Aufreißen - Abspritzen - Schlucken

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Aus besseren Zeiten im Casino Dortmund.

Ballermann-Partys und Entlassungen. Wie das Casino Hohensyburg den eigenen Ruf zerstört und den einer ganzen Branche schädigt.

„Das Casino Hohensyburg ist Deutschlands umsatzstärkstes Casino und eines der führenden Casinos Europas." So steht es noch immer auf den Dortmunder „City Review" Seiten. Inzwischen wird es wohl Zeit für ein Update, denn das, was sich in den letzten Monaten in dem Glücksspieltempel südlich der Westfalenmetropole ereignet hat, hat mit „führenden" Casinos nichts mehr zu tun.

„100 Stellen stehen auf dem Spiel", titelte Der Westen am 22. Juni dieses Jahres. Das Casino benötige einen Neuanfang und eine „Umstrukturierung", verlautet es aus der Chefetage. Was das bedeutet, ist offensichtlich. Sinkende Besucherzahlen, ausbleibende Stammgäste und „miese Stimmung", wie einer der Beschäftigten beschrieb, sorgen für die größte Krise seit Eröffnung des Casinos im Jahr 1985. Die Erklärungsversuche wirken bisweilen etwas hilflos. Die derzeitige Wirtschaftskrise kann zumindest ebenso wie das Rauchverbot nur ein Faktor von mehreren sein, denn die Umsätze gehen schon seit Jahren zurück. Im Übrigen betreffen diese Umstände nicht nur die Hohensyburg, sondern alle deutschen Spielbanken. Die Steuerverluste für den Landeshaushalt Nordrhein-Westfalen werden für dieses Jahr auf elf Millionen Euro beziffert.

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Keine Werbung, bitte.

In der Not sind Ideen und Konsequenzen gefragt. Als im letzten Herbst eine neue Geschäftsführung installiert wurde und im November acht Saalchefs die Hohensyburg verlassen mussten, sollte dies einen Kurswechsel signalisieren. Jetzt zeigt sich, dass das ehemalige Flaggschiff der deutschen Casinolandschaft offensichtlich die Jungfernfahrt der Titanic nachvollzieht und davon auch nicht abweicht, obwohl die Mitarbeiter schon längst „Eisberg, Eisberg" rufen. Zwar versucht man weiterhin, sich mit dem Hauch einer Kulturstätte zu umgeben, indem man den Sonntag Vormittag mit Live Musik zum „Swinging Sunday" erklärt und eine Russische Saison" mit dem bekannten Jazz-Pianisten Daniel Kramer und dem Bühnenstar Alexander Schwirndt einläutet, aber die „Rheinsirenen" hinterlassen keinen wirklich nachhaltigen Eindruck und Schwirndt trägt seine Texte merkwürdigerweise auf Russisch vor.

Ein-Euro-Partys

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Ballermann lässt grüßen.

Eine höchst seltsame Einstellung zum Krisenmanagement offenbart die Geschäftsführung jedoch mit der Einführung von „Ein-Euro-Partys", einer Geschmacklosigkeit, die selbst eingefleischte Ballermann-Fans erbleichen lässt. Hier laufen als Krankenschwestern verkleidete Mitarbeiterinnen und spritzen schamfreien Gästen Alkopops aus entfernt medizinisch anmutenden Ampullen direkt in den Mund. „Aufreißen - abspritzen - schlucken" lautet das passende Motto. Das macht Spaß, da will man dabei sein, kostet ja nur 'nen Euro. Während die Angestellten bereits befürchten, „dass die Leute denken, ich würde in einem Puff arbeiten", erklärt die Sprecherin die Ein-Euro-Partys „zu den Standard Events in unseren Häusern" und erläutert, den Gästen solle schließlich ein möglichst abwechslungsreiches Programm geboten werden. Offen bleibt hingegen die Frage, welche Art von Klientel man denn in das noble Ambiente der Hohensyburg locken möchte. Auf die Stammgäste, die inzwischen in Scharen das Casino verlassen oder ganz ausbleiben, scheint das Flatrate-Saufen für Erwachsene jedenfalls nur bedingt attraktiv zu wirken. Die Gemütslage schwankt dort eher zwischen Ekel und Fremdschämen.

Conrad Schulze, Leiter des klassischen Spiels und Erfinder der Billig-Partys, ficht dies indes nicht an: „Voll im Trend" läge man mit dem Programm, es handle sich um „ein tolles Angebot zu Schnupperpreisen". Schließlich muss das Casino zukunftsfähig werden. In den Pressemitteilungen wird die Zelebrierung pubertärer Sexualfantasien denn auch unbeirrt zur „legendären" Party stilisiert: „Denn der originelle Event genießt bei Partyfans aus der ganzen Region Kultstatus." Bei Partyfans eben, die sich gerne Alkopops aus Spritzen ... aber lassen wir das. So also sieht die Zukunft aus.

