Aktenzeichen AKs - der Überfall in Berlin

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Was hat sich getan, seit am 6. März vier vermummte Männer einen Teil der Preisgelder der EPT Berlin raubten? Von der Polizeigewerkschaft als „Dilettanten" verspottet, sind die Täter weiter auf der Flucht. Hochmut kommt eben vor dem Fall.

Man muss sich das mal vorstellen: Vier Männer fahren vor dem Grand Hotel Hyatt vor. An diesem Tag ist besonders viel Betrieb bei der EPT Eventwoche, denn es finden fünf Side Events gleichzeitig statt, darunter das €10.000 High Roller Turnier mit allein 48 Startern.

Die Tat

In dem Turnierbereich im ersten Stock befinden sich mindestens 500 Menschen. Das ficht die Täter jedoch nicht weiter an. Zwei von ihnen stürmen mit Skimasken über den Gesichtern die Treppe hinauf und drängen durch den dicht besetzten Raum in die hintere rechte Ecke, wo sich die Kasse befindet.  Sie sacken in aller Eile so viel Geld wie möglich ein und werden dann auf der Flucht von einem Sicherheitsmann aufgehalten, der sie mutig mit einem Laptop bewirft.

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Spieler vor dem Hyatt - mehrere hundert Zeugen?

Es gelingt ihm sogar, einen der Räuber zu Boden zu ziehen und in den Schwitzkasten zu nehmen. „Vielleich hilft mal jemand?" ruft er, aber die Umstehenden telefonieren lieber oder machen Fotos. Erst als der Komplize, der inzwischen seine Maske halb vom Kopf gezogen hat, zurückkehrt und den Wachmann mit einem Absperrpfosten bedroht, lässt dieser vernünftigerweise ab und flüchtet.

Ein Praktikant des Hotels hat inzwischen eine der Geldtaschen - es ist die mit dem Löwenanteil - an sich genommen.  Die Räuber fliehen nicht etwa mit dem Auto, sondern rennen in die „Arkaden", eine große Ladenpassage, die vom Marlene-Dietrich-Platz bis zum Potsdamer Platz reicht.

Um nicht aufzufallen, ziehen sie sich die Skimützen von den Köpfen, nicht beachtend, dass ein Einkaufszentrum selbstverständlich rundum kameraüberwacht ist. In einer Seitenstraße wartet ein Komplize mit dem Fluchtwagen. Dann verschwinden die Täter, und mit ihnen €200.000-250.000, je nach Quelle. Die meisten sprechen von ca. €242.000.

Die Spurensuche

Die Polizei kommt mit einer Hundertschaft zum Tatort. Der Tathergang ist schnell geklärt, und ernsthaft verletzt scheint glücklicherweise niemand zu sein.

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Pokertisch nach dem Überfall - Einsätze von den Tischen gestohlen?

Das Video, das einer der Journalisten vor Ort gemacht hat und bereits bei YouTube im Umlauf ist, wird exklusiv von RTL gekauft. Zumindest für den Kameramann hat sich die Reise nach Berlin also gelohnt. Überhaupt überschlagen sich die Medien plötzlich, die zuvor von dem Event kaum Notiz genommen hatten. Von Spiegel-online bis hin zu den öffentlich-rechtlichen Fernsehsendern sind nun alle in das Grand Hotel Hyatt gekommen.

Dabei zeigt sich einmal mehr die Unkenntnis der Mainstream-Presse. Völlig unsinnige Behauptungen werden aufgestellt. Auf die „eine Million Preisgeld für den Gewinner sollen es die Räuber abgesehen haben", weiß beispielsweise die Morgenpost, dabei ist das Main Event Preisgeld schon seit Dienstag eingezahlt und weggeschlossen.

Am lustigsten sind wie erwartet die Aussagen der Zeitung mit den sehr großen Buchstaben, die gesehen haben will, wie die Täter die „Einsätze von den Tischen stahlen". Ah so, da wurde also mit Bargeld gespielt, nicht wahr? Ist ja bei Turnieren immer so.

Besagte Zeitung berichtet auch von Kalaschnikows und Handgranaten, mit denen die Täter bewaffnet sein sollten. Später taucht sogar ein Videointerview - merkwürdigerweise in einer Basketballhalle aufgenommen - mit einem Zeugen auf, der die Tat scharfsinnig als „Insider-Job" erkennt. Schließlich hätten die Täter ja gewusst, dass all diese Turniere gleichzeitig stattfanden und deshalb viel Geld im Haus sein musste. Ja genau, und der Zeitplan der Turnierwoche lag nicht etwa öffentlich aus, sondern wurde unter strengem Verschluss gehalten, wie das bei großen Pokerturnieren ja auch so üblich ist.

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Dilettanten mit Kalaschnikows und Handgranaten?

Ein Kolumnist, der hier verdientermaßen nicht namentlich genannt wird, erklärt später, er habe zwar Mitleid mit alten Omas, aber nicht mit „geldgeilen, echsengesichtigen Pokerspielern". Ja, die bösen Zocker. Mitgefühl gebührt wohl eher den skrupellosen Dieben mit ihren Skimasken, die ... halt, Moment, wer war jetzt nochmal geldgeil und echsengesichtig?

