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Ich bin abgestürzt, pfeife finanziell aus dem letzten Loch. Gut vorstellbar, dass es dem einen oder anderen Leser schon einmal ähnlich ergangen ist und er sich in meine Situation versetzen kann. Als ich nicht einmal mehr in der Lage bin, die €200 für das Bad Oeynhausener Freeze Out aufzubringen, schrillen die Alarmglocken. Es besteht dringender Handlungsbedarf!
Eigentlich kein Wunder, dass es so weit gekommen ist.
Seit geraumer Zeit übersteigen die Ausgaben bei weitem die Einnahmen. Meine Einkünfte aus freiberuflicher journalistischer Tätigkeit sowie selbständiger Unternehmensberatung sind stark zurückgegangen, geradezu eingebrochen. Eine hohe Nachzahlung ans Finanzamt verschlimmert die angespannte Finanzlage.
Auch beim Zocken habe ich seit geraumer Zeit einen Anti-Lauf. Die leichten Überschüsse vom Turnierpoker können die massive Schieflage des Familienbudgets nicht begradigen.

Das Kürzungspotential auf der Ausgabenseite ist vollständig ausgereizt. Die Konten sind bis zum Limit überzogen, eine - weitere - Kreditaufnahme nicht opportun. Sogar mein €25.000-Auto mit einem Zeitwert von €14.000 wird verkauft, um die Privat-Insolvenz zu vermeiden und die größten Löcher zu stopfen. Fortan muss ich mich mit meinem €500 teuren Zweitwagen bescheiden. Um mehr Stauraum zu erlangen und das Gewicht sowie den Verbrauch zu reduzieren, baue ich die komplette Rückbank aus. Urlaube und USA-Reisen sind schon lange nicht mehr drin. Sparen heißt die Devise.
Es bleibt nur eine einzige Möglichkeit, sich aus dieser Lage zu befreien.

Die Einnahmen müssen erhöht werden. Dies geht realistischerweise jedoch nur durch Aufnahme einer regelmäßigen Arbeit.
Da bietet sich im Stellenteil der Lokalzeitung eine viel versprechende Möglichkeit: Mitarbeiter für die Abteilung Öffentlichkeitsarbeit / Pressestelle gesucht.
Schriftlich bewerbe ich mich bei dem ostwestfälischen Möbelhersteller und werde zum Vorstellungsgespräch eingeladen.
Die Herren sind sehr an meiner Verpflichtung interessiert, erfreulicherweise stört es sie auch nicht, dass ich bereits deutlich über Fünfzig bin. Am Alter waren zuvor bereits einige andere Bewerbungen gescheitert. Und die Bezahlung wäre sehr gut. Die ganze Geschichte hat nur einen Haken: Ich soll die Firma in ihrer ganzen Komplexität kennen lernen und deshalb drei Monate in allen Abteilungen arbeiten. Produktion, Werkschutz, Entwicklung, Verkauf etc. I have no choice, willige ein und unterschreibe den Vertrag.

Nun beginnt die Ochsentour. Monotone Fließbandarbeit bei Saunatemperaturen im Schichtsystem, auch samstags. 12-Stunden-Nachtschichten vorwiegend am Wochenende im Werkschutz.
An Poker oder schreiben darüber ist in diesen Wochen nicht zu denken. Es fällt mir sehr schwer, aber ich beiße mich durch und die Zähne zusammen. Selbst den Sturz bei Dunkelheit auf einem Kontrollgang durch die Werkshallen in einen ungesicherten Kabelschacht stecke ich klaglos weg. Außer einem Schock, Stauchungen, Prellungen, großflächiger Schürf- und einiger offenen Wunden ist ja auch nichts passiert. Schon am nächsten Tag komme ich wieder zur Arbeit. „Was uns nicht umbringt, macht uns nur noch härter!" Blutblasen an den Füßen wegen neuer, nicht eingelaufener Sicherheits-Arbeitsschuhe? Lächerlich.

Verkleidung mit Jackett und Krawatte? Wat mut, dat mut.
Und weil im Leben nichts ewig währt, endet auch diese Leidenszeit irgendwann. Jetzt lande ich endlich in der Presseabteilung.
Schnell erkenne ich: ein einziger Sauhaufen! Der Chef hat null Ahnung, war früher Lkw-Auslieferungsfahrer und bekam wegen eines Bandscheibenvorfalls hier einen Schreibtisch-Job. Und weil er jeden in der Gesellschaft kennt, seit den Gründerjahren dabei ist sowie gut buckeln kann, hat er sich wie eine Schnecke hochgeschleimt.
Meine konstruktiven Verbesserungsvorschläge und innovative Ideen werden ignoriert.
Der „Chef" empfindet mich zu Recht als Bedrohung für seine Position, bekommt von der Firmenführung jedoch im von mir provozierten Konfrontationsfall den Rücken gestärkt. Das ist zuviel. Bevor ich zur Schnecke gemacht, gemobbt oder zum Mädchen für alles degradiert werde - schmeiße ich hin. Nicht heimlich, still und leise - sondern spektakulär und äußerst imageschädigend für Mr. „kann rein gar nichts, kennt aber kleine, dreckige Geheimnisse".

Ich bin jetzt zwar wieder ohne Job, habe aber meine Selbstachtung bewahrt. Bin zwar Verlierer, fühle mich moralisch jedoch als Sieger.
Das wahre Leben ist wie Poker: Du darfst mal auf die Schnauze fallen, musst aber wieder aufstehen!
Irgendwie wird's schon weiter gehen. Und die €200 für das nächste F.O. in B.O. kann ich locker bezahlen, die knapp vier Monate mit einem sehr anständigen Gehalt haben mich ein gutes Stück weit aus dem Schlamassel herausgeholt. Mein roter Corsa A ist mir ans Herz gewachsen, hat er mich doch nie enttäuscht oder gar im Stich gelassen. Was macht es da schon, wenn ich am Bielefelder Berg in den 4. Gang runterschalten muss? C U @ the tables!
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