jahren solch große Erfolge im Live-Poker vorzuweisen, wie der Däne Peter Eastgate. 2008 wurde er jüngster Pokerweltmeister aller Zeiten und gewann 9 Millionen Dollar. Bei der PCA 2009 gewann er das $4.800 Turnier und bei der EPT in London wurde er Zweiter. Und dann ließ er im Sommer 2009 die Bombe platzen. Er werde mit dem professionellen Pokern komplett aufhören. Es wäre nie als Langzeitbeschäftigung geplant gewesen, sondern sollte lediglich die finanzielle Grundlage für sein zukünftiges Leben bieten.

In seinem offiziellen Statement zum Rücktritt hieß es: „In den 20 Monaten nach meinem WSOP-Sieg habe ich meine Motivation, Poker auf dem höchsten Level zu spielen, verloren. Daher habe ich mich entschieden, dass es Zeit ist, um herauszufinden, was ich mit dem Rest meines Lebens anstellen möchte.“

Eastgate fühlte sich so ausgebrannt, dass er sogar die WSOP sausen ließ und lieber mit Freunden zur Fußball WM nach Südafrika flog.

Seine Müdigkeit am Poker hatte Eastgate nach Meinung vieler Beobachter vor allem an den Online-Pokertischen gezeigt.  So sei er nach großen Live-Siegen immer auf den höchsten  Limits der Heads Up – Sit & Go`s durchgedreht, hätte sich auf den $25/ $50 Tischen mit weit überlegenen Regulars angelegt und hätte dabei Unsummen verloren.

Februar 2011 – Peter Eastgate kehrt an den Pokertisch zurück

Nachdem der Däne im November 2010 mit der Begründung „es fängt nur Staub und ich trage eh keinen Schmuck ...“ sein Bracelet versteigert hatte, kehrte er im Februar an die Tische zurück. Grund: er hatte eine Einladung zur prestigeträchtigen NBC National Heads-up Championship (4.-6.März) erhalten. Und die EPT Kopenhagen ist für einen Dänen sozusagen Pflicht.

Dennoch will Eastgate seine Rückkehr nicht als Comeback gelten lassen: „Ich habe immer gewusst, dass die Chance groß ist, dass ich einmal wieder spielen werde“, ließ er verlauten.  „Nach der WSOP 2008 wurde ich von einer Lawine erfasst, in der ich mich selbst verlor. Ich habe die letzten acht Monate genutzt, um wieder Zeit mit meinen Freunden zu verbringen, und was noch wichtiger ist, mit meiner Familie.“

„Ich spiele wirklich gerne Poker. Ich mag den Wettkampf und die mentalen Elemente von Poker. Ich halte es für wichtig, mich als Person weiterzuentwickeln, und ich hatte das Gefühl, als wenn die Richtung nicht mehr stimmte. Nachdem ich mir die Zeit genommen habe, um über die Zukunft und mein Leben nachzudenken, weiß ich nun, wie ich Poker und ein Leben außerhalb von Poker miteinander vereinbaren kann.“

Ein ehrliches und kluges Statement des jungen Dänen. Falls er in Zukunft seine Sinnkrisen für sich behält, könnte er ein noch recht langes Gambler-Leben vor sich haben.

Phil Galfond
Phil Galfond - "böser Downswing".

Februar 2011 – Phil Galfond erlebt den größen Downswing seiner Karriere

Phil Galfond ist einer der erfolgreichsten Online-Profis überhaupt. Er hat eine eigene Coaching Site und er gilt als einer der führenden Poker-Theoretiker seiner Generation.  Und er lässt die Poker-Community an seinen Depressionen teilhaben.

Schon Mitte 2009 zeigte er das erste Mal Nerven und ließ in einem Blog tief blicken: „Ich habe mit verschiedenen Varianz-Rechnern herumgespielt und bin zu der Überzeugung gekommen, dass ich bei der möglichen Varianz auf den höchsten Limits den erfolgreichen Long-Run von fünf oder mehr Jahren nicht erlebe. Es entmutigt mich, wenn ich daran denke, dass ich so wenig Kontrolle über meine monatlichen Ergebnisse habe.“

Im Januar meldete sich Galfond dann mit einer Spur mehr Optimismus aus seiner einsamen New Yorker Penthouse-Wohnung. „Hallo Freunde, wie viele von euch wissen, habe ich derzeit einen ziemlich bösen Downswing. Genau genommen den größten meiner Karriere. Meines Wissens beträgt er aktuell 1,7 Millionen Dollar Minus“, ließ er seine Fanschar wissen.

Vor allem in den exotischen Varianten, wie 2-7 Triple Draw müsse er sich ernsthaft überlegen eine größere Pause einzulegen oder auf niedrigeren Limits sein Spiel zu verbessern.

Ilari Sahamies
Ilari Sahamies - "f***ing done with poker".

Februar 2010 – Ziigmund f***ing done with poker

Richtig übel erwischet es neben Phil Galfond auch Ilari Ziigmund Sahamies. Der hatte auf den Nosebleed Limits innerhalb von zwei Jahren 7,5 Millionen Dollar gewonnen und zwischen Oktober 2010 und Februar 2011 fast alles wieder verloren.

Auf seiner Facebook-Seite stand dann Ende Januar zu lesen: „I'm f***ing done with poker, sickest downswing ever. Basic downswing, not in the mood for playing, but still playing, whatever :)“

Bereits Ende Januar nahm Ziigmund in seinem Blog zu seiner Niederlagenserie Stellung und schrieb Folgendes:

„Das neue Jahr angefangen, aber es begann in puncto Poker so, wie das alte endete. Ich bin momentan völlig pokermüde. Ich spiele sehr schlecht, habe aber auch unglaublich viel Pech. In den letzten drei Monaten habe ich nicht einmal zwei Gewinn-Sessions in Folge erlebt, das ist doch absurd. Einen Monat lang habe ich Urlaub in Thailand gemacht, das war sehr schön. Ich spielte dort ein wenig Poker und verlor natürlich, allerdings nur etwa 70.000 Dollar. Das ist okay…Vor zwei Tagen kam ich nach Finnland zurück und spielte gestern ein wenig. Gegen jungleman12 war ich am Gewinnen, aber dann kam wieder ein Pot, der sehr gut zeigt, wie es mir momentan ergeht. Natürlich habe ich mein schlechtestes Poker gezeigt, aber ich hatte auch furchtbares Pech. Da mir Poker keinen Spaß mehr macht, sollte ich vielleicht aufhören. Vielleicht kann ich nicht mehr pokern, hoffe aber, dass ich eines Tages wieder zurück bin. Vielleicht sollte ich ein paar Wochen 25/50 oder niedriger spielen, aber ob ich das kann… Schauen wir mal, viel Glück Euch allen.“

Ähnlich wie Ziigmund, Galfond und Eastgate scheint es mittlerweile vielen ebenfalls sehr erfolgreichen Spielern der Online-Generation zu gehen. Sie sind überspielt, sie wissen mit ihrem Leben außerhalb des Poker nichts anzufangen, sie haben keine Ahnung was sie in ihrem weiteren Leben noch anstreben sollten. Und sie lassen per Blogs und Emails, per Facebook oder Twitter die Welt an ihren Problemen teilhaben.

Wie aber gehen ihre großen Vorgänger mit der Herausforderung Poker um? Was die Generation Hansen, Negreanu, Ivey anders macht und warum sie von Sinnkrisen scheinbar verschont bleiben, lest Ihr im zweiten Teil DIE WEISHEITEN DER ROBUSTO-RENTNER.

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