Poker bedeutet nicht nur NLHE und PLO

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1 April 2014, Von: Rainer Gottlieb
Geposted in: Blog
Poker bedeutet nicht nur NLHE und PLO
Kann sich jemand vorstellen, dass es bei uns irgendwann einmal andere Pokervarianten geben wird als NLHE und Omaha? Derzeit scheint das nicht sehr wahrscheinlich. In ganz Europa findet man das mehr oder weniger gleiche NL- und PLO-Angebot.

Poker bedeutet nicht nur NLHE und PLO

Steve Ruddock ist ein amerikanischer Blogger, der in verschiedenen Online-Medien publiziert. Ich kenne Steve seit 2004, als er für einige Monate in Berlin weilte und wir wegen der gemeinsamen Passion für das Pokerspiel in Kontakt kamen. Steve war regelmäßiger Gast in meinem Seven Card Stud Homegame und schon damals bewunderte ich sein profundes Wissen zum Thema. Er war bereit, jede bekannte Variante gegen jeden Gegner zu spielen.

Gegen Ende des Jahres 2004 ging er zurück in die USA, aber heutzutage in Zeiten von Facebook und Google ist es überhaupt kein Problem, Leute auf dem ganzen Erdball wiederzufinden und zu kommunizieren.

Wir haben losen Kontakt. Seine Veröffentlichungen lese ich regelmäßig. Einen seiner jüngsten Beiträge (http://www.4flush.com/opinion/no-limit-holdems-days-are-numbered/16587) halte ich für so gut, dass ich ihn mit Steves Erlaubnis leicht gekürzt auf Deutsch übersetzt habe.

Er bezieht sich dabei auf einen Text von Nolan Dalla, einem Kolumnisten mit langjährigen Meriten im Pokerjournalismus. Nolan Dallas provokante Kernaussage bezüglich der Thematik lautet: „Limit Poker macht mehr Spaß und sorgt für stabilere Verhältnisse in einem Pokerroom, was Kundentreue und Rake angeht.“

Nolan Dalla
Nollan Dalla gab den Denkanstoß zu diesem Artikel.

Und hier kommt Steves Beitrag dazu:

Steve Ruddock: "Die Tage von No-Limit Hold’em sind gezählt."

Vor Kurzem hat Nolan Dalla einen interessanten Blogbeitrag über die Unterschiede zwischen No Limit und Limit-Varianten geschrieben. Sein Text sorgte für ziemliche Aufregung im World Wide Web. Befürworter beider Formen der Wettbegrenzung äußerten dazu ihre Meinungen.

Für diejenigen, die diese Diskussionen nicht so verfolgt haben: Ich stimme nahezu vollständig mit Nolan Dallas Bemerkungen überein: No-Limit ist nicht die erste Wahl, um einen Pokerroom blühen und gedeihen zu lassen. Das gilt zumindest für Cashgames. Vermutlich hält No-Limit Hold‘em auch eine Menge potenzieller Spieler von der Teilnahme ab. Allerdings eignet es sich ausgezeichnet für Turnierpoker.

Meiner Meinung nach erfordert No-Limit Hold’em bei Weitem mehr Erfahrung und Geschick als Limit Hold‘em. Es erzeugt mehr Stress, besonders wenn die Teilnehmenden “deep” spielen. Ich bin sogar sicher, dass es zu viel Erfahrung und Geschick erfordert, um eine stabile Pokercommunity aufrecht zu erhalten.

Hier kommt meine Begründung:

Der Aspekt der Geschicklichkeit

Es gibt fließende Grenzen zwischen Spielen mit Geschicklichkeitskomponente und einem, bei dem weniger geschickte Teilnehmer kaum Chancen haben. Wenn weniger erfahrene Spieler keine Chance haben, spielen sie nicht, oder nur um geringe Summen. Diejenigen die trotzdem spielen, beschäftigen sich meist intensiver mit dem Spiel und entwickeln sich weiter.

Das perfekte Beispiel ist Schach. Wenn ich 100 Partien gegen einen Großmeister spielen würde, verlöre ich sie alle. Selbst bei einem Einsatz von nur einem Dollar pro Spiel würde ich nicht mitmachen wollen.

Andererseits, wenn ich mit meiner geringen Erfahrung gegen einen überragenden Backgammonspieler antrete, so würde ich doch die eine oder andere Partie gewinnen. Wenn mir Backgammon Spaß machen würde, wäre ich bei einem Einsatz von einem Dollar vermutlich weiter dabei, selbst wenn ich nur 20 von 100 Partien gewänne. Die Spannung und das Vergnügen am Spiel würde mein Interesse wach halten und der Verlust einiger Dollar wäre mir egal.

Ich würde allerdings keinesfalls fünf Dollar pro Spiel in 20 Partien gegen einen offensichtlich überlegenen Spieler riskieren, geschweige denn fünfmal 20 Dollar oder einmal 100 Dollar, obwohl der ROI in allen Fällen derselbe wäre.

Beim Poker kann man ähnliche Einstellungen erkennen. Die meiste Action findet man auf den Low oder Micro Limits. Dann gibt es einige, die für hohe bis höchste Einsätze spielen. Dort sind aber die Spieler mehr oder weniger alle auf demselben Niveau und warten nur auf betrunkene Nichtskönner, die ihr Geld verschwenden wollen.

Steve Ruddock
Steve Ruddock schrieb diesen Artikel.

