Brunson und Greenstein über Full Tilt Poker

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"Spieler sind keine guten Geschäftsleute."

Während die Pokerwelt weiter darüber rätselt, wie die Geschichte um FTP ausgehen wird, wundern sich erfahrene Profis über die Diskrepanz zwischen dem Ruf und den Anschuldigungen gegen Howard Lederer und Chris Ferguson.

Der Großteil der Poker Community bildet seine Meinung basierend auf dem, was er in den Medien gelesen oder im TV gesehen hat. Aber es sind derzeit auch Pokerprofis in Europa, die die beiden persönlich kennen.

Zu denen, die zu einer tiefer gehenden Einschätzung in der Lage sind, gehören Doyle Brunson und Barry Greenstein.

Am Rande der EPT in London sprachen wir mit den beiden großen Männern der Pokerszene.

„Ich bin völlig überrascht, denn ich kenne Howard seit Jahren und hielt immer eine Menge von ihm“, sagt Doyle Brunson. „Ich sah ihn immer als Mann mit ethischen Grundsätzen, und ich sage mir bis heute, dass er nicht gewusst haben kann, was vor sich ging.“

In der erweiterten Anklage führen die Justizbehörden aus, dass Lederer zwischen April 2007 und April 2011 mindestens $41 Mio. kassiert hat. Ferguson soll in derselben Zeit $25 Mio. erhalten haben.

Während FTP seinen Besitzern in diesen Jahren insgesamt $443 Mio. überwies, schlitterte das Unternehmen schon in der Zeit vor dem Schwarzen Freitag in die Insolvenz.

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Wie können intelligente Menschen ein Unternehmen einfach in die Insolvenz treiben?

Als die Spielergelder auf den FTP Accounts sich im März 2011 auf $390 Mio. beliefen, verfügte FTP nur noch über $60 Mio. Laut Anklage der Staatsanwaltschaft traf das Unternehmen in diese Zeit Maßnahmen, um über die mangelnde Liquidität hinwegzutäuschen.

Niedrige Beweggründe oder schlechtes Management?

Barry „Robin Hood“ Greenstein kennt Lederer und Ferguson schon seit vielen Jahren. Er hat seine eigene Vorstellung davon, was zu der verfahrenen Situation geführt hat.

„Nehmen wir mal an, ein bestimmter Manager, und besonders häufig fällt der Name Ray Bitar, möchte verhindern, dass irgendjemand von den finanziellen Problemen erfährt. Also müssen die „Dividenden“-Zahlungen weitergehen“, erläutert Greenstein.

„Ich bin davon überzeugt, dass es nicht ihr Plan war, von den Spielern zu stehlen, aber als es dann zum Black Friday kam, war das für alle der ungünstigste Zeitpunkt.“

FTP hat seit diesem Tag mehrere Pressemitteilungen herausgegeben, in denen Gründe für den Absturz des Unternehmens aufgeführt werden, darunter eingefrorene Konten, Probleme mit Zahlungsdienstleistern und schlichter Diebstahl.

Hinzu kamen die Phantomgelder, die FTP seinen Spieler gutschrieb, ohne sie von deren Bankkonten abzuziehen, um die Spieler nicht an Konkurrenten zu verlieren.

Da das Unternehmen nicht mehr in der Lage war, alle Spieler auszuzahlen, musste es seine Insolvenz unter allen Umständen geheim halten. Das bedeutete, auch die Eigner im Unklaren zu lassen.

Um Zahlungen (vor dem Schwarzen Freitag) sowohl an die Eigentümer als auch an einzelne Spieler weiter gewährleisten zu können, mussten kontinuierlich neue Spieler mit neuen Guthaben angeworben werden. Die Staatsanwaltschaft verglich diese Vorgehensweise mit einem Pyramidenspiel.

„Die meisten im Team Full Tilt sind Freund von mir, und davon wusste der Großteil garantiert nicht, was eigentlich hinter den Kulissen geschah“, vermutet Greenstein. "Die Frage ist, wann sie herausfanden, was eigentlich das Problem war."

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Barry Greenstein ist von den guten Absichten von Lederer und Ferguson überzeugt.

Doyle Brunson schließt sich der Meinung Greensteins an, dass wahrscheinlich beste Absichten bestanden, aber grobe unternehmerische Fehler gemacht wurden:

„Ich weiß, dass die Kontrollen und Sicherungen nicht funktionierten, aber das ist für mich als Gambler verständlich, denn ich habe in jedem Unternehmen, an dem ich beteiligt war, falsche Entscheidungen getroffen. – Spieler sind einfach keine guten Geschäftsmänner.“

Trägt die Regierung eine Teilschuld?

Die US-amerikanische Regierung, auch da sind sich Greenstein und Brunson einig, ist zwar nicht Schuld an dem, was bei FTP geschah, aber sie bereitete den Ereignissen die passende Bühne.

Indem sie die ausgelagerten Online-Pokeranbieter direkt angriff, um den UIGEA durchzusetzen, ohne dabei aber Online-Poker an sich zu verbieten, verleitete die US-Regierung die Bürger, ihr Geld in die Hände nicht-regulierter Pokerräume zu legen, deren Aktivitäten nicht oder kaum überblickt werden konnten.

Greenstein dazu: „Ich glaube nicht, dass man die Regierung für die Fehler von FTP verantwortlich machen darf, aber sie hat auf jeden Fall ein Klima geschaffen, in dem Poker keine Regulierung fand und in dem potenziell illegale Machenschaften so vereinfacht wurden.“

Und so unglaublich das Verhalten des FTP-Managements auch erscheint, es ist ebenso unfassbar, dass es der US-Regierung nicht gelang, aus der Branche Online-Poker Kapital zu schlagen, vor allem, wenn man die derzeitige wirtschaftliche Situation des Landes bedenkt.

„Es steckt eine Menge Geld in Online-Poker, und wir sollten dieses Geld nicht in anderen Ländern versickern lassen, gerade wenn der Großteil der Spieler aus Amerikanern besteht“, resümiert Greenstein. „Das Geld soll in den USA bleiben, und wir sollten Amerikaner einstellen, die sich darum kümmern.“

Doyle Brunson und Barry Greenstein werden an mehren Events der WSOP Europe teilnehmen. PokerZeit ist vor Ort und berichtet täglich live mit Live-Blogs, Interviews und Updates.

- Die Interviews führte unser kanadischer Kollege Matthew Showell

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