Mobbing für Anfänger

Zunehmender Realitätsverlust zeigt sich nicht nur in der Einschätzung der Situation, sondern auch im Umgang mit den Mitarbeitern. Und so ist der Stellenabbau nur der letzte in einer Reihe von Schritten, die in den letzten Monaten bereits vermehrt vor das Arbeitsgericht geführt haben. Von den oben genannten Saalchefs erstritten zwei erfolgreich die Weiterbeschäftigung. Die Reaktion der Verantwortlichen war eindeutig: Fürderhin mussten die beiden vor Gericht Siegreichen „stundenlang einen unbespielten, leere Baccaratisch bewachen", wobei Baccara bereits seit Jahren nicht mehr in Dortmund angeboten wird (Der Westen, 9. 7. 09). Das Problem der Tarifregelung soll ebenfalls nach Gutsherrenart gelöst werden: Neue Mitarbeiter erhalten schlichte Zeitverträge, die einfacher aufzulösen sind und zudem mit niedrigeren Löhnen ausgestattet werden. So löst sich das Problem von selbst, und es werden von den Mitarbeitern keine weiteren „utopischen Gehaltsforderungen" (Westspiel-Chef Horst Jann in den Ruhrnachrichten) mehr gestellt, die schon seit 13 Jahren keine Erhöhung ihres Mindestgehalts mehr erhalten haben und sich ohnehin hauptsächlich über Trinkgelder finanzieren.

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Doch doch, das war die EPT in Dortmund.

Während viele Mitarbeiter vermuten, Dortmund solle zugunsten des neueren Standorts Duisburg absichtlich ausbluten, sehen Gewerkschafter wie Andreas Elbracht von Verdi in dem Vorgehen einen anderen Plan: „Die Hohensyburg soll ein reiner Poker-Tempel werden", lautet seine Vermutung. Immerhin veranstaltet die Hohensyburg das einzige Turnier der renommierten EPT-Serie auf deutschem Boden. Doch ist dies wirklich anzunehmen, angesichts der vorherrschenden Kommentare zahlreicher Spieler, die eben bei diesem Turnier dabei waren? Von Zufriedenheit war dort nur selten etwas zu spüren, vielmehr wurde dem Casino mangelhafte Organisation (bis zu 90-minütige Verspätungen), zweifelhafte Beiprogramme (spärlich bekleidete Tänzerinnen für ein Pokerturnier), überhöhte Preise und schlechter Service vorgeworfen. Auch das totale Werbeverbot, das für zahllose Klebestreifen auf der Kleidung der Spieler sorgte und im Übrigen schwerlich mit der deutschen Rechtsprechung zu vereinbaren ist, die bekanntlich .net-Werbung erlaubt, erregte großen Unmut. Bekannte deutsche Spieler wie Katja Thater und Michael Keiner sprechen sich öffentlich gegen eine Fortsetzung der EPT im Casino Hohensyburg aus. Obwohl der Pokerboom in vielen deutschen Casinos noch immer nicht angekommen zu sein scheint und das Potenzial damit enorm ist, haben die Verantwortlichen auch hier mit untrüglichem Gespür für Fettnäpfchen den falschen Weg eingeschlagen und versucht, ein international besetztes, hochwertiges Pokerturnier mit mehreren tausend Euro Startgeld zu einer Variétéveranstaltung umzustrukturieren. Ein weitere Beleg dafür ist die eigens eingerichtete Westspiel Pokertour, bei der sich nicht nur der letztjährige Hauptpreis, ein neuer Audi R8, als keineswegs neu entpuppte, sondern die ernsthaft zu glauben scheint, mit hanebüchenen Preisen wie Raumfahrten, Amazonasexpeditionen und Tauchfahrten zur Titanic ernstzunehmende Pokerspieler anzulocken. Keine Überraschung: Bei den Qualifikationen gelten 50 Teilnehmer schon als guter Besuch. So taumelt das Casino weiter dem Abgrund entgegen.

Bisher sind Veränderungen im Gebaren der Westspielleitung nicht zu erkennen. Anfragen zu Interviews und Stellungnahmen blieben seitens des Casinos unbeantwortet. Quo vadis, Hohensyburg?