An der Spurensuche beteiligt sich Tage später sogar Ex-Schlittschuhläufer und aktueller Ede-Zimmermann-Nachfolger Rudi Cerne in Aktenzeichen XY. Die Polizei befragt in kürzester Zeit ca. 50 Zeugen. Es gibt Kameraaufnahmen aus dem Hotel und den Arkaden, die Räuber hinterließen massenweise DNS-Spuren und Fingerabdrücke, alles weist darauf hin, dass Aufklärung und Festnahme nur eine Frage von Tagen sind.

Di(e)lettanten

Bei den Experten erregt die Tat weniger Besorgnis als vielmehr Verblüffung und Belustigung. "Hier waren offensichtlich nicht Profis am Werk, sondern eher Dilettanten," lacht Rainer Wendt, Vorsitzender de Polizeigewerkschaft, bei n-tv. Es zeige „eine neue Dimension von Dummheit, vor laufenden Kameras eine solche Tat zu begehen".

Kein Problem also? Auch der Berliner Polizeipräsident Dieter Glietsch äußert sich sehr optimistisch. Die Aktion Aktenzeichen XY bleibt allerdings ohne Erfolg, „keine relevanten Hinweise", lautet der Kommentar der dpa, und auch in den nächsten Tagen wissen selbst die lokalen Medien nicht von Fahndungserfolgen zu berichten.

Dann aber der Durchbruch. Die Polizei hat mithilfe eines MEKs einen der Täter festgenommen. Überwachungskameras sind also doch eine tolle Idee. Der Mann bestreitet jegliche Beteiligung, aber das wundert ja wohl niemand. Leider stellt sich nach einigen Stunden heraus, dass der Mann einer Verwechslung erlegen ist. Er wird freigelassen, während die wahren Täter unbehelligt bleiben.

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EPT-Trophäe - Startgelder offen herumliegen lasssen?

Eine Ermittlungspanne, heißt es. Peinlich. Nun mehren sich die Fragen an die Polizei. Wenn die Räuber Dilettanten waren, wieso stürmt dann ein Mobiles Einsatzkommando abends um 21 Uhr die Berliner Wohnung eines Unschuldigen?

„Der Mann wurde anhand von Bildern aus der Überwachungskamera im Park Inn identifiziert," schreibt die Berliner Morgenpost. „..verwechselt," müsste es eigentlich heißen. Nicht die einzige Aktivität der Polizei in dieser Nacht: „Im Anschluss an die Festnahme durchsuchten die Ermittler den Angaben zufolge zwei Wohnungen in Berlin. Aus „ermittlungstaktischen Gründen" könnten keine weiteren Angaben gemacht werden." (Die Welt online, 13. März)

„Dumm gelaufen", titelt schon am nächsten Tag der Tagesspiegel und fragt sich, wer hier wohl zu heftig geblufft hat. „Mag sein, dass sich die Räuber dümmer angestellt haben als die Polizei erlaubt - aber offenbar noch nicht dumm genug."

Die Polizei hat sich weit aus dem Fenster gelehnt und sich über die scheinbar unvorbereiteten und kopflos ohne Fluchtplan davonlaufenden Räuber lustig gemacht. Der Druck auf die Fahnder wächst, während die Hoffnung auf eine Ergreifung langsam schwindet.

Apropos Dilettanten: Am Samstag, den 6. März begannen das High Roller, ein weiteres NLHE sowie das Ladies Event. Zwei weitere Turniere, die seit dem Vortag liefen, wurden fortgesetzt, wie natürlich auch das Main Event, das aber erst Sonntag zu Ende gespielt wurde. Geschätzte €700.000-800.000 lagen ohne besondere Sicherung herum. Wer kommt eigentlich auf sowas?

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Öffentlicher EPT-Plan - "Insider-Job?"

Jedes Casino hat vernünftige Sicherheitsmaßnahmen, z. B. einen Safe. Außerdem waren nur vier Sicherheitsleute im Hyatt eingeteilt, auf Wunsch des Veranstalters unbewaffnet (was im Hinblick auf die ansonsten entspannte Atmosphäre durchaus nachvollziehbar ist), und zwei davon waren zum Zeitpunkt der Tat beim Mittagessen. Anders ist jedenfalls nicht ersichtlich, wieso nur ein einziger von ihnen sich den Räubern entgegenstellte.

Die Zukunft

Wie soll es nun weitergehen auf der EPT-Tour? Stehen jetzt alle Events auf der Liste von Räubern und Ganoven? Müssen alle Turniere unter extremen Sicherheitsvorkehrungen stattfinden? Nein. Panik ist unangebracht. Man muss eine mögliche Gefahrenlage schon für jedes Event getrennt einschätzen.

Die Spieler haben den Schock längst verdaut, keiner der ca. 500 Teilnehmer hat seine Anmeldung für die kommende Snowfest-EPT in Österreich, die am 21. März beginnt, zurückgezogen.

Und in Saalbach-Hinterglemm beruhigt Bezirkspolizeikommandant Arno Kosmata mit ebenso schlichter wie wasserfester Argumentation.  Für potenzielle Täter sei es nämlich einfach zu kompliziert, zu fliehen, denn: „Aus dem Tal führt nur eine Straße hinaus.  Auch deshalb sehen wir dem Ganzen sehr gelassen entgegen."

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