Neue Spieler erkennen ihre Nachteile und entscheiden sich, entweder niedrig zu spielen, weil sie Spaß am Poker haben oder für hohe Stakes, weil sie das Geld dafür haben. In den mittleren Limits gibt es so gut wie kein leichtes Geld mehr zu verdienen. Besonders online, wo man Leute nun bei 2/4 und 3/6 multitabling betreiben sieht, während sie früher locker 5/10 oder 25/50 geschlagen haben.

Warum die Betsizes so großen Einfluss haben

Hierin liegt für mich der Grund, warum No-Limit Holdem nicht als Allerweltsspiel bei Cashgames funktioniert. NLH erfordert nicht nur besonders viel Erfahrung und Geschick, sondern man muss auch Einsätze wagen, die nicht jeden ruhig bleiben lassen.

Natürlich kann man auch bei Limit Hold’em 500 Dollar verlieren. Zumindest weiß man aber, was man für sein Geld bekommt. Niemand zwingt einen (wie Doyle Brunson sagt) zu einer Entscheidung um all seine Chips.

Bei Limit Hold’em kann man falsche Entscheidungen treffen und muss nicht gleich wieder neues Geld auf den Tisch legen.

Man hört hier oft das Gegenargument “dann spielst Du zu hoch”. Ja, das trifft zu, wenn man Pro ist oder einer werden will. Aber der Otto Normalverbraucher im Casino interessiert sich nicht für Bankroll Management. Er kommt mit einer bestimmten Summe pro Abend und will Spaß haben.

No-Limit ist wie ein alter Mike Tyson Kampf im Bezahlfernsehen. Der Kampf ist ruckzuck vorbei, und anschließend sitzt man mit ziemlicher Enttäuschung vor dem Fernseher und fühlt sich ein wenig geleimt. Limit Hold’em ist wie ein Kampf von Leichtgewichten. Es dauert länger, man erlebt mehr Spannung.

Betrachten wir es einmal so: Der durchschnittliche Casinobesucher geht los, um für 500 Dollar Black Jack zu spielen. Ihm dürfte klar sein, dass er in der Regel sein Geld verlieren wird. Aber er setzt sich nicht hin und riskiert 500 Dollar in der ersten Hand. Obwohl seine Chancen die gleichen sind, wäre er viel zu besorgt, denn das könnte seinen Abend in Sekunden ruinieren.

Wenn er 500 Dollar verspielt, soll es wenigstens etwas dauern.

Limit vs. No-Limit

Wird also die Pokerwelt zu Limit Holdem zurückkehren? Ich bezweifle es.

No Limit Holdem
Sind die Tage von No-Limit Hold'em wirklich gezählt?

Zum Glück existieren noch einige andere Varianten, bei denen ein Spieler nicht in einer Hand erledigt werden kann. Ich persönlich votiere für jegliche Form von Split-Pot-Games als neue Alternative. Natürlich haben diese Varianten zunächst einmal komplexere Regeln, aber ich habe Betrunkene gesehen, die es in einem Orbit kapiert haben. Es sollte also nicht so kompliziert sein.

Sicher, die Regeln sind etwas kniffliger. Eine Hand kann auch durchaus länger dauern, aber schwächere Spieler können zwischendurch einfach mal Glück haben und ein High oder Low treffen. Damit bekommen sie auch bei schlechten Odds öfter einen (halben) Pot als in No-Limit oder high-only Limit. Und damit schrumpft ihr Stack einfach langsamer.

Viel wichtiger ist - alle Split-Pot-Experten wissen es - wenn man einen großen Pot scoopt kann das am Ende Profit bedeuten und damit können auch schwächere Spieler hin und wieder als Gewinner nach Hause gehen. Selbst bei Limit Hold’em benötigt man dazu mehrere gewonnene Hände.

Abschließende Gedanken

Der wichtigste Aspekt der ganzen Debatte ist: Wenn Spieler wissen, dass sie im Nachteil sind, besteht der ganze Trick darin, ihnen die Möglichkeit zu bieten, länger zu spielen. Das erzeugt den Anschein, sie hätten mehr Möglichkeiten, “Glück” zu haben.

Deswegen kostet ein Lotterielos meist nur einen Dollar und es gibt tägliche Ziehungen. Niemand wird vermutlich einmal pro Jahr 365 Dollar zahlen, um an der einzigen Jahresziehung teilzunehmen, selbst wenn der ROI identisch ist. Und dasselbe Prinzip trifft auch auf Poker zu.

No-Limit mag die Krönung sein. Die Problematik ist dort aber ähnlich wie bei Sozialversicherungssystemen, die irgendwann davon bedroht sind, dass mehr aus dem System herausgezogen wird als hineinfließt.”

Soweit Steves Artikel auf 4Flush. Ich kann mir derzeit nicht vorstellen, dass sich bei uns Massen an Spielern in Richtung Split-Pot-Games bewegen. Noch weniger glaube ich, dass es eine Entwicklung „zurück“ zu Limit-Games wie Hold’em oder zu Seven-Card Stud geben wird. Ich bin lange Zeit nicht müde geworden, den Verantwortlichen in den Spielbanken von Berlin und Potsdam vorzuschlagen, einfach mal einen Test mit Seven Card Stud zu machen. Leider ist bisher nichts daraus geworden.

Es wäre interessant, wenn sich dazu hier eine rege Diskussion ergäbe…



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