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Hannah 2011-02-16 11:18:21

SO schlimm ist es auch nicht, meine ich. Es gibt schon einige Leute dort, die kompetent und freundlich sind. Ich habe da auch gute Erfahrungen gemacht. Doch es stimmt, dass dort nicht mehr viel los ist. Nur am Wochenende, wenn jüngere Leute nach dem Kino oder der Disco kommen. Aber die bringen nicht viel Geld in die Kassen, da sie nicht oft wiederkommen. Es ist schwer für das Casino, die richtigen Kunden in grösserer Menge zu finden. Aber was soll´s? Ist mir eigentlich egal, denn ich will dort spielen und gewinnen.

Roguola 2011-02-15 04:29:43

Hat ja auch seinen Grund, warum die Spieler geradezu danach geschrien haben, endlich nicht mehr zur EPT nach Dortmund zu müssen.

Nur ein Gast 2011-02-14 09:52:14

Ja, da habt Ihr absolut Recht. Das Casino Hohensyburg ist ein Beispiel für den stufenweisen Niedergang eines einstmals gesunden Unternehmens. Mitarbeiter dort besitzen oft keine Kompetenz zum modernen, motivierenden Umgang mit Kunden. Und jede Stelle, an welcher ein Gast auf einen Mitarbeiter trifft, ist wichtig hierfür. Die Gründe für die Situation in Dortmund sind hausgemacht und resultieren auch nicht aus der Nähe zum Casino Duisburg. Eine teamorientierte Analyse der Situation, das Festlegen von Prioritäten, der notwendige Austausch nicht fähigen Personals, und konsequentes Arbeiten im Sinne von teamorientiertem Servicegedanken kann das Casino wieder attraktiver und umsatzstärker machen als jetzt. Das haben andere Unternehmen auch schon geschafft. Ohne externe Assistenz wird es jedoch nicht funktionieren, dafür ist die "Beamtenmentalität" und Demotivation schon zu sehr ausgeprägt. Dortmund - Quo Vadis ?

Finale_Acht 2011-02-14 09:01:06

Hohensyburg ist ein Beispiel für die konsequente Degenerierung eines einstmals gesunden Unternehmens. Ein schlechtes, ja teilweise lächerliches, Marketing gepaart mit miserabler Personalführung und konstanter Demotivation führen zum etappenweise Abbau des einst umsatzstärksten Casinos Deutschlands. Wer ist verantwortlich? Die Mitarbeiter besitzen grösstenteils nicht die Kompetenz zur modernen, motivierenden Führung ihrer Abteilung. In guten Jahren nach oben "befördert", mangeln ihnen die unternehmerischen Qualitäten. Denn ein Mitarbeiter im Service ist immer auch ein "Unternehmer", der Tat und Motivation ausstrahlt. Fürcherlich die Atmosphäre im Spielsaal: Wie Beamte, die sich im Laufen die Schnürsenkel zubinden können, wirken viele Mitarbeiter dort. Unzufriedenheit ist nur das Resultat einer inneren Einstellung. Innere Einstellung geschieht grösstenteils durch Motivation. Motivation wächst nicht von selbst, sondern wird durch eine günstige und positive Umgebung geschaffen. So beisst sich die Katze in den Schwanz.. Wenn das Casino so weitermacht, dann ist in 2 Jahren der Ofen aus und es finden sich dort nur noch Rentner und ein paar Spielsüchtige ein. Dabei genühen ein paar wenige, aber effiziente, Massnahmen mit der notwendigen Konsequenz und - wesentlich - den richtigen Mitabeitern, um Hohensyburg in einem Drei-Jahres-Plan (fast) wieder zu dem zu machen, was es einmal war. Fast deswegen, weil nach 25 Jahren die Region im Sinne von hochkarätigen, sehr wohlhabenden, Spielern naturgemäss ausgedünnt wurde. Doch das ist nach längerer Zeit eines Casinos normal und kein Grund für die mangelnde Besucherzahl in Dortmund.

Zerodreidrei 2011-02-14 08:43:13

Stimmt fast alles. Die Arroganz und Selbstherrlichkeit der Kugelwerfer in Hohensyburg ist kaum zu übertreffen. Früher mal die Herren in schwarz an französichen Tischen, sind sie heute zu automatisierten Drehern am American Roulette degradiert. Die Unlust in den Gesichtern verscheucht jeden ernsthaften Spieler. Servicedenken und Zuwendung zum Gast sind ein Fremdwort. Wo man auch hinsieht, (fast) nur unzufriedenen Gesichter und eine Stimmung, die nicht animiert. Hohensyburg = Serviceoase. Doch wie bei allen maroden Unternehmen: Der Fisch stinkt vom Kopf her..